Afghanistan Deutscher Nato-Kommandeur fordert Luftschläge gegen Taliban

Die Lage in Afghanistan alarmiert die Nato-Militärs. Aus Sicht des deutschen Generals Domröse reicht es nicht, die afghanischen Truppen nur länger auszubilden und zu beraten: "Einen Taliban-Angriff müssen wir auch niederschlagen können."

Viersterne-General Hans-Lothar Domröse: "Wir brauchen eine robuste Beratung"
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Viersterne-General Hans-Lothar Domröse: "Wir brauchen eine robuste Beratung"

Aus Saragossa berichtet


Der ranghöchste deutsche Nato-General mahnt eine robustere militärische Strategie für den Afghanistan-Einsatz der Nato an. Wegen der sich verschlechternden Sicherheitslage am Hindukusch und der Überforderung der afghanischen Armee hält es der deutsche Viersterne-General Hans-Lothar Domröse sogar für notwendig, die lokalen Sicherheitskräfte wieder stärker militärisch zu unterstützen.

"Wir brauchen eine robuste Beratung", sagte der Oberbefehlshaber des Allied Joint Forces Commands am Rand des groß angelegten Nato-Manövers "Trident Juncture" im spanischen Saragossa.

Die Äußerungen des Generals, selbst von 2008 an ein Jahr in Afghanistan als Kommandeur eingesetzt, deuten nicht weniger als einen Kurswechsel der Nato in Afghanistan an. Seit dem Ende des Kampfeinsatzes der Nato-Truppen Ende 2014 konzentrieren sich die ausländischen Truppen ausschließlich auf die Beratung der afghanischen Armee.

Domröse hingegen sagte, man müsse die Afghanen in den nächsten Monaten auch wieder stärker militärisch unterstützen, zum Beispiel aus der Luft. "Wenn wir sehen, dass es einen Taliban-Angriff gibt, müssen wir den auch niederschlagen können", sagte Domröse.

Die Nato schätzt die Lage in Afghanistan dramatisch ein

Grundsätzlich müsse man die Frage von militärischen Unterstützungsleistungen der Nato für die Afghanen "noch einmal neu überdenken", forderte Domröse. Dazu gehöre neben möglichen Luftschlägen bei Attacken der Taliban auf Städte oder Militärbasen auch eine bessere Versorgung der lokalen Sicherheitskräfte mit Aufklärungsbildern, operativer Beratung und taktischer Unterstützung. Bis heute verfügt das Land über keine schlagkräftige Luftwaffe.

Die Äußerungen zeigen, dass die Nato die Lage in Afghanistan als dramatisch einschätzt. Nach der vorübergehenden Eroberung der nordafghanischen Stadt Kunduz durch die Taliban vor einigen Wochen ist den Militärs klar geworden, dass die Afghanen die Sicherheitsverantwortung nicht alleine stemmen können. Deswegen hatten die USA kürzlich eine längere Präsenz ihrer Truppen angekündigt.

Damit gab Präsident Barack Obama sein Versprechen für den endgültigen Abzug aus Afghanistan zum Ende seiner Amtszeit auf. Die Bundesregierung will die deutschen Truppen ebenfalls länger als geplant im Norden des Lands lassen.

Im Nato-Hauptquartier zirkuliert derzeit ein Lagebericht, der die Entwicklungen in Afghanistan in düsteren Farben skizziert. "Die Afghanen hängen in allem hinterher, bei allen internationalen Playern gibt es mittlerweile Enttäuschung", sagte Domröse in Spanien, "es geht nicht so schnell wie wir dachten." Bei der Eroberung von Kunduz hatten die internationalen Truppen zunächst tagelang kein richtiges Lagebild, da sie von den Afghanen nur unzureichend informiert worden waren. Erst mit massiver amerikanischer Unterstützung gelang ihnen schließlich nach mehr als einer Woche und erbitterten Kämpfen die Befreiung der Stadt.

Die Nato-Länder müssen über eine neue Strategie entscheiden

Domröses Äußerungen spiegeln eine Diskussion unter den Militärs der Nato wider, die eine stoische Fortsetzung der reinen Ausbildungsmission als nicht ausreichend sehen. Auch von US-Kommandeuren dürften vor dem nächsten Treffen der Nato-Verteidigungsminister ähnliche Forderungen laut werden.

Wie wird die Politik auf die Vorschläge reagieren? Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hatte zwar eine längere Trainingsmission unterstützt, eine Rückkehr zu robusten Operationen wie in der Vergangenheit aber schloss sie bisher kategorisch aus. Im Dezember müssen nun die Nato-Länder über eine Anpassung der Strategie entscheiden.

Der Viersterne-General begrüßte die Entscheidung für eine längere Präsenz der Nato-Truppen in der Fläche des Lands. Ursprünglich wollte man sich schon 2016 komplett nach Kabul zurückziehen. "Ich bin froh, dass wir länger bleiben", sagte Domröse, "wir hoffen, dass wir einen Dammbruch verhindern können".

