Afghanistan Einäugiger Mullah umzingelt, Amerikaner wollen ihn festnehmen

Er gilt als das Oberhaupt der Taliban, als einer der fanatischsten Gotteskrieger. Doch nun könnte die Flucht von Mullah Omar am Ende sein. Tausende afghanische Kämpfer und US-Marines sollen sein Versteck in einem südafghanischen Dorf umzingelt haben. Bewohner des Dorfes wurden aufgefordert, Omar auszuliefern.


Taliban-Chef Mullah Mohammed Omar: Selten fotographiert, und seit dem Fall Kandahars vollkommen verschollen
AP

Taliban-Chef Mullah Mohammed Omar: Selten fotographiert, und seit dem Fall Kandahars vollkommen verschollen

Kabul/Kandahar - Seit dem Fall Kandahars Anfang Dezember fehlte von dem einäugigen Omar jede Spur, doch schon am Wochenende schienen die Amerikaner seine Spur wieder gefunden zu haben: US-Marines in großer Truppenstärke verließen ihr Quartier in Kandahar, begleitet von Kampfflugzeugen und Bombern.

Die Anzeichen verdichten sich, dass die Elitesoldaten zusammen mit paschtunischen Anti-Taliban-Kämpfern vorhaben, Omar festzunehmen. Der örtliche Geheimdienstchef im afghanischen Kandahar teilte am Dienstag mit, Dorfbewohner in der Nachbarprovinz Helmand seien aufgefordert worden, Omar auszuliefern, um einen Angriff auf ihr Dorf abzuwenden. Dieses Dorf ist offenbar von Amerikanern und Paschtunen eingekesselt worden. Es sei allerdings kein formelles Ultimatum gestellt worden, so die afghanische Geheimdienstquelle.

Nach Darstellung des US-Oberkommandos in Florida haben die Spezialeinheiten ihre Basis lediglich für einen Aufklärungseinsatz verlassen. Die US-Marines sollten an einem Platz, der von den radikal-islamischen Taliban oder den al-Qaida-Kämpfern des Extremisten Osama Bin Laden vermutlich aufgegeben worden sei, nach möglicherweise wichtigen Hinweisen suchen, hieß es. Es gehe bei dem Einsatz nicht um eine Verfolgung des untergetauchten Taliban-Chefs Mullah Mohammed Omar, betonte der Sprecher.

"Verhaften, wenn er dort ist"

Der paschtunische Geheimdienstchef Hadschi Gullalai sagte demgegenüber, er und seine Verbündeten hätten rund 2000 Kämpfer zusammengezogen, die zu einem Angriff auf das vermutete Versteck Omars bereit seien. Wo sich der Taliban-Chef genau aufhält, sagte er nicht. Einem Vertreter des US-Verteidigungsministeriums zufolge deuten Hinweise der Geheimdienste darauf hin, dass sich Omar in der Nähe des südafghanischen Baghran in der Provinz Helmand versteckt hält. Der Ort liegt in bergigem Gelände, rund 160 Kilometer nordwestlich von Kandahar.

"Wenn (Omar) dort ist, werden wir ihn verhaften", hatte der afghanische Interimspremier Hamid Karzai am zuvor in Bezug auf Omar gesagt. Er bestätigte damit, dass die Ergreifung Omars Ziel der US-Militäraktion sei. Das Pentagon in den USA teilte indessen nur mit, dass eine Aktion der Marines gestartet worden sei, wollte aber nichts zu Details und Zielsetzung mitteilen. Sprecher des Zentralkommandos amerikanischer Truppen sagten, ihnen sei keine Operation zur Ergreifung Omars bekannt.

Bei Dschalalabad im Osten Afghanistans wurde unterdessen nach Angaben des US-Zentralkommandos ein US-Soldat in einem Feuergefecht mit Unbekannten verletzt. Unbekannte hätten das Feuer auf einen US-Konvoi eröffnet. Die US-Soldaten hätten das Feuer erwidert, den Angreifern sei jedoch die Flucht gelungen.



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