Afghanistans Warlord Ismail Khan: "Wir wollen unsere Waffen vom Westen zurück"

Von Christian Neef

Afghanistan: Die Rückkehr des Löwen Fotos
AP

Einst war er der "Löwe von Herat", jetzt ist Ismail Khan Minister in der Regierung von Präsident Karzai. Im Interview fordert er vom Westen eine Wiederbewaffnung der Stammesmilizen, um in Afghanistan nach dem Nato-Abzug einen Bürgerkrieg zu verhindern.

Es ist pure Propaganda, wenn die Nato behauptet, nach ihrem Abzug nächstes Jahr ein befriedetes Afghanistan zu hinterlassen. Schon jetzt mehren sich die Anzeichen, dass die früheren Mudschahidin ihre Milizen reaktivieren - sie wollen sich für neue Kämpfe und einen möglichen Bürgerkrieg wappnen. Die Mudschahidin waren die führende militärische Kraft im Widerstand gegen die sowjetischen Besatzer und das kommunistische Nadschibullah-Regime, später kämpften sie gegen die Taliban. Ihre Führer, die bestimmten Volksgruppen vorstanden, waren populär, zum Teil aber auch berüchtigt wegen ihrer Rücksichtslosigkeit.

Die Mudschahidin halten die afghanische Armee für völlig ungeeignet, nach dem Abzug der Nato für Sicherheit im Lande zu sorgen - aus der vom Westen hochgepäppelten Truppe ist in den vergangenen drei Jahren jeder dritte Soldat desertiert, insgesamt 63.000 Mann.

Selbst namhafte Politiker in Kabul kündigen inzwischen für 2014 ein Comeback der Mudschahidin an, etwa Marschall Mohammed Fahim, Afghanistans erster Vizepräsident und selbst ehemaliger Warlord. Ahmed Zia Massud, Bruder des legendären Mudschahidin-Kommandeurs Ahmed Schah Massud, erzählt öffentlich, seine Gefolgsleute seien bereits dabei, sich neu zu bewaffnen.

Auch Tadschiken-Führer Ismail Khan, 65, warnt in einem SPIEGEL-Interview, dass die vom Westen aufgebaute afghanische Armee niemals in der Lage sein wird, für dauerhafte Sicherheit am Hindukusch zu sorgen.

Lesen Sie das vollständige Interview:

SPIEGEL ONLINE: Herr Minister, Sie haben auf einer Kundgebung bei Herat Ihre Anhänger dazu aufgerufen, rechtzeitig vor dem Abzug der Nato neue Milizen zu bilden, Rekruten zu werben und die früheren Kampfstrukturen der Mudschahidin wiederherzustellen. Was befürchten Sie für nächstes Jahr?

Khan: Ich habe meinen Glaubensbrüdern in Herat gesagt: Ihr und eure Leute müsst in den Dörfern alles tun, um nach dem Abzug der westlichen Truppen eine Wiederkehr der Taliban zu verhindern. Sie sollen Polizei und Armee unterstützen, und wenn sich der Staat schwach zeigt, sollten sie ihm helfen. Mir und all den früheren Mudschahidin, die sich im Kampf gegen die sowjetische Besatzung, gegen das Nadschibullah-Regime und dann gegen die Taliban verdient gemacht haben, geht es um die Sicherheit, sollte unser Land wieder in eine Krise stürzen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt doch nichts anderes, als dass Sie notfalls selbst zu den Waffen greifen wollen, weil Sie der vom Westen ausgebildeten afghanischen Armee nichts zutrauen.

Khan: Was ist diese Armee wert? Sie ist nur mit Gewehren ausgestattet. Die Angriffe der Taliban nehmen zu, 2013 ist das bislang blutigste Jahr in Afghanistan. Können Sie sich an die Bonner Afghanistan-Konferenz 2001 erinnern, wenige Wochen nach dem Fall der Taliban? Da war der Westen davon überzeugt, die neue afghanische Armee brauche nicht mehr als 70.000 Mann, um die Lage im Land zu beruhigen - welch eine Unterschätzung! Welch ein Riesenfehler! Die Taliban konnten sich reorganisieren, bevor der Westen begriff, dass die Armee zusammen mit anderen Sicherheitskräften auf 350.000 Mann aufgestockt werden muss. Die Taliban sind in ihre Dörfer in den afghanischen Provinzen zurückgekehrt, sie haben die Fehler des Westens ausgenutzt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Fehler gab es denn noch?

Khan: Die Amerikaner waren arrogant, sie dachten, sie könnten die Taliban mit links bezwingen. Sie haben sie aus der Luft bombardiert, die schlimmsten Leute aus Kabul vertrieben und dann den Krieg eingestellt. Uns erfahrene Mudschahidin haben sie ignoriert, sie wollten wie einst die Russen schnell an ihr Ziel kommen. 20 Tage nach dem Fall Kabuls wurden wir, die Führer des Widerstands gegen die Taliban, in den Präsidentenpalast geladen, und dort hat man uns gesagt: Ihr seid keine Emire mehr, keine Kommandeure, ihr seid Warlords, ihr müsst eure Waffen abliefern. Wir hatten gute Waffen, auch Flugzeuge und Artillerie. Aber sie haben unsere Panzer und Geschütze eingesammelt und auf die Schrottplätze gebracht. Gehen Sie nach Kandahar, nach Herat oder Mazar - da stehen die Panzer noch heute in drei Reihen übereinander. Auch bei der Bildung der Koalitionsregierung in Kabul haben die Amerikaner uns, die Führer des Volkes, einfach "vergessen". Dabei hat uns der Westen in den Jahren zuvor - beim Kampf gegen die Sowjets, gegen al-Qaida und die Taliban - so dringend gebraucht.

