Afghanistan-Einsatz Nato-Partner wütend über deutsche Kampf-Hemmungen

Der Druck auf Deutschland, sich im umkämpften Süden Afghanistans zu engagieren, wächst: Bei einer Nato-Versammlung warf ein britischer Delegierter einem Zeitungsbericht zufolge deutschen Soldaten vor, kanadische Truppen im Stich gelassen zu haben - mit tödlichen Folgen.


Berlin - Immer wieder waren in den vergangenen Wochen Forderungen vor allem aus den USA, Kanada und Großbritannien laut geworden, Deutschland und andere Nato-Partner müssten innerhalb der internationalen Afghanistanschutztruppe (Isaf) mehr Verantwortung übernehmen. Im Klartext heißt das: Kampftruppen in den Süden zu schicken, in dem sich die Soldaten einiger weniger Nato-Staaten dauerhaft verlustreiche Kämpfe mit den Taliban-Rebellen liefern.

Bundeswehr in Afghanistan: Bald auch im Süden?
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Bundeswehr in Afghanistan: Bald auch im Süden?

Die deutschen Teilnehmer der Nato-Parlamentarierversammlung im kanadischen Quebec bekamen das Unverständnis der kämpfenden Nationen jetzt deutlich zu spüren, berichten die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die "Märkische Allgemeine". Auf der Konferenz sei das "ein Riesenthema" gewesen, hieß es.

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Rainer Stinner zitierte laut "FAZ" einen britischen Konferenz-Teilnehmer, der sich über einen Fall von unterlassener Hilfeleistung beklagte - dies habe letztlich zwölf kanadische Soldaten das Leben gekostet. Während der Operation "Medusa" im Sommer habe der Isaf-Kommandeur 150 Mann aus Kampftruppen zur Unterstützung erbeten, weil kanadische Einheiten in schwere Bedrängnis geraten seien. Der deutsche Kontingentführer habe daraufhin mitgeteilt, er habe zwar Soldaten, die er schicken könnte, doch bekomme er aus Berlin keine Erlaubnis dazu. Die Bundesregierung hatte wiederholt beteuert, es habe keine offizielle Anfrage gegeben, mit Kampftruppen in den unruhigen Süden Afghanistans zu gehen.

Unter den britischen, kanadischen und niederländischen Kollegen herrsche eine Stimmung nach dem Motto "Ihr da oben trinkt Bier, während wir die Knochen hinhalten", hieß es laut "FAZ". Der grüne Bundestagsabgeordnete Winfried Nachtwei zitierte einen britischen Kollegen mit den Worten: "Wenn sie uns nicht unterstützen können, sollen sie uns wenigstens nicht bekämpfen."

Die deutschen Abgeordneten in den zuständigen Ausschüssen hätten sich zuvor bei der Abstimmung über einen Antrag enthalten, der fordert, nationale Vorbehalte zu beseitigen, die den prompten und effektiven Einsatz der in Afghanistan stationierten Kräfte verhindern. Zuvor habe es einen - nur teilweise erfolgreichen - deutschen Versuch gegeben, den Text zu entschärfen. Deutsche Soldaten sind im Rahmen von Isaf vor allem im Raum Kabul und im relativ ruhigen Norden Afghanistans stationiert.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Karl Lamers sagte der "FAZ": "Sollte es notwendig sein, dass man mit mehr Truppen insgesamt 'rein muss, dann muss man darüber nachdenken. Dann stellt sich die Frage aber für alle, auch für die, die noch gar nicht in Afghanistan sind."

Grünen-Verteidigungsexperte Nachtwei bestätigte der "Märkischen Allgemeinen", vor allem Vertreter Kanadas, Großbritanniens, der Niederlande und der USA hätten die deutsche Haltung auf zum Teil sehr emotionale Weise kritisiert. Er bezeichnete die Auseinandersetzungen unter den Parlamentariern als sehr ungewöhnlich. Deutschland sei aber unter anderem von Spanien, Italien und Griechenland unterstützt worden. Die Parlamentarische Versammlung der Nato hat keine Entscheidungsbefugnis, gilt aber als wichtiger Gradmesser für die politische Stimmung in den Mitgliedsländern.

Zuvor hatte Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer mehr Engagement der Truppenstellerstaaten in Südafghanistan gefordert. "Wir müssen unsere eigenen Kräfte in Afghanistan besser ausstatten. Das bedeutet auch, dass wir die Beschränkungen aufheben, die einzelne Nationen ihren Einsatzkräften auferlegt haben", schrieb de Hoop Scheffer in einem Gastbeitrag für die "Berliner Zeitung".

Die Lage in Afghanistan ist Thema des Nato-Gipfels Ende November in Riga. Karsten Voigt, der Regierungsbeauftragte für die deutsch-amerikanischen Beziehungen, wurde nach SPIEGEL-Informationen kürzlich in Washington bedrängt, die Bundeswehr könne nicht immerzu nur im ruhigen Norden Patrouille fahren. Die deutschen Soldaten müssten "lernen zu töten".

phw/dpa/AFP



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