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Afghanistan-Einsatz: "Den Amerikanern ist egal, ob die Europäer mehr Truppen senden"

Europas Regierungen fürchten, dass Barack Obama ihnen mehr Soldaten für den Kampf gegen die Taliban abverlangt - ein Irrtum, sagt US-Militärexperte Jeremy Shapiro im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Tatsächlich wolle Amerika in Afghanistan mehr selbst kontrollieren: Denn die Verbündeten hätten in mancher Hinsicht versagt.

SPIEGEL ONLINE: Präsident Obama hat angekündigt, weitere 17.000 US-Soldaten nach Afghanistan zu schicken. Reicht das, um den Vormarsch der Taliban zu stoppen?

Bundeswehrsoldaten bei Kunduz: "In mancher Hinsicht stünden wir jetzt besser da, wenn die Europäer gar nichts gemacht hätten"
REUTERS

Bundeswehrsoldaten bei Kunduz: "In mancher Hinsicht stünden wir jetzt besser da, wenn die Europäer gar nichts gemacht hätten"

Shapiro: Für mich gibt es vier Hauptprobleme in Afghanistan: Die Situation an der Grenze zu Pakistan, wo militante Aufständische Unterschlupf finden. Zu wenig internationale Hilfe und deren schlechte Koordination, die Mängel der afghanischen Regierung, der korrumpierende Einfluss des Drogenhandels. Einfach mehr Truppen zu senden, wird sicher in einigen Gegenden helfen. Aber solange es keine neue Strategie gibt, werden mehr Soldaten nur die Gewalt in Afghanistan erhöhen und den militärischen Stillstand fortsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Was sonst braucht man noch?

Shapiro: Ich höre ermutigende Vorschläge in Washington: stärkere Bemühungen um lokale Versöhnung, besser koordinierte Hilfsprogramme, mehr Investitionen in Afghanistans Infrastruktur und die Ausbildung von Polizei und Armee. Es gibt auch Gerüchte, dass die USA sich um ein Regionalabkommen mit Pakistan und Indien bemühen werden. Wenn mehr US-Truppen mehr Spielraum für solche Maßnahmen schaffen, könnten wir echte Fortschritte sehen.

SPIEGEL ONLINE: Aber wird all das nicht schon lange erprobt? Europäer, gerade die Deutschen, haben seit langem versucht, die afghanische Polizei zu schulen.

Shapiro: Der Beitrag der Europäer, auch der Deutschen, war in dem Gebiet einfach grausig. In mancher Hinsicht stünden wir jetzt besser da, wenn sie gar nichts gemacht hätten. Das ist ein generelles Problem in Afghanistan: Ein Großteil der Anstrengungen ist verschwendet. Wir brauchen einfach eine effektivere Kommandostruktur - das ist einer der Punkte, der bei den aktuellen Debatten in Washington immer eine große Rolle spielt.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt: Die Amerikaner wollen gar nicht mehr Truppen von den Europäern? Sie wollen lieber mehr Hilfe in anderen Bereichen und mehr Kontrolle?

Shapiro: Genau. Die Europäer haben völlig verpasst, um was es eigentlich geht. Sie sind zu fokussiert auf mögliche Truppenbeiträge. Die Amerikaner wollen nicht noch ein paar Tausend mehr Nato-Truppen in Afghanistan herumwandern sehen. Sie haben sich erst einmal entschieden, diese Rolle selber zu spielen - wenn sie dafür mehr Kontrolle erhalten. Klar, das ist ein echtes Problem für die Nato-Struktur und für das System transatlantischer Solidarität - aber wahrscheinlich eine sehr gute Sache für Afghanistan.

SPIEGEL ONLINE: Also wird der Einsatz in Afghanistan immer mehr zu einem US-Unternehmen?

Shapiro: Washington wird die Nato natürlich nicht rauskegeln. Aber die aktuelle Kommandostruktur wird unbedeutender werden, sobald mehr amerikanische Truppen ankommen. Das passiert ja schon. Deshalb sollte sich die transatlantische Debatte nicht länger um Truppenbeiträge drehen. Nato-Partner haben bereits 35.000 Soldaten in Afghanistan stationiert, sie haben ihre Truppenstärke erheblich ausgeweitet. Das Problem ist: Sie nutzen diese Ressourcen nicht sehr gut. Den Amerikanern ist egal, ob die Europäer mehr Truppen senden. Sie wollen mehr Effizienz.

