Afghanistan-Experte Ruttig "Es gibt auch Taliban, die politisch denken"

Wie geht es weiter in Afghanistan? Der Westen kommt mit seinen Versuchen, das Land am Hindukusch zu befrieden, kaum voran, immer noch sind die Aufständischen ein wichtiger Machtfaktor. Afghanistan-Experte Thomas Ruttig erklärt im Interview die größten Fehler der Nato.

Taliban in Afghanistan: Hoffnung auf eine politische Lösung
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Taliban in Afghanistan: Hoffnung auf eine politische Lösung


SPIEGEL ONLINE: Herr Ruttig, Afghanistan ist so gefährlich wie seit langem nicht mehr. Die Zahl der Anschläge nimmt zu, in weiten Teilen des Landes haben wieder die Taliban das Sagen. Sollte das westliche Militär in dieser Situation nicht besser bleiben und für Ordnung sorgen?

Ruttig: Die meisten Afghanen sind unzufrieden mit der Art und Weise, wie die Nato-Streitkräfte in den vergangenen Jahren gehandelt haben. Aber sie sagen auch: In der jetzigen Lage wäre es besser, sie blieben im Land - jedenfalls mit der richtigen Strategie. Aber das ist natürlich ein Wunschtraum. Es ist das politische Ziel unserer Regierungen, Afghanistan hinter sich zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Was waren die größten Fehler?

Ruttig: Der Westen hat die Warlords in das neue, oligarchische System integriert, in dem einige wenige Reiche über eine Mehrheit von Menschen herrschen, die immer noch oft in brutaler Armut lebt. Die neue Oberschicht aus Warlords und den Leuten von Präsident Hamid Karzai haben sich das größte Stück vom Kuchen angeeignet. Sie besitzen Immobilien in Dubai und all das, was in Afghanistan noch Wert hat. Auch das Fehlen grundlegenden Wissens über das Land, gekoppelt mit einem unbegründeten Machbarkeits-Optimismus, hat dazu beigetragen.

SPIEGEL ONLINE: Warum waren Sie von Anfang an gegen den Einmarsch in Afghanistan, als alle den Krieg für richtig und unabwendbar hielten?

Ruttig: Meine Hoffnung war eine politische Lösung, aber die Bush-Regierung wollte Revanche für die Terroranschläge vom 11. September 2001. Und genau so kam es dann auch, es war eine Militarisierung der politischen Sphäre. Zum Beispiel hatte man sich darauf geeinigt, dass Kabul eine entmilitarisierte Zone bleiben soll. Dann gaben die USA der Nordallianz, den Gegnern der Taliban, plötzlich grünes Licht, in Kabul einzumarschieren. Begründet wurde das damit, dass sie für Stabilität und Sicherheit sorgen sollte. Aber damit erlangte die Nordallianz eine politische Vormachtstellung, was viele Paschtunen erboste.

SPIEGEL ONLINE: Was durchaus nachvollziehbar war in der damaligen Situation.

Ruttig: Ja, aber man hätte Reformen vorantreiben müssen. In einem System mit dem König an der Spitze, Karzai als Regierungschef und stärkerer parlamentarische Kontrolle hätte man eine erfolglose Regierung leichter austauschen können. Aber die USA schnitten alles auf den Präsidenten Karzai zu. Eigentlich war 2002 klar, dass dieser Ansatz gescheitert ist. Vielleicht hätte man es bis 2005 noch drehen können, danach war es zu spät.

SPIEGEL ONLINE: Unterm Strich also: Der Krieg ist verloren?

Ruttig: Auf jeden Fall ist er nicht gewonnen. Die Nato wird das anders darstellen, aber wer glaubt das? Sicher, es gibt eine etwas freiere Presse, mehr Kinder sind in den Schulen. Eine Frauenrechtlerin sagte mir kürzlich, die Situation für Frauen habe sich zwar nicht sonderlich verbessert, aber immerhin hätten sie Rechte jetzt schriftlich und könnten mit diesem Papier ab und zu wedeln und sie einklagen. Das eigentliche Ziel, die Sicherheitslage zu verbessern, ist nicht erreicht. Sie ist Jahr für Jahr schlechter geworden.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem läuft jetzt alles auf einen Abzug der Nato bis 2014 hinaus. Was kommt auf Afghanistan zu?

Ruttig: Das bestmögliche Szenario ist, dass alles so bleibt, wie es ist: eine Situation unterhalb der Schwelle zum Bürgerkrieg, aber instabil und gefährlich. Alle anderen Möglichkeiten sehen schlimmer aus, nämlich dass ein neuer Bürgerkrieg ausbricht oder das Taliban-Emirat wiederentsteht. Damit wüchse auch die Gefahr internationalen Terrorismus wieder. Das Schlimme ist, dass Bushs Politik und die Taliban-Reaktion aus dem Konflikt einen Krieg der Kulturen gemacht haben: Hoffnungen auf Demokratie sind zerstört worden, und das hat zur Folge, dass viele Afghanen zu einem reaktionären Islam zurückgekehrt sind und sogar auf Nichtmuslime herabblicken.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem setzt der Westen auf ein Einbinden der Taliban.

