Afghanistan-Krise Karzai "extrem wütend" über US-Regierung

Hamid Karzai rechnet mit der US-Regierung ab. Der scheidende afghanische Präsident hat den Militäreinsatz der USA in seinem Land scharf kritisiert. Afghanen seien in einem Krieg gestorben, der nicht der ihre war.

Afghanischer Präsident Karzai: "Richten Sie der US-Regierung meine Wut aus"
AP/dpa

Afghanischer Präsident Karzai: "Richten Sie der US-Regierung meine Wut aus"


Kabul/Washington - Zehn Monate vor dem Ende des Nato-Kampfeinsatzes in Afghanistan hat Präsident Hamid Karzai erneut scharfe Kritik an der US-Regierung geübt. Die Mission in seinem Land diene inzwischen nicht mehr den Afghanen, sondern der Sicherheit der USA und westlichen Interessen. Das sagte Karzai in einem am Montag veröffentlichten Interview der "Washington Post".

Afghanen seien in einem Krieg gestorben, "der nicht der unsere ist". Er sei sich sicher, dass die Offensive nach den Anschlägen in New York vom 11. September 2001 aus Gründen gestartet worden sei, die "im Interesse der USA und des Westens" lägen.

"Richten Sie dem amerikanischen Volk meine besten Wünsche und meine Dankbarkeit aus", sagte er der Zeitung. "Richten Sie der US-Regierung meine Wut, meine extreme Wut aus." Sein Hauptkritikpunkt: die zahlreichen zivilen Opfer bei ausländischen Militäroperationen der vergangenen Jahre. Karzai bekräftigte, er werde das Sicherheitsabkommen mit den USA nicht vor der Präsidentenwahl am 5. April unterzeichnen, sollte bis dahin nicht ein Friedensprozess mit den Taliban beginnen. Karzai selbst darf bei der Wahl nicht mehr antreten.

Totalabzug nicht mehr ausgeschlossen

Als Reaktion forderte US-Präsident Barack Obama das Verteidigungsministerium auf, einen vollständigen Abzug aller Truppen noch in diesem Jahr vorzubereiten. Das Abkommen ist Voraussetzung für einen internationalen Militäreinsatz ab 2015. Derzeit sind etwa 52.000 Nato-Soldaten in Afghanistan im Einsatz, davon sind mehr als 33.600 Amerikaner. Zwar haben die afghanischen Sicherheitskräfte Fortschritte in ihrer Ausbildung gemacht, es bleiben aber Zweifel, ob sie die Aufständischen gerade in abgelegenen Regionen im Schach halten können.

Der Ärger mit Karzai sorgte auch für Planänderungen beim Treffen der Nato-Verteidigungsminister in der vergangenen Woche. Eigentlich sollten dabei die Weichen für eine Trainingsmission in Afghanistan nach 2014 gestellt werden - stattdessen richtete man sich auch auf einen kompletten Abzug ein. Formal wurden die militärischen Dienststellen der Allianz laut einem internen Papier von Nato-Chef Anders Fogh Rasmussen angewiesen, "die Auswirkungen und Risiken, die mit einer weiteren Verzögerung" durch die fehlende Unterschrift Karzais einhergehen, zu evaluieren.

vek/dpa/Reuters



insgesamt 55 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
braman 03.03.2014
1. Extrem wütend.
Herr Karzai hat sicher Recht mit dem was er über die Beweggründe der USA sagt. Leider sagt er das kurz vor der Beendigung seiner Amtszeit und vergisst dabei auch noch zu erwähnen, das er nur durch aktive Hilfe der USA Präsident wurde und sein Clan sich während dieser von den USA protegierten Amtszeit durch Korruption und Machtmissbrauch die (Auslands-)Konten mit vielen Millionen $ füllte. Meine Sympathie mit ihm hält sich in engen grenzen.
Meckerliese 03.03.2014
2. alle Truppen raus und basta
Soll doch dieses Land machen was es will. Wir haben dort nichts zu suchen. Jetzt fällt das alles Karzei ein nachdem er sein Konto gut gefüllt hat. Danke an alle die unser Geld dorthin verschoben haben für nicht sund wieder nichts. Mich dauern nur die vielen Menschen die sterben mussten.
enoughnow 03.03.2014
3. na endlich....
zeigt er sein wahres Gesicht. Er vergisst zu erwähnen, dass er und sein Clan kräftig durch Korruption an den Interventionen betrogen hat. Es ist einfach ekelhaft, wie er sich auf die Zeit danach vorbereitet. Nun, die Taliban vergisst nicht .....
otelago 03.03.2014
4. die Verhältnisse in Afghanistan
waren leider seit Jahr und Tag höchst instabil. Trotz aller Probleme wäre interessant zu erfahren, ob die letzten 10 Jahre nicht doch die ruhigsten waren im Verhältnis zur längeren Vergangenheit.
thomas.b 03.03.2014
5. optional
Oh, Herr Karzai hat es nach vielen vielen Jahren auch mal begriffen. Chapeau.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.