Afghanistan Das geschmierte Land

Die CIA soll über Jahre mit Dollar-Millionen das Wohlwollen der afghanischen Führung gekauft haben. Die Bestechung zeigt, wie Afghanistan funktioniert: nur mit Hilfe von Schmiergeld. Aber was, wenn das Geld nicht mehr fließt? Pessimisten befürchten den Zusammenbruch der Wirtschaft.

Afghanischer Präsident Karzai: Korruption ist weit verbreitet
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Afghanischer Präsident Karzai: Korruption ist weit verbreitet

Von , Islamabad


"Bakschisch, Bakschisch!" Man hört es überall in Afghanistan, ob vom Zollbeamten hinter dem Gerät zum Durchleuchten des Koffers bei der Ankunft in Kabul oder vom Polizisten, der einen aus fadenscheinigen Gründen auf einer Landstraße außerhalb von Kunduz anhält. Bakschisch, das ist das Trinkgeld, das hier jeder braucht, um sein karges Gehalt aufzubessern, der Schmierstoff, der den afghanischen Staat funktionsfähig hält.

Aber es sind nicht nur die kleinen Scheine für die einfachen Leute, es ist auch das große Geld für die Mächtigen im Land. Es ist ein korruptes System, dieses System Karzai, dessen schamloser Selbstbedienung der Westen, allen voran die USA, nicht nur zugeschaut, sondern sogar aktiv gefördert hat, wie ein Bericht der "New York Times" offenlegt.

Demnach flog die CIA in den vergangenen elf Jahren mehrere Millionen Dollar in bar nach Kabul. Die Geldboten brachten die Scheine in Koffern, Rucksäcken und Einkaufstüten in den Präsidentenpalast, um das Umfeld des Präsidenten gnädig zu stimmen und sich das Wohlwollen der Staats- und Regierungsführung zu erkaufen.

Selbstbedienung der Mächtigen

Dass die CIA nicht knauserig ist, wenn es darum geht, Afghanen einzukaufen, wurde schon vor vier Jahren deutlich. Damals kam ans Licht, dass Ahmed Wali Karzai, ein jüngerer Halbbruder von Hamid Karzai, auf der Gehaltsliste der CIA stand. Die Menschen in seiner Heimat nannten ihn "König von Kandahar", in der Provinz geschah nichts gegen seinen Willen. Im Sommer 2011 wurde er von den Taliban ermordet.

Karzais Getreue bereicherten sich jahrelang ungestraft, weil sie die Rückendeckung der USA hatten, die Karzai einst eingesetzt hatten. Der Präsident galt fortan als Marionette Washingtons und wurde wegen seines nicht gerade weit reichenden Einflusses als "Bürgermeister von Kabul" verspottet. Karzai war im Gegenzug ein treuer Verbündeter.

Seine Verwandten und Freunde sollen sich an den Ersparnissen der Kunden der Kabul-Bank bedient haben. Fast eine Milliarde Dollar schafften sie über die Jahre, zum Teil in Servierwagen von Flugzeugen, ins Ausland. Auch hier wusste man, dass die Mächtigen sich bereichern. So hielt Mahmoud Karzai, ein älterer Bruder des Präsidenten, einen Anteil an der Bank. Trotzdem ließen sich internationale Geldgeber beruhigen, und das Geld floss weiter auf die Konten der Bank.

Gigantische Zahlungen aus dem Ausland

Auch wird Angehörigen von Karzai und anderen Politikern vorgeworfen, in Drogengeschäfte verwickelt zu sein. Opium ist das wichtigste landwirtschaftliche Produkt in Afghanistan, für dieses Jahr erwartet die Uno eine Rekordernte. Neben Hilfszahlungen und Schmiergeld aus dem Ausland bringt Opium das große Geld - und nur wer Geld zu verteilen hat, hat Einfluss.

Das war schon in den achtziger Jahren so, als die USA Krieger mit Geld und Waffen ausstatteten, damit sie die sowjetischen Besatzer bekämpften. In den vergangenen Jahren aber, unter Karzai, hat sich dieses System, das von Zahlungen von außen abhängig ist, perfektioniert. Alleine die Entwicklungshilfe, die Afghanistan erhält, ist in etwa genauso groß wie das Bruttoinlandsprodukt. Kein anderes Land, keine andere Region - abgesehen von Liberia, Westbank und Gaza - erhalte so viel fremde Leistungen pro Kopf, schreibt die Weltbank in einer kürzlich veröffentlichten Studie.

Das hat das Land gewaltig verändert. Die Lebenshaltungskosten sind in die Höhe geschossen, die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich hat sich vertieft. Für eine Wohnung in Kabul kann man ohne Probleme 3000 Dollar Monatsmiete und mehr zahlen, für einen halbwegs schnellen Internetanschluss mehr als 1500 Dollar im Monat - in einem Land, in dem das durchschnittliche Jahreseinkommen bei etwa 530 Dollar liegt.

