Afghanistan-Konferenz in Bonn: Zahlen und Hoffen

Von , Bonn

Der Westen will Afghanistan auch nach Abzug seiner Truppen helfen. Bei der Konferenz in Bonn wurde weitere Unterstützung fest zugesagt. Für die Milliardenhilfe fordert man eine Gegenleistung: Mühsam wurden dem Land wenigstens ein paar Zusagen für weitere Reformen abgerungen.

Gastgeber Westerwelle: "Enormes erreicht" Zur Großansicht
DPA

Gastgeber Westerwelle: "Enormes erreicht"

Bonn - Das Thema Afghanistan wird auch lange nach dem geplanten Abzug der internationalen Truppen auf der Agenda der Staatengemeinschaft bleiben. Bei der Afghanistan-Konferenz zehn Jahre nach dem ersten Treffen dieser Art sagte die Gemeinschaft der am Hindukusch engagierten Staaten dem Land langfristige Hilfe zu: beim weiteren Aufbau der Armee, anderer Sicherheitsbehörden und für das Staatswesen. Diese Unterstützung soll mindestens noch zehn Jahre nach dem Jahr 2014 andauern, die Diplomaten tauften dies die Dekade der Transformation. Dafür rang man den Afghanen in zehrenden Verhandlungen verbindliche Zusagen für Reformen des korrupten Staatsapparats, im Rechtswesen und auch die Implementierung von demokratischen Verfahren ab.

Die Konferenz bedeutet rund zwei Jahre vor dem beschlossenen Abzug der Truppen der Nato den Beginn einer neuen Phase in der Afghanistan-Politik des Westens. Statt Zehntausender ausländischer Soldaten, die sich in den letzten Jahren in einen blutigen Kampf mit Widerstandsgruppen am Hindukusch verstrickten und dabei hohe Verluste erlitten, soll die afghanische Regierung den Kampf gegen die Taliban ab 2014 selbst übernehmen. Der Abzug folgt dabei keineswegs der militärischen Expertise der Generäle oder einer genauen Analyse der Lage, sondern vielmehr der Situation in den Heimatländern der derzeit rund 120.000 stationierten Soldaten. In keinem der beteiligten Länder hat die Mission mehr die Unterstützung der Wähler, zudem wollen und können sich die meisten Staaten die Operation Afghanistan schlicht nicht mehr leisten.

Der Westen bereitet sich auf immense Zahlungen vor

Was kommen wird, folgt dem Motto Zahlen und Hoffen. Trotz aller Zweifel an der Leistungsfähigkeit der afghanischen Armee und der Regierung setzt man auf die Hoffnung, dass es schon irgendwie gut gehen wird. Rückschläge sind bei dieser Rechnung für die kommenden Jahre durchaus eingepreist. Gleichzeitig bereitet sich der Westen bereits auf immense Zahlungen vor, durch die Afghanistan bei seinem schwierigen Weg unterstützt werden soll. Zehn Milliarden Dollar, das jedenfalls sagen afghanische Regierungsmitglieder, wird das Land allein in den ersten Jahren für den weiteren Aufbau der Armee und der Polizei brauchen. Präsident Hamid Karzai machte vorsorglich bereits klar, dies sei zwar viel Geld, aber doch für den Westen weitaus billiger als das bisherige Engagement mit zehntausenden Soldaten.

Die Finanzierung der neuen Phase sollte in Bonn noch kein Thema sein. Zwar kursierten die Zahlen aus Kabul schon überall während der Konferenz. Schon jetzt ist auch klar, dass es um die Finanzierung ein ebenso beherztes Ringen wie um die nur mühsam erreichte Abschlusserklärung geben wird. Die USA, so jedenfalls war es aus Washington zu hören, wollen nur rund drei Milliarden für die weitere Afghanistan-Mission aufbringen. Der Rest soll von anderen Nationen kommen. Damit ist für eine neuerliche Geberkonferenz, die im Sommer 2012 in Tokio anberaumt ist, noch reichlich Diskussionsstoff übrig. Aus deutschen Regierungskreisen war zu hören, natürlich könne man durch den schrittweisen Abzug der Bundeswehr entstehende Einsparungen im Afghanistan-Budget in einen gemeinsamen Topf des Westens einzahlen. Mehr ausgeben will man aber freilich nicht.

Was in Bonn vereinbart wurde

Gipfel wie die in Bonn sind aus Sicht der Veranstalter grundsätzlich ein Erfolg. Und so wunderte es nicht, dass Gastgeber Guido Westerwelle am Ende der Tagung wohlgelaunt vor die Kameras trat. Man habe Enormes erreicht, sagte der Außenminister, der Westen werde an der Seite der Afghanen bleiben. Konkret erwähnte Westerwelle die "gegenseitigen Verpflichtungen", die man in Bonn vereinbart hatte. Im Detail nannte er die Abschlusserklärung:

  • Die afghanische Verpflichtung zu einer pluralistischen Gesellschaft, der Wahrung der Menschen- und speziell der Frauenrechte.
  • Der Kampf gegen die Korruption wird in dem Dokument sogar als "Schlüsselpriorität" genannt.
  • Ebenso ermahnt das Papier Afghanistan, die bereits bei einer vorherigen Konferenz in Kabul gelobten Versprechen zu erfüllen. Indirekt sagt die Erklärung damit, dass bisher in diesen Fragen nichts passiert ist.

