Interview zur Terrorwelle in Afghanistan "Lügen gehört zur Strategie Pakistans"

Hunderte Sicherheitskräfte und Zivilisten starben in Afghanistan bei einer Anschlagserie der Taliban. Der langjährige Sicherheitsberater Spanta gibt im Interview Pakistan die Schuld an der Terrorwelle - und sagt, was die Extremisten damit bezwecken wollen.

Opfersuche nach Autobombenanschlag in Kabul: Taliban in der Hand von Pakistans Geheimdienst?
AP

Opfersuche nach Autobombenanschlag in Kabul: Taliban in der Hand von Pakistans Geheimdienst?

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Immer wieder erschüttern Terrorattacken von Islamisten Afghanistan: Selbstmordattentäter zünden Autobomben am Flughafen oder an belebten Plätzen im Zentrum von Kabul. Die Taliban bekennen sich zu den Anschlägen, bei denen Hunderte Menschen ums Leben kamen, neben Sicherheitskräften auch viele Zivilisten.

Die Gewalt in Afghanistan eskaliert. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden allein in den ersten sechs Monaten 2015 fast 5000 Zivilisten getötet oder verwundet. Die Uno machte die Taliban und andere Aufständische für 70 Prozent der zivilen Opfer verantwortlich.

Der Politikwissenschaftler Rangin Dadfar Spanta, 60, war in der Amtszeit von Präsident Hamid Karzai Außenminister und bis Oktober 2014 Nationaler Sicherheitsberater. Damit war er auch Chef des afghanischen Geheimdienstes. Heute arbeitet er für die Opposition. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erhebt Spanta schwere Vorwürfe gegen den pakistanischen Geheimdienst ISI:

SPIEGEL ONLINE: Wer steckt hinter den schweren Anschlägen?

Rangin Dadfar Spanta: Die Taliban wollen Stärke zeigen und demonstrieren, dass sie auch nach Mullah Omars Tod vereint und in der Lage sind, große Aktionen durchzuführen.

SPIEGEL ONLINE: Was bezwecken die Drahtzieher dieser blutigen Strategie?

Spanta: Der neu gewählte Taliban-Führer Mullah Akhtar Mansour und Pakistans Geheimdienst Inter-Services Intelligence (ISI) führen vor, dass die Taliban weiterhin militärisch orientiert sind und Pakistan nicht an einen Frieden denkt, bevor Afghanistan nicht unterworfen ist.

SPIEGEL ONLINE: Die Pakistaner behaupten, dass sie Einfluss auf die Taliban haben, diese aber nicht vollständig kontrollieren können.

Spanta: Lügen gehört zur Strategie Pakistans, und die internationale Gemeinschaft hat den Vertretern der Regierung und der Armee in Islamabad lange geglaubt. Ich hoffe, dass sich das mit dem Tod von Osama Bin Laden und Mullah Omar geändert hat. Nun ist wohl mehr als klar, dass beide Terrorchefs nach den Anschlägen vom 11. September 2001 unter dem Schutz des ISI ständig in Pakistan gelebt haben.

SPIEGEL ONLINE: Die Taliban sind nur pakistanische Marionetten?

Spanta: Wir haben zuverlässige Informationen, dass sie absolut in der Hand der Pakistaner sind und der ISI sie jederzeit für Friedensgespräche präsentieren könnte, wie der Geheimdienst auch Mullah Omar zu Lebzeiten hätte ausliefern können. Der ISI steuert den gesamten Prozess. Falls einer aus der Taliban-Führung ausschert, wie vor Jahren Mullah Baradar, der mit dem damaligen Präsidenten Hamid Karzai ernsthaft über einen Waffenstillstand verhandeln wollte, wird er verhaftet und, wie im Fall Baradar, unter Psycho-Drogen und außer Gefecht gesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Im Juli lud die Regierung von Islamabad immerhin selbst zu Friedengesprächen ins pakistanische Murree ein, an denen sogar die Amerikaner und die Chinesen teilnahmen.

Spanta: Man muss zwischen Wunschvorstellungen und knallharter Realität unterscheiden. Die Sitzung in Murree wurde von Vertretern des ISI eröffnet, dabei hieß es, die Gespräche seien von Mullah Omar autorisiert. Zu diesem Zeitpunkt war Mullah Omar aber schon Jahre tot, und der ISI und Mullah Mansour wussten es natürlich. Das war alles Show.

SPIEGEL ONLINE: Wie fest sitzt der neue Taliban-Chef im Sattel?

Spanta: Mansour ist der unumstrittene Favorit des ISI. Gleichwohl ist die Taliban-Führung zutiefst zerstritten. Mansour hat schließlich die Führungsmitglieder des wichtigsten Entscheidungsgremiums, der Quetta-Schura, jahrelang über den Tod Mullah Omars belogen. Die Hälfte der Taliban will Mansour deshalb nicht folgen und fordert eine korrekte Wahl des neuen Anführers durch das gesamte Taliban-Spitzengremium. Mansours mächtigster Konkurrent ist der Militärkommandeur Abdul Qayyum Zakir. Dieser wiederum wird etwa von der Hälfte der Bewegung unterstützt, auch vom Sohn Mullah Omars, Yacoub, und dessen Halbbruder Manan. Das bedeutet die Spaltung der Bewegung.

SPIEGEL ONLINE: Ist Afghanistan noch zu retten?

Spanta: Ich empfehle eine Doppelstrategie: Die Regierung in Kabul sollte die afghanische Bevölkerung und das Militär mobilisieren, die Taliban mit aller Härte zu bekämpfen, und gleichzeitig eine Verhandlungsoption offen lassen. Pakistan versteht nur eine Sprache, die der Stärke.

SPIEGEL ONLINE: Ein großer Teil der Deutschen, die in Afghanistan ihr Leben verloren, starben in Kunduz, wohin die Taliban inzwischen zurückgekehrt sind. War ihr Einsatz dort vergebens?

Spanta: In Kunduz arbeiten die Taliban mit usbekischen und tschetschenischen Extremisten zusammen, sie haben inzwischen wieder große ländliche Gebiete infiltriert, aber die Stadt Kunduz bisher nicht eingenommen. Die Taliban können größere Gebiete langfristig nicht halten.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange hält die afghanische Armee das durch?

Spanta: Unsere Armee ist stark, und die Soldaten haben den Willen zu kämpfen, aber es fehlt an adäquater Ausrüstung. Das Militär hat keine schlagkräftige Luftwaffe und, anders als zuvor die Nato-Truppe der Isaf, keine Artillerie und keine Panzer, um im Kampf wirklich erfolgreich zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Bietet das mit den USA geschlossene Sicherheitsabkommen ausreichend Schutz für Ihr Land?

Spanta: Die USA kommen ihren Verpflichtungen nicht ausreichend nach. Im Juli hat die US-Luftwaffe lediglich 17 Mal Luftunterstützung gewährt. Das ist zu wenig in einer Zeit, in der die Angriffe auf afghanisches Territorium stetig zunehmen. Die Folgen sind der Aderlass der jungen Bevölkerung. 500 Afghanen pro Tag verlassen das Land, über Indien, die Türkei, Zentralasien, um nach Europa oder Amerika zu gelangen

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht die Zukunft Afghanistans aus?

Spanta: Wenn die Militärführung im pakistanischen Rawalpindi einen Versöhnungsprozess will, dann gibt es Frieden. Sonst geht der Krieg weiter.

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