Afghanistan Karsai rüffelt ausländische Truppen

Der afghanische Präsident hat die internationalen Streitkräfte in seinem Land außergewöhnlich scharf kritisiert: Ihrer Nachlässigkeit fielen Unschuldige zum Opfer, sagte er. In den vergangenen zehn Tagen seien 90 Zivilisten bei Aktionen der Verbündeten umgekommen.


Kabul - Hamid Karsai hat die ausländischen Truppen in seinem Land der Fahrlässigkeit bezichtigt. Dies betreffe sowohl die Nato-geführte Schutztruppe ISAF als auch die US-geführten Koalitionstruppen, sagte er am Samstag auf einer Pressekonferenz. Allein in den vergangenen zehn Tagen kamen bei Militäreinsätzen unter Führung der NATO oder der USA nach seinen Angaben Karsais 90 Zivilpersonen ums Leben. Hilfsorganisationen vor Ort zufolge sind in Afghanistan seit Jahresanfang bereits mehr als 230 Zivilisten durch Einsätze der Koalitionstruppen ums Leben gekommen.

Hamid Karsai: Was ist das Leben von Afghanen eigentlich wert?
AP

Hamid Karsai: Was ist das Leben von Afghanen eigentlich wert?

Karsai verlangte mehr Kooperation mit den Afghanen, andernfalls werde die ISAF scheitern. Keine militärische Operation dürfe mehr ohne Absprache mit der afghanischen Regierung stattfinden, forderte er: "Das ist die Bedingung der afghanischen Regierung, und wenn sie (die NATO-Kräfte) erfolgreich sein wollen, dann sollten sie unsere Bedingung erfüllen."

Afghanistan wolle mit der internationalen Gemeinschaft zusammenarbeiten und sei dankbar für deren Hilfe, sagte der Präsident. "Aber das heißt nicht, dass das Leben von Afghanen nichts wert ist", fügte er hinzu.

Karsai zeigte sich besonders empört über die jüngsten Berichte über 25 Tote, darunter neun Frauen und drei Babys, beim NATO-Beschuss eines Dorfes im Bezirk Gereschk in der südlichen Provinz Helmand. "Man bekämpft keine Terroristen, indem man eine Kanone aus 37 Kilometer Entfernung auf ein Ziel abfeuert. Da muss es einfach zivile Opfer geben", sagte der Präsident. Und dann hätten die NATO-Soldaten das Dorf auch noch um 22.00 Uhr abends bombardiert. "Die Frage ist, warum?".

Bei den Kämpfen, die sich von Freitag bis Samstag hinzogen, gab es die meisten Opfer auf Seiten der Taliban in der Provinz Paktia im Bezirk Bermel an der Grenze zu Pakistan, wo nach Angaben der NATO bis zu 60 mutmaßliche Islamisten getötet wurden. In der Provinz Kandahar starben laut US-Militärsprechern mehr als 20 Taliban.

In dem Hotel auf pakistanischer Seite schlugen nach einem Fernsehbericht mehrere US-Raketen ein. Die pakistanische Armee bestritt, dass die Raketen absichtlich auf das kleine Hotel im Shawal-Tal abgefeuert worden seien. Die Raketen trafen auch mehrere Häuser in der Umgebung. Etwa 100 Kilometer entfernt starben in Süd- Waziristan 20 Menschen bei einem Artillerieangriff auf einen Grenzort. Die meisten der Opfer gehörten zu einem Stamm, der auf beiden Seiten der Grenze lebe, hieß es. Die unzugängliche Region gilt als Rückzugsgebiet für die Taliban aus dem Nachbarland.

Mehrheit der Deutschen und Lafontaine für Rückzug

Eine deutliche Mehrheit der Bundesbürger ist für einen Abzug der deutschen Soldaten aus Afghanistan. In einer Umfrage im Auftrag des Magazins "Focus" plädierten 61 Prozent dafür. 36 Prozent waren dagegen.

Der Vorsitzende der Linken, Oskar Lafontaine, hat angesichts der wachsenden Zahl ziviler Opfer in Afghanistan erneut den Rückzug der deutschen Soldaten gefordert. "Gerade auch vor dem Hintergrund seiner Geschichte darf sich Deutschland weder mittelbar noch unmittelbar an einer Kriegführung beteiligen, die die massenhafte Tötung von Zivilisten in Kauf nimmt", erklärte Lafontaine am Samstag in Berlin.

Der Bundestags-Wehrbeauftragte Reinhold Robbe warnt "Focus" zufolge vor Sicherheitsmängeln im größten Feldlager der Bundeswehr in Afghanistan, "Camp Marmal" in Masar-i-Scharif. Dieses sei nur unzureichend gegen Anschläge gesichert, heißt es in einem Brief an die Verteidigungsexperten der Parlamentsfraktionen. Kameras und Überwachungselektronik seien zwar installiert, aber mangels Anschluss an die Stromversorgung nicht aktiv. Nur drei Soldaten auf einigen Wachtürmen seien für die Bewachung eingesetzt, schrieb der Wehrbeauftragte, der Anfang Juni die Truppe in Afghanistan besucht hatte. Darüber hinaus sei die Startbahn des benachbarten Flughafens frei zugänglich, da ein Zaun fehle.

cai/ap/dpa/reuters



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