Ruttig: Das ist im Prinzip richtig, kommt aber viel zu spät. Man hätte das machen müssen, als sie noch schwach waren. Jetzt hat man ein Abzugsdatum genannt, und die Taliban können einfach abwarten, bis es so weit ist. Ich habe die Hoffnung, dass trotzdem noch verhandelt wird, es gibt auch Taliban, die politisch denken.

SPIEGEL ONLINE: Werden Afghanistans Nachbarländer einspringen, wenn der Westen weg ist?

Ruttig: Iran und Pakistan werden sicherlich verstärkt um Einfluss in Afghanistan kämpfen. So ein regionalisierter Wettbewerb um die Vormacht ist nicht besser für die Menschen in Afghanistan, als was gegenwärtig geschieht. Auch die beiden Großen in Asien, China und Indien, werden einen Teufel tun und der Nato die Kastanien aus dem Feuer holen. Sie haben kein Interesse daran, dass die Nato als glänzender Sieger dasteht.

Das Interview führte Hasnain Kazim

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
trubeldubel 22.08.2011
1. .
Wieso denken nur einige Taliban politisch? Wahrscheinlich ist politisch denken nach unserem Vorbild immer wirtschaftlich/marktorientiert.
H!TM4N 22.08.2011
2. .
Schade, dass die Frauen und Kinder wieder am meisten leiden werden, können uns jetzt schon auf die verstümmelte Frauen freuen, wenn sie einfach anderer Meinung als ihre Männer sind. Ein weiteres Versagen der USA und denen die mal wieder mitgezogen haben. Die Waffenlobbie hat sich aber bestimmt über die Umstäze gefreut.
TheBear, 22.08.2011
3. Nicht nur einen Fehler...
Zitat von sysopWie geht es weiter in Afghanistan? Der Westen kommt mit seinen Versuchen, das Land am Hindukusch zu befrieden, kaum voran, immer noch sind die Aufständischen ein wichtiger Machtfaktor. Afghanistan-Experte Thomas Ruttig erklärt im Interview die größten Fehler der Nato. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,781194,00.html
Es waren nicht einfach ein paar Fehler, die die Nato gemacht hat. Die entscheidenden Leute im Westen, lassen eine ganz grundlegende Fähigkeit missen, die man heute bei jedem Teambuilding-Kurs lernen muss: Die Fähigkeit, die Welt mit den Augen des anderen zu sehen. Hätten unsere Regierenden diese Fähigkeit, und ein bisschen Wissen um Geschichte würde auch nicht schaden, hätten sie merken müssen, dass unsere Sicht der Dinge mit deren Sicht völlig unvereinbar ist, und nur folgendes zu machen ist: - sich völlig aus diesen Gegenden heraushalten - ab und zu nachschauen (eventuell über Mittelsmänner) ob man irgendwelche gemeinsame Handelsinteressen hat - und sich ein für alle mal die Idee abschminken, dass man anderen Ländern etwas in wenigen Jahrezehnten beibringen kann, wozu wir viele, viele Jahrhunderte gebraucht haben. Ja, ich weiss, es ist grausam, andere Leute ihrem Schicksal zu überlassen, aber man muss lernen zu unterscheiden, zwischen Fällen, in denen man etwas erreichen kann (Libyen), und anderen in denen man das nicht kann.
Stancer81 22.08.2011
4. ...
Zitat von H!TM4NSchade, dass die Frauen und Kinder wieder am meisten leiden werden, können uns jetzt schon auf die verstümmelte Frauen freuen, wenn sie einfach anderer Meinung als ihre Männer sind. Ein weiteres Versagen der USA und denen die mal wieder mitgezogen haben. Die Waffenlobbie hat sich aber bestimmt über die Umstäze gefreut.
Die USA sind also schuld daran, das viele Menschen, die noch nie in Afghanistan waren und kaum etwas von der Materie wissen, für einen Truppenabzug sind und die Politik diesem demokratischem Begehren nachkommt ? Die USA können da nichts für. Es ist die kurzsichtigkeit der Menschen und der absolute Pessimismus gepaart mit Egoismus, der in den meisten Industrieländern heute vorherrscht aufgrund von Wohlstand und Luxus im Überfluss ! Wenn in 5-6 Jahren wieder Bilder um die Welt gehen, wie Taliban im Fussballstadion Frauen erschießen oder kleinen Mädchen Nase und Hände abhacken schreien genau die gleichen Leute laut auf, die heute für einen Truppenabzug sind und genauso wie heute wird den USA die Schuld dafür gegeben !
afghan 22.08.2011
5. Afghanistan
Zitat von sysopWie geht es weiter in Afghanistan? Der Westen kommt mit seinen Versuchen, das Land am Hindukusch zu befrieden, kaum voran, immer noch sind die Aufständischen ein wichtiger Machtfaktor. Afghanistan-Experte Thomas Ruttig erklärt im Interview die größten Fehler der Nato. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,781194,00.html
Das Interview solten sich unsere Foristen durchlesen, die sich gerne als AFG-Kenner ausgeben. Die gerne immer noch auf Krieg setzen und alles den bösen Afghanen in die Schuhe schieben.
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