Warnung von EU-Beauftragtem Terrormiliz IS breitet sich in Afghanistan aus

Die EU sieht eine neue Gefahr für Afghanistan: Der Sonderbeauftragte warnt, dass sich neben den Taliban auch der IS am Hindukusch ausbreite. Der Westen dürfe nicht die gleichen Fehler wie in Syrien machen.

IS-Kommandeur Hafiz Said Khan (M.), Anführer des IS in Afghanistan (Foto aus IS-Propaganda-Video): Warnung von EU-Beauftragtem
DPA/ ISLAMIC STATE

IS-Kommandeur Hafiz Said Khan (M.), Anführer des IS in Afghanistan (Foto aus IS-Propaganda-Video): Warnung von EU-Beauftragtem


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Kriegsland Syrien, Kampf gegen die Terrormiliz IS im Irak: Auf diese Krisenherde richtete sich zuletzt das Augenmerk des Westens. Doch nach der überraschenden Taliban-Offensive in Kunduz rückt nun Afghanistan wieder in den Fokus.

Denn dort wächst eine zweite Gefahr heran, wie der EU-Sonderbeauftragte für Afghanistan warnt: Die Extremistenmiliz "Islamischer Staat" (IS).

"In den vergangenen Wochen hat sich der IS in Afghanistan neu formiert, Orte in Nangarhar verwüstet, Stammesführer brutal ermordet, Kämpfe mit den Taliban geführt, ganze Familien gefangen genommen und rigorose Regeln für Frauen verhängt", so Franz-Michael Mellbin in der "Welt". "Die afghanischen Sicherheitskräfte reagieren, aber sie sind überdehnt wegen der Operationen gegen starke Taliban-Offensiven an anderen Orten."

Die Hoffnung, der IS werde in Afghanistan ein Randphänomen bleiben, habe sich als unrichtig erwiesen. "Der Optimismus war verfrüht", ergänzte Mellbin. Auch in Syrien sei der IS zunächst unterschätzt worden. Deswegen müsse die Miliz in Afghanistan jetzt schnell gestoppt werden. "In Afghanistan können wir es noch richtig machen."

Dass der IS mit seinen jüngsten Aktionen seine Präsenz in Afghanistan zementieren könne, sei jedoch noch nicht sicher. Es gebe dort keine Bevölkerungsgruppe, aus der sich automatisch IS-Kämpfer rekrutieren würden, schreibt Melbin in der "Welt". Deshalb werde die Miliz weiter auf Überläufer der anderen extremistischen Gruppen angewiesen sein. "Die große Gefahr ist ein IS, der zum Sammelbecken all jener Taliban wird, die sich von den internen Kämpfen der Bewegung abwenden oder einen Friedensprozess ablehnen, weil sie ihren lukrativen Dschihad lieber fortsetzen wollen."

Taliban erobern Kunduz

Der IS geht mit brutaler Gewalt gegen Andersgläubige vor. Neben Teilen Syriens kontrolliert er auch im Irak ganze Landstriche. Immer mehr Menschen fliehen vor den Gräueltaten der Miliz - oft Richtung Europa.

Die radikalislamischen Taliban hatten am Montag Kunduz erobert. Am Dienstag starteten die afghanischen Streitkräfte eine Gegenoffensive.

Der Vormarsch der Taliban löste in Deutschland eine Diskussion über eine Verlängerung des Bundeswehreinsatzes in Nordafghanistan aus. Die Bundeswehr hatte sich vor zwei Jahren aus Kunduz zurückgezogen, ist aber noch im 150 Kilometer entfernten Masar-i-Scharif stationiert - allerdings nur zur Ausbildung und Beratung der afghanischen Armee.

Zusammengefasst: Die EU fürchtet ein Erstarken der IS-Dschihadisten in Afghanistan. Die Terrormiliz hat sich demnach in den vergangenen Wochen neu aufgestellt. Da das afghanische Militär im Kampf gegen die Taliban gebunden sei, ergäben sich jetzt Freiräume für den IS. Das müsse sofort unterbunden werden, fordert der Sonderbeauftragte, damit sich nicht die Fehler, die man in Syrien machte, nicht wiederholten.

