Afghanistan: Kanadas Krieger in der Cannabis-Falle

Von Joachim Hoelzgen

Kanadische Soldaten sind in eine Art von Dschungelkrieg verwickelt - ausgerechnet in den Wüsten Südafghanistans: Die Taliban haben Cannabis-Wälder angelegt, die mit Fahrzeugen nicht zu durchdringen sind. Jetzt nutzen die Kanadier die Drogen für sich selbst: als Tarnung für ihre Panzer.

Der kanadische General Rick Hillier gilt als erfahrener Haudegen in seinem Metier. Im Jahr 2004 befehligte er die Internationale Schutztruppe Isaf in Afghanistan und wurde daraufhin zum Stabschef der kanadischen Streitkräfte ernannt. Hillier trug neue Ideen vor und machte zum Beispiel den Vorschlag, dass sich kanadische Truppen auch auf die Kriegführung im Dschungel vorbereiten sollten - wegen der wachsenden Anzahl von Auslandseinsätzen sei das nicht schlecht.

Nun sind kanadische Soldaten tatsächlich in eine Art von Dschungelkrieg verwickelt - und das ausgerechnet in den Wüsten des südlichen Afghanistan. Dort haben die Korankrieger der Taliban die Taktik geändert: Sie haben dichte Wälder mit Cannabispflanzen angelegt, die auf den lockeren Böden und im Sonnenklima der Provinzen Kandahar und Helmand wie wild wuchern und in denen sich die Taliban vor den Truppen der Isaf verstecken.

Weil hier der Hanf drei bis vier Meter und manchmal noch höher wächst, bilden die dicht an dicht stehenden Pflanzen regelrechte Staketenzäune, die mit Fahrzeugen nicht zu durchdringen sind. Und da ihre Stauden gute Wärmespeicher sind, ist den Taliban auch mit Wärmebildkameras und nachts mit Infrarot kaum beizukommen. Die Hightech-Geräte bilden die Umrisse der Kuttenkrieger nur selten und dann nur als Schemen ab.

General Hillier ist gerade von einem Frontbesuch nach Ottawa zurückgekehrt und über den neuen Trick der Taliban erstaunt. "Man muss wirklich aufpassen, weil die Taliban nur so aus den Hanfwäldern schlüpfen und dann wieder in sie hinein," fasst er die gesammelten Erfahrungen zusammen.

Selbst das Abbrennen der Cannabis-Dschungel sei fehlgeschlagen, da die Stauden und Blätter mit Wasser voll gesogen seien. Das Wasser stammt aus einem Labyrinth kleiner Bewässerungskanäle, die für die Provinzen Kandahar und Helmand charakteristisch sind.

In Kandahar sind 2400 Kanadier stationiert, die im September zusammen mit amerikanischen Soldaten gegen die Taliban vorrückten. Eingeleitet wurde die sogenannte Operation Medusa mit schwerer Rockmusik der Gruppe AC/DC, die aus großen Lautsprechern gegen die Stellungen der Gotteskrieger im Bezirk Pashmul schallte. Dort hatten sich die Aufständischen in Lehmtürmen verschanzt, in denen Weintrauben getrocknet werden, hinter Granatapfelbäumen und in den Mohnfeldern Pashmuls.

Die Taliban erlitten schwere Verluste, doch gegen ihre Schlupfwinkel in den Cannabiswäldern war nicht anzukommen. Die Kanadier versuchten, die Pflanzen mit Diesel anzuzünden - ohne Erfolg, da die Flammen erstickten. "Dann probierten wir es mit weißem Phosphor," berichtet die Nachrichtenagentur Reuters über einen Vortrag des Generals, "aber auch das funktionierte nicht. Die Pflanzen waren derart voll mit Wasser, dass nichts sie verbrennen konnte."

Daran wird sich auch so schnell nichts ändern, weil Cannabiswälder im Rauschmittelstaat Afghanistan eine fulminante Wiederkehr erleben. Jahrelang hatten sich Händler und Drogenbarone auf den Anbau von Schlafmohn konzentriert und damit jüngst eine Rekordernte von Rohopium eingefahren, die 52 Prozent des afghanischen Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Aus dem Geschäft mit Rohopium und Morphin-Base flossen 2,14 Milliarden Dollar in die Taschen der Drogenkönige und ihrer Günstlinge.

Voriges Jahr schon hat aber die Uno-Behörde zur Suchtstoff- und Verbrechensbekämpfung (Unodc) in Wien gewarnt, dass der Anbau von Cannabispflanzungen in Afghanistan rasch zunimmt und die Händler das Geschäft diversifizieren.

Die Uno-Beamten gehen davon aus, dass inzwischen 30.000 Hektar mit Cannabispflanzungen voll stehen - ein Drittel der Anbaufläche von Marokko, des weltweit größten Lieferanten an Haschisch und Marihuana.

Mit dem Boom des Cannabis-Anbaus kreuzt wieder ein alter Bekannter aus Hippie-Zeiten in der Szene des internationalen Drogenhandels auf: der Schwarze Afghane. Er verdankt seinen Namen dem Harz der afghanischen Cannabispflanzen, der so lange geknetet und dann zu Platten gepresst wird, bis er pechschwarz aussieht. Marihuana wiederum wird aus den getrockneten Blütenständen und Blättern der Pflanzen gewonnen.

Wie potent die Pflanzen sind, erfuhren auch die kanadischen Truppen. Beim Verbrennen schon ausgedörrter, inzwischen braun gewordener Cannabis-Riesen atmeten Soldaten, die in Windrichtung standen, den Qualm ein. "Das war ganz offenkundig nicht die richtige Maßnahme," gibt nun sogar General Hillier zu.

Hillier berichtet, das Cannabispflanzen auch auf einem kanadischen Schützenpanzer mitrollten: Die Besatzung hatte die Rauschpflanzen dazu benutzt, ihr Vehikel vor den Taliban zu tarnen.

Doch der Drogen-Ernstfall wird erst dann eintreten, wenn das Haschisch und Marihuana einen anderen Weg zu den ausländischen Truppen findet. Dann fällt der Schatten von Vietnam, wo die GI's Marihuana aus Laos und Thailand rauchten, auf die Isaf-Kämpfer.

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