SPIEGEL ONLINE: Sie fühlen sich vom Westen übergangen?

Khan: Ich habe den Amerikanern damals gesagt: "Emir" oder "Kommandeur" - das sind Titel, die uns das Volk verliehen hat. Wir haben 20 Jahre Kriegserfahrung, und es gibt wohl keine einzige Familie bei uns, die in den Kriegsjahren nicht wenigstens einen Angehörigen verloren hat oder ins Exil flüchten musste. Uns wollt ihr ignorieren?

SPIEGEL ONLINE: Sie halten die Rückkehr der Taliban für wahrscheinlich, wenn die Nato abgezogen ist?

Khan: Die Taliban werden erst dann wieder ruhen, wenn sie die gesamte Macht in Afghanistan besitzen. Was sollen da Verhandlungen mit ihnen? Wir haben im Dschihad die Supermacht Sowjetunion geschlagen, wir können auch künftig für die Sicherheit Afghanistans sorgen. Aber dazu brauchen wir unsere Waffen zurück.

SPIEGEL ONLINE: Aber die hat der Westen doch vernichtet, wie Sie sagen.

Khan: Dann eben einen angemessenen Ersatz für diese Waffen. Der Westen ist gerade dabei, Ausrüstungen im Wert von sieben Milliarden Dollar zu zerstören, die er beim Abzug aus Afghanistan nicht mitnehmen kann. Warum gibt er dieses Material nicht uns?

SPIEGEL ONLINE: Der amerikanische Vier-Sterne-General John Allen, bis Februar Kommandeur der Isaf-Truppen in Afghanistan, hat sich bei Präsident Hamid Karzai über Sie beschwert. Karzai ließ mitteilen, ihre Einlassungen in Herat hätten "mit der Politik der Regierung nichts zu tun". Ein afghanischer Senator erklärte, Leute wie Sie röchen jetzt Blut, sie sähen im Abzug der westlichen Truppen "die Chance, erneut einen Bürgerkrieg zu beginnen und lokale Rivalen auszuschalten".

Khan: Einen Brief hat Allen geschrieben? Es waren gleich zwei. Karzai hat sie mir vorgehalten. Und ich habe zu ihm gesagt: Es ist doch gut, dass einer wie Allen mitbekommt, was für Leute wir hier haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Regierungsmitglied, sie müssen Ihre Worte mehr abwägen als andere.

Khan: Ich bin nicht freiwillig in diesem Kabinett, sie haben mich gezwungen.

SPIEGEL ONLINE: ...als Sie als Gouverneur von Herat zu mächtig wurden und Karzai Sie lieber in der Nähe und unter Kontrolle haben wollte. Wenn Sie auf die letzten zwölf Jahre zurückblicken, in denen die internationale Gemeinschaft in Afghanistan ist: Wie ist Ihre Bilanz?

Khan: Ich bin ein Freund der westlichen Gemeinschaft, sie hat in den letzten Jahren viel für uns getan. Aber sie hätte noch so viele Truppen hier bei uns in Afghanistan stationieren können - die hätten uns nie wirkliche Sicherheit gebracht. Die Geschichte Afghanistans zeigt: Dieses Land war immer im Krieg, durch die Anwesenheit ausländischer Kräfte wurde es eher noch unruhiger. Die Afghanen müssen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Eine erzwungene Freundschaft kann nicht von Dauer sein.

Das Interview führte Christian Neef

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1.
mrdhero 26.09.2013
bei allem respekt, alles auf die.nato zu schieben bringt ja nun auch nichts.manchmal bringt es mehr, wenn man einfach mal seinen eigenen arsch bewegt anstatt dumme sprüche zu kloppen
2.
eigen 26.09.2013
Oder wahlweise: [...], um in Afghanistan nach dem Nato-Abzug einen Bürgerkrieg vom Zaun zu brechen.
3. Hey #Bundesregierung ...
Lutz Richter 26.09.2013
... da könnte man doch nach dem Abzug der NATO prima Waffen hin verkaufen oder?
4. Wofür? Wozu?
GilbertWolzow 26.09.2013
Zitat von sysopEinst war er der "Löwe von Herat", jetzt ist Ismail Khan Minister in der Regierung von Präsident Karzai. Im Interview fordert er vom Westen eine Wiederbewaffnung der Stammesmilizen, um in Afghanistan nach dem Nato-Abzug einen Bürgerkrieg zu verhindern. Afghanistan: Interview mit ehemaligem Warlord Ismail Khan - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/afghanistan-interview-mit-ehemaligem-warlord-ismail-khan-a-923555.html)
Wenn ich mir die Aussagen so durchlese, die aktuelle Situation in Afghanistan betrachte, frage ich mich, wofür sind all die Soldaten und Zivilisten in den letzten 12 Jahren gestorben, wenn es ganz danach aussieht, dass Ende 2014 die Taliban wieder vor den Toren von Kabul stehen? Dendümmlichen Spruch, Deutschland wird am Hindukusch verteidigt, sollte man dem Struck auf den Grabstein meißeln, ebenso wie die Namen der deutschen Soldaten, die dort gefallen sind - auf seinen Befehl hin...
5. in einer Region, in der der Glaube
ReneMeinhardt 26.09.2013
vor allem gestellt wird, wird es leider nie Frieden geben. Schade.
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    Ismail Khan, 65, ist Minister für Wasser und Energie in der Regierung von Präsident Hamid Karzai. Er war einer der berühmtesten Warlords Afghanistans und kämpfte gegen die Taliban wie vorher gegen die Sowjets und das Nadschibullah-Regime. Er stammt aus der westlichen Provinz Herat, die nach wie vor seine Hochburg ist. Er war dort bis 2004 Gouverneur.

Fläche: 652.225 km²

Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staats- und Regierungschef: Hamid Karzai

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