Die großen Mankos gingen fast unter

Aus deutscher Sicht ist die Erklärung der Konferenz tatsächlich ein Erfolg. Nach einem sehr selbstbewussten Auftreten der Afghanen und schier endlosen, teils gar absurd anmutenden Marathon-Runden seit dem vergangenen Freitag hatte kaum noch einer der Diplomaten mit einer einigermaßen klaren Abschlusserklärung gerechnet. Am Ende habe man mehr erreicht als möglich erschien, hieß es aus der Delegation. Vor allem die gegenseitige Verpflichtung sei ein wichtiger Faktor. Im Fall des Falls könne man mit dieser Formulierung sogar Geldzahlungen an die Afghanen von Reformen in ihrem Land abhängig machen, sagte einer der internationalen Diplomaten. Mit der Erklärung habe man zumindest eine klare Linie für die kommenden Jahre.

Bei allem Jubel über die Einigung gingen die großen Mankos der Konferenz fast unter. Gerade bei der sogenannten politischen Lösung, also einer Einigung oder einem Kompromiss mit der politischen Führung der Taliban und der Kabuler Regierung, ist man keinen Schritt weiter. Im Gegenteil: Nachdem Pakistan wegen der Aufregung um einen Angriff auf seine Grenztruppen seine Teilnahme an dem Treffen absagte, saß der entscheidende Partner für eine solche Lösung in Bonn gar nicht mit am Tisch. Selbst der sonst so optimistische Präsident Karzai zeigte sich bei einem Gespräch mit dem SPIEGEL einige Tage vor der Konferenz in Deutschland kaum hoffnungsvoll, dass der Prozess überhaupt in naher Zukunft wieder in Gang kommt. Ohne den festen Willen Pakistans, so seine nüchterne aber realistische Einschätzung, seien alle Bemühungen für Gespräche aussichtslos.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Absurd und unnötig!
doc 123 05.12.2011
Zitat von sysopDer Westen will Afghanistan auch nach Abzug seiner Truppen helfen. Bei der Konferenz in Bonn wurde weitere Unterstützung fest zugesagt. Für die Milliardenhilfe fordert man eine Gegenleistung: Mühsam wurden dem Land wenigstens ein paar Zusagen für weitere Reformen abgerungen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,801887,00.html
Wieso spart man sich diese Konfernz nicht einfach und gibt zu, dass die gesamte Afghanistan-Politik der letzten 10 Jahre gescheitert ist und über 20 Milliarden Euro deutschen Steuergeldes einfach vollständig unnötig verbrannt wurden, ganz zu Schweigen von dem vollständig sinnlosen und unnötigen Tod von deutschen Soldaten. Wann werden endlich deutsche Politiker für diesen geradezu menschenverachtenden Krieg zur Verantwortung gezogen? Jetzt auch noch darüber zu diskutieren, wie man das korrupte Karzai-Regime bzw. dessen Nachfolger mit zig Milliarden weiter finanzieren will, wo doch längstens klar ist, dass nach Abzug der westlichen Truppen spätestens wieder die Taliban mit Pakistanischer Hilfe die Macht im Lande übernehmen weren, ist an Absurdität und Volksverdummung kaum noch zu überbieten.
2. ...
e-ding 05.12.2011
Zitat von sysopDer Westen will Afghanistan auch nach Abzug seiner Truppen helfen. Bei der Konferenz in Bonn wurde weitere Unterstützung fest zugesagt. Für die Milliardenhilfe fordert man eine Gegenleistung: Mühsam wurden dem Land wenigstens ein paar Zusagen für weitere Reformen abgerungen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,801887,00.html
AFG erklärt sich also nur bereit gegen Korruption vorzugehen, wenn die Mrd. fließen? Darüber sollte man mal wirklich intensiv nachdenken!
3. Utopie kostet Leben und Geld
hans1943 05.12.2011
Jeder normale Mensch weiss, dass es unmöglich ist, dort eine Demokratie nach unseren Werten und unserem Vorbild zu installieren. Ihr Glaube und ihre Kultur verhindern das. Nach dem Abzug von Nato und USA wird das Land wieder unter Stammeskämpfen leiden und die Taliban werden wieder zuschlagen, vermutlich mit Hilfe aus Pakistan. Jeder Euro oder Dollar etc. ist zu schade um dort zu investieren. Als deutscher Soldat würde ich mich weigern, für so etwas nutzloses den Kopf hinzuhalten.
4. @ doc123
moeschtijall 05.12.2011
Ihrem Beitrag ist nichts mehr hinzuzufügen....Sie schreiben mir aus der Seele!
5. Fortschritt
herr minister 06.12.2011
Na immerhin ein kleiner Fortschritt. Deutsche Soldaten müssen nicht mehr sterben und töten. Man kann wohl kaum erwarten, dass unsere Regierung auch noch die Milliardenhilfen einstellt an den drogenanbauenden Karzai Klan, der dem Alltag aus Menschenverachtung und religiösem Fanatismus tatenlos zusieht.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Afghanistan
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 14 Kommentare

Fläche: 652.225 km²

Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staats- und Regierungschef: Hamid Karzai

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon