Mutmaßliche Extremisten Afghanistan düpiert USA mit Gefangenen-Freilassung

Die afghanische Regierung will 88 mutmaßliche Extremisten aus dem Militärgefängnis Bagram entlassen. Der Schritt verschärft den Streit mit den USA erneut: Washington wartet schon lange vergeblich darauf, dass die Regierung in Kabul endlich ein Sicherheitsabkommen unterzeichnet.


Kabul/Washington - Die USA haben Afghanistan vor der geplanten Freilassung von 88 mutmaßlichen Extremisten aus dem Militärgefängnis Bagram gewarnt. Bei den Gefangenen, die den Reihen der radikalislamischen Taliban und des Terrornetzwerks al-Qaida entstammen sollen, handle es sich um "gefährliche Individuen", erklärte Dave Lapan, Sprecher der US-Truppen in Afghanistan, am Mittwoch. Sie müssten dem "offiziellen afghanischen Justizsystem" übergeben werden.

Die USA hatten das Militärgefängnis Bagram im vergangenen März an die afghanischen Streitkräfte übergeben. Daraufhin wurde die Freilassung von 648 Häftlingen beschlossen, von denen noch 88 in der Haftanstalt einsitzen. Über deren Freilassung gibt es seit Monaten Streit zwischen den Regierungen in Washington und Kabul. Die afghanischen Behörden hätten "ihr Mandat übertreten", kritisierte Lapan.

Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert einen US-Regierungsvertreter mit der Aussage, dass rund 40 Prozent der Gefangenen direkt für die Verwundung oder den Tod von 57 afghanischen Zivilisten und Sicherheitskräften verantwortlich seien. 30 Prozent hätten sich an Angriffen beteiligt, bei denen 60 Soldaten der USA und alliierter Staaten verletzt oder getötet worden seien.

Der Leiter der afghanischen Kommission zur Prüfung der Inhaftierungen widersprach der Einschätzung, die 88 Gefangenen seien gefährlich. "In vielen Fällen wurden sie irrtümlich mit gewissen Vorkommnissen in Verbindung gebracht, mit denen sie nichts zu tun hatten", sagte Abdul Shakor Dadras.

Die USA fürchten, dass Afghanistan nach dem Abzug der internationalen Kampftruppen zum Jahresende ins Chaos abgleiten könnte. Beide Länder ringen seit langem um ein Sicherheitsabkommen, das auch Voraussetzung für finanzielle Hilfen des Westens ist. Die Vereinbarung ist zudem die Vorlage für ein entsprechendes Abkommen für Deutschland und die anderen an dem künftigen internationalen Einsatz am Hindukusch beteiligten Staaten. Afghanistans Staatschef Hamid Karzai hat die USA gegen sich aufgebracht, indem er die Unterzeichnung des Abkommens bisher verweigert hat. Er will dies seinem im April zu wählenden Nachfolger überlassen.

mbe/AFP/Reuters



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