Afghanistan Hölle Helmand

In der Provinz Helmand haben Taliban und Drogenkönige eine gefährliche Allianz geschlossen: Die Schlafmohn-Magnaten kaufen für die Gotteskrieger Geländewagen, Motorräder und Satellitentelefone. Dafür schützen die Kämpfer das Millionengeschäft mit dem Opium.

Von Joachim Hoelzgen


Die Deutschen nach vorn: "The Germans to the front." Das forderte im Sommer des Jahres 1900 der englische Admiral Edward Seymour während des Boxeraufstandes in China. Die Deutschen rückten tatsächlich an - mit einem Landungskorps, um Peking zu erobern.

In Afghanistan wird es zu einer Entsendung deutscher Truppen an die Front im umkämpften Süden nicht kommen, zumindest vorerst nicht. "Wir bleiben im Norden", verkündete Verteidigungsminister Franz Josef Jung vorige Woche im Bundestag, ganz seiner Sache sicher. Doch ausgeräumt ist das Problem damit noch nicht. Englische und kanadische Truppen brauchen im Kampf gegen die Taliban dringend Verstärkung. Und spätestens im Frühjahr könnten die Deutschen doch noch an die Reihe kommen, weil die Nato einen neuen Gegner ausfindig gemacht hat: Mohn - in der Provinz Helmand ist ein regelrechter Opiumkrieg entbrannt.

Im nächsten Mai steht dort die neue Ernte an, und die Nato möchte das verhindern. Der Kampf gegen das Opium und den Drogenhandel müsse "absolut" sein, forderte Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer höchstpersönlich beim jüngsten Treffen der Bündnis-Außenminister in New York.

In Helmand obliegt der Kampf gegen das Opium britischen Truppen - auch das eine Ironie der Geschichte, denn beim Opiumkrieg im China des 19. Jahrhunderts waren es ausgerechnet die Engländer, die den Stoff ins Reich der Mitte brachten, um so ihre Handelsbilanz auszugleichen.

In den Wüsten Helmands und entlang des Helmand-Flusses, des längsten Wasserlaufes in Afghanistan, triumphieren bisher freilich die Drogenkönige - in einer Welt des Mittelalters, in der es neben Trauben und Granatäpfeln in den Oasen nur Sommerweizen und eben den Schlafmohn gibt.

Das Land am Hindukusch - ein beispielloser Drogenstaat

Im Schatten des Krieges gegen den Terrorismus haben die Bauern von Helmand zuletzt eine Rekordernte von 1100 Tonnen Rohopium eingefahren. Helmand führt damit alle anderen Provinzen an, die das Land am Hindukusch in einen beispiellosen Drogenstaat verwandelt haben. Die Gesamtproduktion von Opium, das in Laborklitschen zu Heroin verwandelt wird, machte bei der diesjährigen Ernte 6100 Tonnen aus, was wiederum 92 Prozent der Herstellung weltweit entspricht.

"Helmand zeigt wegen des Opiums alle Anzeichen eines beginnenden Zusammenbruchs - mit Insurgenten, den Taliban, dem Terrorismus, Kriminalität und dazu Korruption", sagt düster Antonio Maria Costa, der italienische Drogenbeauftragte der Uno.

Am gefährlichsten ist das Zusammenspiel zwischen den Gotteskriegern der Taliban und den Drogenbaronen. Sie sind mit ihren Interessen derart untereinander verflochten, dass sie die strategisch ohnehin labile Lage der Nato und der Isaf-Schutztruppe im Süden zusätzlich erschüttern.

Die Taliban treiben bei den Schlafmohnbauern "Zakat" ein - Almosen, die eigentlich für die Armen bestimmt sind. Die Summe ist am Ende aber nicht unbeträchtlich, da ein Drittel der Bevölkerung Helmands mit dem Mohnanbau beschäftigt ist. Insgesamt leben in Helmand eine Million Menschen in etwa 1000 Dörfern.

Das Rohopium wird problemlos zu Heroin verhüttet

Die Opium-Magnaten wiederum, die von den Paschtu sprechenden Bauern mit dem englischen Begriff "Tycoon" beschrieben werden, rüsten die Taliban auf. Sie kaufen ihnen gebrauchte Geländewagen, Motorräder und Satellitentelefone und werden dafür von den Kutten-Kriegern nicht behelligt. Die Tycoone überlassen den radikalislamischen Kämpfern auch Behausungen in den Dörfern - und Frauen, berichtet die englische Strategiezeitschrift "Jane's Intelligence Review" in ihrer Septemberausgabe.

Die Taliban und die Tycoone haben auch gemeinsam Schmuggelrouten in den äußersten Süden eingerichtet, wo sich die Grenze zur pakistanischen Provinz Belutschistan befindet. Auf der afghanischen Seite der Grenze gibt es kaum Grenzposten, die stören könnten, so dass das Verhütten des Rohopiums in Heroin hier problemlos vonstatten gehen kann.

In die Gegenrichtung würden Waffen für die Taliban gebracht. Kutten-Krieger bewachen die Schmuggelrouten und die Karawanen, die das Opium und auf dem Rückweg die Waffen transportieren.

