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Afghanistan-Einsatz: Bundeswehr steht direkte Konfrontation mit Militanten bevor

Deutsche Soldaten sollen die Eingreiftruppe der Norweger im Norden Afghanistans ablösen. Kommende Woche werde das Begehren der Nato bekanntgegeben, meldet die "Bild"-Zeitung. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der frühere stellvertretende EU-Sonderbeauftragte Thomas Ruttig über die neue Taktik der Taliban und die Gefahren für die Bundeswehr.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ruttig, die Mission der Bundeswehr galt bislang eher als ein Entwicklungshilfeeinsatz in Uniform. Wird es jetzt ernst?

Ruttig: Die Sicherheitslage hat sich in den letzten zwei Jahren jedenfalls deutlich verschlechtert. Es ist damit auch für die deutschen Soldaten gefährlicher geworden. Ein Entwicklungshilfeeinsatz war es aber noch nie, auch wenn manche Soldaten zivil helfen. Es gibt zunehmend Angriffe auf die internationalen Einsatztruppen, darunter Selbstmordanschläge mit Todesopfern unter Deutschen in Kunduz und Kabul. Man hätte von Anfang an damit rechnen müssen, dass sich die Situation so entwickeln kann.

Afghanistan-Experte Ruttig: "Ein neuer Höhepunkt der Gewalt"
SWP

Afghanistan-Experte Ruttig: "Ein neuer Höhepunkt der Gewalt"

SPIEGEL ONLINE: Nun soll die Bundeswehr in diesem Sommer eine Spezialeinheit der Norweger im Norden ablösen - mit Kampftruppen. Erwarten Sie, dass die Taliban dann auch ihre Strategie gegenüber den deutschen Soldaten ändern?

Ruttig: Das ist durchaus möglich. Wenn die deutschen Soldaten die Rolle der Norweger in der schnellen Eingreiftruppe übernehmen, geraten sie automatisch mehr in direkte Kämpfe mit militanten Gruppierungen. Aber auch andere islamistische Vereinigungen sind gefährlich, die sich zum Teil mit den Taliban koordinieren.

SPIEGEL ONLINE: An der afghanisch-pakistanischen Grenze haben Islamisten erstmals einen Militärstützpunkt erobert. Werden die Taliban jetzt auch im bislang relativ friedlichen Norden für Unruhe sorgen?

Ruttig: Die Taliban haben definitiv ihre Operationen nach Norden ausgedehnt, schrittweise auch in die Umgebung von Kabul, wo es früher ruhig war. Es gab aber schon vor ihrem Wiederauftauchen unterschwellige Spannungen. Doch dies ist nur eine Seite der Medaille: Im Norden beobachtet man zunehmend Gruppierungen, die Terroranschläge verüben, obwohl sie offiziell die Regierung von Hamed Karzai unterstützen. Dies wird dann den Taliban in die Schuhe geschoben. Mittlerweile haben sogar Angehörige von Fraktionen, die im Parlament vertreten sind, in einzelnen Provinzen militärische Operationen angefangen. Die Gefahr geht nicht mehr nur von den Taliban aus.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Anschlag auf das luxuriöse Serena-Hotel in Kabul scheint sich auch die Vorgehensweise der Terroristen verändert zu haben. Gibt es eine neue Qualität der Angriffe?

Ruttig: Dies ist zweifellos ein neuer Höhepunkt der Gewalt. Es ist aber keine neue Vorgehensweise. Die Taliban verfolgen zwei parallele Ansätze. Zum einen versuchen sie, in ländlichen Regionen durch viele, kleine Anschläge permanent abzuschrecken und dort die Vorherrschaft zu behalten, zum anderen bauen sie jetzt vermehrt auf spektakuläre und medienwirksame Anschläge wie auf das Serena-Hotel.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet dies für die notwendigen zivilen Aufbauarbeiten?

Ruttig: Viele internationale Helfer werden sich jetzt dreimal überlegen, ob sie noch in Afghanistan arbeiten wollen. Von weitem sieht es ja so aus, als ob es gar keinen Ort mehr gibt, wo man sich sicher aufhalten kann. Man fährt mittlerweile sowieso besser, wenn man in einfacheren Gästehäusern übernachtet. Wenn sich nicht alle an einem Ort befinden, wissen die Terroristen auch nicht mehr, wo sie zuschlagen können.

Das Interview führte Gordon Repinski

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