SPIEGEL ONLINE: Aber noch einmal: Europäer wünschen sich von den Amerikanern eine klarere Militärstrategie. Sie sagen: Afghanistan ist anders als Irak, wo eine Truppenerhöhung half.

Shapiro: Natürlich sagt jeder, dass Afghanistan nicht Irak ist. General David Petraeus, der jetzt den Afghanistan-Einsatz koordiniert, ist kein Idiot. Er kennt den Unterschied genau. Petraeus hat ein ganzes Buch über den Umgang mit Aufständischen geschrieben, das regionale Besonderheiten genau berücksichtigt. Aber natürlich kann man Lehren aus dem Irak-Einsatz ziehen: dass die US-Truppen Kontakt mit der Bevölkerung halten müssen, dass die lokalen Truppen und politische Versöhnung wichtig sind.

SPIEGEL ONLINE: Doch werden die Amerikaner auch Lehren daraus ziehen? Man hat bisher nicht den Eindruck in Afghanistan.

Shapiro: Beim ersten Mal liegt das US-Militär nie richtig - aber mit der Zeit zieht es für eine so große Institution erstaunlich schnell Lehren. Man kann sich wohl kein größeres Desaster als den Irak-Krieg vorstellen - doch das US-Militär hat davon wohl am meisten gelernt. Es hat etwa viel stärker den Rat der Einheimischen gesucht, um mit den Aufständischen umzugehen. Das könnte auch in Afghanistan gut funktionieren, wo amerikanische Truppen seit langem stationiert sind und eine Menge solches Wissen gesammelt haben.

SPIEGEL ONLINE: Aber da bleibt immer noch das große Hindernis: die Grenze zu Pakistan, wo militante Aufständische ins Land strömen.

Shapiro: Das stimmt. Ich glaube, niemand hat dafür bislang eine Lösung. Die Luftschläge gegen militante Kämpfer in der Region - welche die Obama-Regierung fortsetzt - sind bestenfalls eine Notlösung. Man braucht einen regionalen Ansatz, der Afghanistan, Pakistan und auch Indien einschließt. Die Ernennung von Richard Holbrooke zum Sondergesandten für Afghanistan und Pakistan zeigt, dass die Regierung in Washington das verstanden hat.

SPIEGEL ONLINE: Aber dafür muss die Zusammenarbeit mit der Regierung in Afghanistan gelingen. Bislang hat Obama kaum mit Präsident Hamid Karzai gesprochen.

Shapiro: Das Weiße Haus ist verständlicherweise frustriert von Karzai und seiner Leistung. Es wäre aber töricht zu glauben, dass Washington einfach eine effektivere Regierung in Kabul installieren kann - das ist ja in der Vergangenheit schon gründlich schiefgegangen. Die internationale Gemeinschaft ist auch so enttäuscht von Karzai, weil er in einem Zwiespalt steckt: Er muss seinem Volk zeigen, dass er ein eigenständiger Akteur ist und etwa gegen Angriffe auf Zivilisten in seinem Land protestiert. Wir müssen anerkennen, dass jeder afghanische Präsident in diesem Zwiespalt steckt. Wir sollten aber weiter darauf bestehen, dass die Regierung bei der Korruptionsbekämpfung Fortschritte macht - und dass bald faire und offene Präsidentschaftswahlen stattfinden.

SPIEGEL ONLINE: Werden die noch dieses Jahr stattfinden?

Shapiro: Ich glaube, ja. Im Laufe dieses Jahres.

SPIEGEL ONLINE: Apropos Wahlen: Muss sich Obama nicht Sorgen machen, dass seine Wähler des Afghanistan-Einsatzes bald überdrüssig werden? US-Medien sprechen schon von "Obamas Vietnam" oder fragen: "Warum sind wir in Afghanistan?"

Shapiro: Nein. Obama hat die Wahl gewonnen, obwohl er einen stärkeren Einsatz in Afghanistan versprochen hat. Wenn wir dort in ein oder zwei Jahren weiter keine Fortschritte machen, könnte die Kritik lauter werden. Aber im Moment hat der Präsident genug öffentliche Rückendeckung, um eine langfristige Verpflichtung in Afghanistan einzugehen.

Das Interview führte Gregor Peter Schmitz, Washington

Anm. der Red: In einer ersten Fassung des Interviews wurde in der Überschrift der Eindruck erweckt, Jeremy Shapiro halte den gesamten Einsatz deutscher Verbände in Afghanistan für grausig. Er meinte aber allein die Ausbildung afghanischer Polizeikräfte durch Deutsche und Ausbilder anderer Nationen.

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