Afghanistan Geiselvideo von Rudolf B. schon vor Tagen aufgenommen

Rudolf B. in Afghanistans Bergen - vorgeführt, verschüchtert, mit Waffen bedroht: Ein Video zeigt den Deutschen in der Gewalt seiner Kidnapper - offenbar wollen die Entführer so den Druck in den Verhandlungen erhöhen. Die Bundesregierung bleibt trotzdem vorsichtig optimistisch.

Aus Kabul berichtet


Angst und Erschöpfung sind Rudolf B. anzusehen auf den wenigen Ausschnitten des Videos, das der arabische Sender al-Daschasira gestern Abend ausgestrahlt hat. Mit hochrotem Kopf humpelt der 62-jährige Deutsche durch eine bergige Region irgendwo in Afghanistan.

Seine Entführer, allesamt vermummt, mit Kalaschnikows und Raketenwerfer bewaffnet, weichen nicht von seiner Seite. Auf einigen Aufnahmen richten sie ihre Waffen auf B.. Kaum hörbar spricht der Deutsche, der vor zwei Wochen verschleppt wurde, seine Botschaft auf Band: Auf Englisch trägt er leise und eingeschüchtert die Forderungen der Entführer vor.

Das Video ist das erste Lebenszeichen das öffentlich wurde - und der Beginn einer neuen Phase der Geiselnahme. Die Kidnapper erhöhen den Druck.

Die erste Auswertung des Videos durch die Experten in den Krisenstäben in Berlin und Kabul ergab: Die Bilder zeigen tatsächlich Rudolf B.. Der Mann bittet die Bundesregierung, alles für seine Freilassung zu tun. Als Forderungen der Geiselnehmer nennt er den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan und die Freilassung von zwölf erst kürzlich festgenommenen Taliban-Kämpfern. Dann richtet er noch einen Gruß an seine beiden Kinder.

In Kabul gab es seit längerem Spekulationen, dass die Geiselnehmer aus der Provinz Wardak einen Film des Entführten veröffentlichen wollen. Weil dies aber tagelang nicht geschah, nahm man im Krisenstab bis gestern Abend an, dass es sich bei den Gerüchten um reine Propaganda handelte. Die Diplomaten waren skeptisch - bis al-Daschasira das Video wirklich in seiner Hauptnachrichtensendung zeigte.

Videodatei auf Memory-Stick

Zwar ließ die Existenz des Films auf den ersten Blick eine Verschärfung der Lage vermuten, denn solche Filme sind ein klassisches Druckmittel der Taliban - manche sehen darin einen Hinweis, dass Rudolf B. nicht mehr in der Hand von Kriminellen ist, sondern von politisch motivierten Kidnappern. Die Bundesregierung geht nach Informationen von SPIEGEL ONLINE jedoch weiter davon aus, dass sich Rudolf B. in der Gewalt einer lokalen kriminellen Bande befindet.

Diese unterhält zwar Kontakte zu den Taliban, gehört aber nicht dem politischen und radikaleren Flügel der Miliz an. Am späten Abend war zu hören, man sei weiter vorsichtig optimistisch, in den kommenden Tagen eine Freilassung zu erreichen - demnach laufen die Verhandlungen weiter.

Die Aufnahmen selbst sind nach Informationen von SPIEGEL ONLINE mehrere Tage alt. Al-Daschasira bekam das Video auf einem Memory-Stick zugespielt. Die Dateninformationen darauf zeigen, dass die Datei zuletzt am 28. Juli verändert wurde - also am vergangenen Samstag. Außerdem erkannten die Experten des Bundeskriminalamts (BKA), dass Rudolf B. auf den Bildern eine Fleece-Jacke trägt, die der Krisenstab ihm Ende vergangener Woche über Vermittler in die Berge geschickt hat.

"Dokument der Einschüchterung"

Das Auswärtige Amt bezeichnet die Aufnahmen in einer ersten Stellungnahme als "Dokument der Einschüchterung". Im Gegensatz zu anderen Videobotschaften reagiert Berlin damit sehr zurückhaltend. Intern wird angenommen, dass die Entführer rund um den lokalen Milizenkommandeur Mullah Nissam vor allem den Druck für die Verhandlungen erhöhen wollen.

Seit Tagen verhandelt eine Delegation aus afghanischen Offiziellen gemeinsam mit Stammesältesten der Region mit den Kidnappern in den Bergen. Obwohl die Gespräche schon wegen der langen Wege in die unzugängliche Region schwierig sind, kommen sie voran.

Rudolf B. selbst geht es in der Geiselhaft zunehmend besser. So gelang es den Vermittlern schon Ende vergangener Woche, von ihm benötigte Medikamente in die Berge zu schicken. Regelmäßig, meist einmal am Tag, kann der Ingenieur über ein Satellitentelefon mit der Botschaft sprechen.

In den Gesprächen haben die Experten den Eindruck gewonnen, dass er trotz des Kidnappings und der Bedrohung stabil ist. Die Geiselnehmer behandeln ihn nach eigener Aussage den Umständen entsprechend gut. Wann die Haft in den Bergen jedoch zu Ende gehen wird - das will auch in Kabul niemand genau prognostizieren.

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