Die afghanischen Sicherheitskräfte stehen gegen diesen Überlandverkehr auf verlorenem Posten. Polizisten sind schlecht bezahlt und warten in abgelegenen Teilen Helmands seit Monaten auf ihr Gehalt, berichtet in London die Gruppe "The Senlis Council", die sich aus Wissenschaftlern und Ex-Diplomaten zusammensetzt, die sich hauptsächlich um Afghanistan bemühen. Hinzu kommt, dass fast alle Polizisten ungenügend ausgebildet sind. "Hier gibt es manche, die nicht lesen und schreiben können, darunter sogar einige Generäle", zitiert die "Jane's Intelligence Review" einen Drogenbekämpfer aus der Nachbarprovinz Kandahar.

Die Taliban sind in Helmand die Könige der Nacht

Und damit es auf der Teerstraße von Lashkar Gah, der Hauptstadt Helmands, zur Basarmetropole Kandahar keine Probleme gibt, kaufen die Drogenkönige ganz einfach Stellen bei der Straßenpolizei - und dazu Polizeifahrzeuge samt den einschlägigen Uniformen. Ein solcher Pseudo-Posten kostet 1,5 Millionen pakistanische Rupien, die Währung der Wahl, was 25.000 US-Dollar ausmacht.

Den englischen Nato-Truppen fällt es in Helmand schwer, zwischen Freund und Feind zu entscheiden. Im April kam ein Spähtrupp vor einem afghanischen Polizeiposten unter Beschuss. Die dortigen Bewacher glaubten, dass die Engländer Opium beschlagnahmen wollten, das sie in der Polizeistation gebunkert hatten. Als man den Rädelsführer festnahm, bedauerte der, den Posten nicht mit Straßenbomben vor dem Zugriff abgeschirmt zu haben.

Währenddessen sind in Helmand die Talibankämpfer Könige der Nacht. Sie errichten Straßensperren, okkupieren Dörfer und machen die Piste von Lashkar Gah nach Kandahar nur während des Tages passierbar. Im nordöstlichen Distrikt Sangin belegen sie den britischen Stützpunkt mit Mörsergranaten und berennen ihn manchmal geradezu.

Sie rücken gegen die britischen Fallschirmjäger und Gurkha-Truppen mit Geländewagen an und beharken die Festung mit Maschinengewehren oder schießen panzerbrechende Waffen auf sie ab. Weil Hubschrauber knapp sind, konnten die Verteidiger in der Sommerhitze von bis zu 50 Grad nur sporadisch mit Wasser, Proviant und Munition versorgt werden. Seit der Entsendung britischer Truppen nach Helmand im Mai sind allein im Norden der Provinz 16 Soldaten gefallen.

Jedes umgepflügte Mohnfeld radikalisiert die Bauern

Von der Zentralregierung in Kabul war Helmand zu lange sich selbst überlassen worden. Der letzte Gouverneur in Lashkar Gah verteilte Land an Verwandte und Stammesangehörige. Er förderte angeblich den Schlafmohnanbau und unterhielt eine Privatarmee von mehreren hundert Schwerbewaffneten. Auch sein Nachfolger, der Ingenieur und ehemalige Uno-Angestellte Mohammed Daoud, bekam zum Amtsantritt erst einmal 150 Leibwächter gestellt.

Das rettete ihm bei einem Selbstmordattentat, das sich heute Morgen vor dem Portal des Gouverneursgebäudes in Lashkar Gah ereignete, wahrscheinlich das Leben. Neun Soldaten der afghanischen Nationalarmee und neun Zivilisten, die wegen Visa für die Pilgerreise nach Saudi-Arabien anstanden, kamen bei dem Anschlag ums Leben. Niemand traut sich in der Stadt am grünlich schimmernden Helmand-Fluss noch in den Basar und nicht einmal in die Moschee, die sich gegenüber dem Gouverneursgebäude befindet.

In Helmand und dem Rest Afghanistans hätten sich schon manche Imperien "überdehnt und dann zum Sterben hingelegt", schrieb anläßlich der Entsendung kanadischer Truppen die Tageszeitung "Toronto Star". Übertrieben klingt das nicht: Schon Alexander der Große musste hier mehr Festungen errichten als irgendwo sonst in seinem Reich.

Dschingis Khan machte mit seinen Reitern kehrt, als er auf die wilden Stämme in Helmand traf. Und die englische Krone verlor im 19. Jahrhundert ganz in der Nähe Lashkar Gahs zwei Regimenter Kavallerie - nachdem bei Kabul die berühmte British Army of the Indus von den Afghanen bis auf den letzten Mann niedergemacht wurde. Nur einem Militärarzt war auf seinem Pferd zuvor noch die Flucht gelungen.

Auf welche Weise nun die Nato den Opiumsumpf trockenlegen will, bleibt zunächst deren Geheimnis. Nato-Chef de Hoop Scheffer beließ es eher blumig bei der Forderung, "starke Anstrengungen beim Wiederaufbau" vorzunehmen und zugleich die Drogen zu bekämpfen.

Letzteres aber wird ein Dilemma schaffen, das unlösbar scheint. Denn mit jedem Traktor, der ein Mohnfeld umpflügt, werden die Bauern und die Bevölkerung gegen die Ausländer aufgebracht, können sich die Taliban als Beschützer und Befreier vor den "ungläubigen Unterdrückern" gerieren. Die Taliban liefern den Bauern sogar Minen, die in den Mohnfeldern vergraben werden, um sie vor dem Umpflügen zu schützen.

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