Afghanistan Kidnapper verschleppen deutsche Frau - Ehemann muss hilflos zusehen

Die Straßen von Kabul werden für Ausländer immer gefährlicher: Mitten am Tag entführten Kidnapper eine 31 Jahre alte Deutsche aus einem Restaurant, zerrten sie in ein Auto und rasten davon.

Von und Alexander Schwabe


Hamburg - Stimmen die Berichte, war es eine besonders kaltblütige Entführung, wie sie Ausländer in Kabul bisher nicht erlebt hatten: Nach noch unbestätigten Informationen hielten Bewaffnete mit ihrem Auto vor einem Schnellrestaurant an, zwei Männer stiegen aus, bestellten im Lokal eine Pizza.

Das kleine Restaurant Bar-B-Q Tonight liegt im Stadtteil Kart-e-Chr, einem westlichen Randbezirk der afghanischen Hauptstadt. Vor dem Imbiss verläuft eine belebte Straße, wenige Meter weiter sind eine Bäckerei und ein Gemischtwarenladen.

Doch das eigentliche Ziel der Männer war offenbar nicht ein warmes Mittagessen, sondern ein deutsches Paar, das im hinteren Teil des Raumes Platz genommen hatte. Von der Theke eilten die Kidnapper zu dem Tisch, an dem Christine M. mit ihrem Ehemann saß, zückten eine Pistole und forderten die Frau auf, mitzukommen.

Afghanische Polizisten vor Restaurant Bar-B-Q: Kriminelle können sich ihr Ziel aussuchen und dann einfach reinmarschieren
AP

Afghanische Polizisten vor Restaurant Bar-B-Q: Kriminelle können sich ihr Ziel aussuchen und dann einfach reinmarschieren

Die Entführer zerrten ihre Geisel hinaus, flohen in einem blauen Toyota vom Typ Corolla, der in Afghanistan häufig gefahren wird. Zurück blieb der entsetzte Ehemann, ihm blieb nur die Flucht in die deutsche Botschaft in Kabul.

Christine M. arbeitet für die im nordhessischen Korbach ansässige christliche Organisation Ora International. Die Organisation betreibt am Stadtrand von Kabul seit 1993 eine Klinik. Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat die Schirmherrschaft für das Kinderhilfswerk von Ora International übernommen.

Seit Herbst vergangenen Jahres ist Christine M. in der Verwaltung im Kabuler Büro des Hilfswerks tätig. Laut eines Mitarbeiters gibt es Kontakte zu den Entführern. Diese hätten Geldforderungen gestellt.

Entführte möglicherweise schwanger

Das Bar-B-Q ist ein einfacher afghanischer Grill-Imbiss. Bilder hängen keine an der Wand, nur vier Holztische stehen dort auf dem braunen Teppichboden. Was das Bar-B-Q nicht bietet, sind Sicherheitsvorkehrungen. Große Restaurants in Kabul müssen bestimmte Kriterien erfüllen, damit etwa Mitarbeiter der Vereinten Nationen dort überhaupt einkehren dürfen.

Der Imbiss aber hatte weder Wachmänner noch Mauern oder Stacheldraht. Der kleine Innenraum ist von der Straße aus gut einsehbar. Kriminelle können sich ihr Ziel in Ruhe aussuchen und dann einfach reinmarschieren.

Genau das taten die Geiselnehmer. Semerai Baschari, Sprecher des Innenministeriums, bestätigte den Vorfall und teilte mit, die Frau sei gegen 10.30 Uhr MESZ von insgesamt vier mit Pistolen bewaffneten Männern entführt worden. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa soll Christine M., die aus Süddeutschland stammt, schwanger sein. Anwohner in dem Viertel, wo sich die Entführung ereignet hatte, sagten der dpa, die junge Frau habe in der Nachbarschaft gewohnt. Sie sei täglich auf der Straße gesehen worden.

Polizisten, die wegen der Entführung alarmiert worden waren, entdeckten laut Augenzeugen das schnell fahrende Fluchtfahrzeug und eröffneten das Feuer. Den Angaben zufolge verfehlten sie den Toyota, trafen stattdessen ein Taxi und töteten dessen Fahrer.

Ein Polizeioffizier sagte, die Straßen seien rasch abgeriegelt worden, Hubschrauber seien im Einsatz. Innenamtssprecher Baschari bestätigte dies nicht. Zu SPIEGEL ONLINE sagte Baschari, die Frau sei von einer Bande von Kriminellen und nicht von radikal-islamischen Taliban entführt worden.

Kidnappings geschehen in Kabul häufig, doch bisher traf es fast ausschließlich Afghanen. Für Ausländer galt die Hauptstadt eine ganze Weile als sicher, doch in den vergangenen Wochen spitze sich die Lage immer mehr zu. Die Straßen wurden immer unsicherer, erst vor zwei Wochen warnte die amerikanische Botschaft in ungewöhnlich drastischen Worten vor der Entführung von Westlern. Sie sollten ihre Häuser so wenig wie möglich verlassen, und wenn, dann nur mit Begleitschutz.

Taliban distanzieren sich

Die radikal-islamischen Taliban distanzierten sich von der Tat. Deren Sprecher Sabeehullah Mudschahid sagte der dpa in Kabul per Telefon, ihm sei die Geiselnahme bekannt. Er habe auch mit Taliban-Kämpfern in der afghanischen Hauptstadt gesprochen, die ihm jedoch gesagt hätten, sie hätten die Frau nicht verschleppt.

Das Auswärtige Amt hat die Verschleppung einer deutschen Staatsbürgerin in Kabul inzwischen bestätigt. "Wir müssen von einer Entführung ausgehen", sagte die stellvertretende Sprecherin des Amtes . Der Krisenstab sei eingeschaltet und bemühe sich in enger Abstimmung mit den afghanischen Behörden um eine Lösung. Weitere Einzelheiten zu dem Fall nannte die Sprecherin nicht.

Für die Mitarbeiter der Vereinten Nationen wurde heute eine Ausgehsperre verhängt. Während der Ermittlungen zu der Entführung sollten sie an Ort und Stelle bleiben, verlautete aus Uno-Kreisen. Auch für andere Ausländer wurden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft.

Am 18. Juli waren in der afghanischen Provinz Wardak zwei Deutsche verschleppt worden. Eine der Geiseln befindet sich nach den bislang vorliegenden Informationen weiter in der Gewalt der Kidnapper. Die andere Geisel wurde laut Obduktionsbericht nach einem Kreislaufzusammenbruch von den Geiselnehmern erschossen. Ihre Leiche war am 22. Juli gefunden worden.

Mit Material von AP/dpa/AFP

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