Er betonte, dass ein Abzug der Militärs aus den Regionen auch das Ende der zivilen Entwicklungsarbeit nach sich ziehen würde. "Das wäre ein Rückschlag, denn wir brauchen alle guten Hände in Afghanistan", mahnte der Oberbefehlshaber des Nato-Kommandos.

Die Bundeswehr hat derzeit noch knapp 700 Soldaten in Afghanistan stationiert, die meisten davon im Feldlager in Masar-e-Scharif. Von dort aus fliegen rund zwei Dutzend Militärberater regelmäßig zu den afghanischen Kommandeuren der Region, daneben schulen die Deutschen die lokale Armee logistisch. Über Kampfflugzeuge zur Luftunterstützung hingegen verfügen nur noch die USA, sie dürfen laut den geltenden Einsatzregeln aber nur im Notfall eingreifen, wenn eigene Truppen gefährdet sind.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
viktor koss 03.11.2015
1. Die armen Afghanen, geboren, aufgewachsen und im Krieg gefallen...
Seit fast 40 Jahren tobt der Krieg und die Menschen kennen kein anderer Zustand als immer werdender Krieg. Alle die mit besten Willen vor manchen militärischen Abenteuern gewarnt haben, haben doppelt Recht gehabt. Leider geht es nicht in die Köpfe der Politik und die des Militärs.
Msc 03.11.2015
2.
Die Militärs wisses es, die Politiker wissen es, der deutsche Bürger weiß es und vermutlich sogar die afghanischen. Die Taliban werden nicht besiegt und kommen zurück, wenn der Westen abzieht. Es gibt also nur zwei Alternativen: Bleiben bis St. Nimmerlein oder aufgeben (darf nur nicht so heißen).
Gerixxx 03.11.2015
3. Der General hat nichts....
...aber auch gar nichts begriffen ! Der Krieg dort ist militärisch nicht zu gewinnen !!! Warum stellt man sich nicht mal die Frage, wieso die Taliban so erfolgreich sind und wer sie dabei unterstützt ? Mit diesen Kräften müsste man doch logischerweise darüber reden und nach Lösungen suchen.... oder wie soll es ohne sie gehen ? Wieviele Deutsche und Europäer sollen dort noch verheizt werden obwohl sie dort absolut nichts zu suchen haben ? Wieviele Milliarden sollen noch vergeudet werden ? Wieso ist dieses militärische Denken aus dem 20. Jahrhundert so losgelöst von politischen Lösungsansätzen ? Wann gibt man den Paschtunen und anderen Ethnien einen eigenen Staat - notfalls mit ethnischer Bereinigung per Umsiedung ? Das ist allemal besser als das fortgesetzte Gemetzel und holt nur die Nationenbildung nach, die Europa vor etlichen Jahren durchlief (übrigens mit genausoviel Opfern und Zerstörungen...). Wann erkennt man endlich die multipolare Welt an und kooperiert auch mit Staaten wie Iran, Russland und China - oder versucht zumindest die gemeinsamen Interessen auszuloten - statt von vornherein nur auf Konfontation zu setzen ? Alles andere dürfte letztendlich außerdem im imperialen Overstretch enden. Was lernt eigentlich unsere Generalität im Strategielehrplan ? Und ja....die Stabilisierung des Hindukusch und mittleren Ostens ist mittlerweile tatsächlich für die europäische Sicherheit relevant - das ist allerdings ein vermeidbares hausgemachtes Problem des "Westens" - mit den Amerikanern vorneweg....
irobot 03.11.2015
4.
Zitat von viktor kossSeit fast 40 Jahren tobt der Krieg und die Menschen kennen kein anderer Zustand als immer werdender Krieg. Alle die mit besten Willen vor manchen militärischen Abenteuern gewarnt haben, haben doppelt Recht gehabt. Leider geht es nicht in die Köpfe der Politik und die des Militärs.
Was will man denn machen? Afghanistan sich selbst überlassen so wie nach dem Abzug der Sowjetunion? Dann haben wir noch mal zig Jahre Bürgerkrieg und am Ende wird das Land wieder von den Taliban terrorisiert. Ich persönlich habe nicht die geringste Ahnung, was man da machen könnte. Aber einfach das Weite zu suchen kann keine Lösung sein. Denn Frieden wird das auch nicht bedeuten.
benbombadil 03.11.2015
5. Wann...
...begreifen diese Strategen der Waffen, dass eine gesellschaftliche Veränderung nicht mit militärischer Gewalt erzwungen werden kann, sondern von innen wachsen muss? Ich vermute, dass die Menschen dort sich vordringlich eines wünschen: stabile Verhältnisse! Egal, unter welcher Herrschaft. Und seien es die Taliban. Hauptsache es wird nicht mehr gekämpft. Der Tod lauert in diesem Land an jeder Ecke... sei es durch US-Drohnen, oder die fanatischen Halsdurchschneider.
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