Finanzrat Medienrat Geheimrat Militärrat Hilfsrat für Kämpfer Sicherheitsrat Rechtsrat Schurarat

Für weitere Information zu den neun Räten: Fahren Sie mit dem Mauszeiger über die Boxen in der Grafik.

Führungsrat:

Das Gremium trifft alle wichtigen Entscheidungen im "Islamischen Staat". Alle Beschlüsse des Führungsrats müssen von IS-Chef Baghdadi abgesegnet werden. Zumindest theoretisch können die Mitglieder des Führungsrats den "Kalifen" absetzen.

Schura-Rat:

Besteht aus neun Männern, die in islamischem Recht bewandert sind. Sie beraten den Führungsrat in allen wichtigen militärischen und religiösen Fragen.

Geheimdienstrat:

Sammelt Informationen über innere und äußere Gegner des IS.

Finanzrat:

Ist das Finanzministerium des IS und verfügt über Hunderte Millionen US-Dollar. Der Rat koordiniert den Verkauf von Erdöl und fädelt Waffengeschäfte ein.

Militärrat:

Ist so etwas wie das Verteidigungsministerium des "Islamischen Staats". Der Rat koordiniert den militärischen Vormarsch und die Sicherung des eroberten Territoriums.

Hilfsrat für Kämpfer:

Organisiert die Schleusung ausländischer Kämpfer in den "Islamischen Staat". Der Rat unterstützt die ausländischen Dschihadisten, hilft ihnen unter anderem dabei, Unterkünfte zu finden.

Rechtsrat:

Regelt Familienstreitigkeiten und Verletzungen des islamischen Rechts. Das Gremium entscheidet auch über die Tötung von Geiseln.

Medienrat:

Gibt die offiziellen Mitteilungen des IS heraus. Koordiniert die Propagandakampagnen in den sozialen Netzwerken.

Sicherheitsrat:

Koordiniert die Kontrolle über die eroberten Gebiete, entscheidet über die Errichtung von Checkpoints. Mitglieder des Rats sind auch an der Tötung von Geiseln beteiligt.

ler/Reuters/dpa



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insgesamt 115 Beiträge
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Seite 1
Going_Bananas 30.09.2015
1. 10 Jahre Krieg
10 Jahre Krieg und viele Opfer für Nichts! Es hätte dem Westen klar sein müssen, dass es nur ein sehr langfristiges Engagement geben musste! Wieder ein Versagen der Politik der USA und seiner Verbündeten
leuca11 30.09.2015
2. Natürlich
wird auch hier die Weltgemeinschaft wieder versagen.
WwdW 30.09.2015
3. Und dann wundern sich hier ein paar dt. Nationalisten
warum nicht nur Syrer nach Europa fliehen, sondern auch Iraker und Afghanen. Die IS ist inzwischen leider überall dort unten eine Macht ... liebe Volksgenossen. Gewöhnt euch daran, dass Europa noch mehr Flüchtlinge Asyl bieten muß. Ist so, stellt euch darauf ein und hört auf eure Zeit nutzlos auf Pegida-Demos oder als Provokateuer vor Flüchtlingsheimen zu vergeuden.
drvoigt 30.09.2015
4. Verstreh ich nicht
... wie kommt der EU Sonderbeauftragte denn darauf? Bis gestern war doch die Meinung vorherrschend, dass die Eu-Saaten gemeinsam mit den USA dort die richtigen Schlüsse gezogen und die richtigen Maßnahmen ergriffen haben. Es waren doch die Russen, die alles falsch gemacht haben und bis heute machen. Zumindest nach Meinung der EU und der EU.
einwerfer 30.09.2015
5. Mentale Kriegsvorbereitung
so muss man das wohl nennen, was hier passiert. Die Bevölkerung, auch die deutsche, wird darauf vorbereitet, dass wir wieder Kampftruppen nach Afghanistan schicken. Als hätten nicht die letzten 13 Jahre gezeigt, dass wir auf diese Art nicht weiterkommen.
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