Kein Wunder, dass Korruption weit verbreitet ist. Man nimmt das Geld, wo auch immer man es bekommen kann. Eine gemeinsame Studie der Uno und der afghanischen Antikorruptionsbehörde kommt zu dem Schluss, dass im vergangenen Jahr jeder zweite Afghane Bestechungsgelder gezahlt hat. Demnach flossen insgesamt etwa 3,9 Milliarden Dollar in die Taschen von Beamten und Politikern - doppelt so viel wie die Steuereinnahmen Afghanistans.

Zunahme von Korruption befürchtet

Viele Menschen befürchten, dass es wirtschaftlich bergab gehen wird, wenn die Nato-Truppen und mit ihnen andere westliche Organisationen abziehen. Der Geldfluss, lautet die Sorge, wird geringer, auch wenn bei der Entwicklungshilfe nicht gekürzt werden soll, wie viele Geberstaaten betonen. In den vergangenen Monaten sind die Mietpreise um 40 Prozent gesunken, immer mehr große Häuser und Wohnungen stehen jetzt leer.

Karzai weiß, dass die USA ihn nicht mehr stützen. Im kommenden Jahr sind Wahlen, gemäß Verfassung darf er nach zwei Amtszeiten nicht wieder kandidieren. Hektisch sucht er nach einem Nachfolger, durch den er weiter Einfluss ausüben kann. Gegen die USA wettert er inzwischen offen und regelmäßig, er wirft ihnen vor, heimlicher Partner der Taliban zu sein, um das Land zu destabilisieren und damit einen weiteren Verbleib zu rechtfertigen.

Beobachter rechnen damit, dass wegen dieser düsteren Aussichten die Korruption in den kommenden Monaten dramatisch zunehmen wird. "Jeder nimmt sich, was er noch mitnehmen kann, bevor karge Zeiten beginnen", sagt ein Beamter aus dem Präsidentenpalast. "Das ist jedenfalls die Mentalität."

Bakschisch von der CIA ist da auch willkommen.

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insgesamt 24 Beiträge
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nikopol 29.04.2013
1. sehr demokratisch...
...das zeit aber auch wie die CIA funktioniert ;)
maximillian64 29.04.2013
2. Jeder nimmt sich soviel er kann bevor karge Zeiten anbrechen...
Na da wird sich der eine oder Andere CIA Mitarbeiter doch im Verbund mit seinen Tütenträgern und Empfängern sicherllich auch bedienen. Macht aber nix er muss es ja egal wo in der welt dann doch dem IRS melden. Glueck gehabt.
andreasposter 29.04.2013
3. Neuigkeiten...
Wieso die ploetzliche Aufregung ? Vor einiger Zeit sind von der Afghan Bank in Kabul 300 Mio $ "abhanden" gekommen. Ein enger Verwandter von Karzai war (ist??) im Vorstand der Afghan Bank. Karzai war in seinem frueheren Leben Direktor bei Halliburton - Ex Vizepraesident Dick Cheney war Vorstandsvorsitzender von Halliburton ....Noch Fragen ??? Und wenn befuerchtet wird, dass das Schmiergeld versiegt, keine Bange, heuer war doch wieder eine Rekordmohnernte, da wird vom Profit durch den Drogenhandel schon noch was fuer Afghanistan oder besser die Fuehrungsriege uebrig bleiben, da wird sich die CIA schon drum kuemmern....
haraldf56 29.04.2013
4. Das wird nie was
Wenn die Truppen der NATO weg sind und nur noch die Förder-Milliarden, die die Klippe Mittelmeer überstanden haben, dort ankommen, versickern die garantiert bei den jeweiligen Herrschafts-Clans. Das kommt davon, wenn man in den 80-er Jahren die Taliban unterstützt, die mann nun bekämpfen muss. nach dem Prinzip "Täglich grüßt das Murmeltier" bekämpft man nun die islamistischen Rebellen in Mali, während man die gleichen Gruppierungen in Syrien hofiert. Irgendwann leben bei uns die jetzigen Kriegsflüchtlinge im gleichen haus, wie die Flüchtlinge, die kommen werden, wenn die Islamisten das Assadregime mit NATO-Hilfe besiegt haben. Beim Umsetzen der Truppen von Afghanistan in den nahen Osten ist ja nicht so eine weite Strecke zurückzulegen ;-))
Th.Tiger 29.04.2013
5.
Zitat von sysopAFPDie CIA soll über Jahre mit Dollar-Millionen das Wohlwollen der afghanischen Führung gekauft haben. Die Bestechung zeigt, wie Afghanistan funktioniert: nur mit Hilfe von Schmiergeld. Aber was, wenn das Geld nicht mehr fließt? Pessimisten befürchten den Zusammenbruch der Wirtschaft. http://www.spiegel.de/politik/ausland/afghanistan-korruption-im-system-hamid-karzai-a-897199.html
Man muss kein Pessimist sein, um das zu erwarten. Realist sein, reicht aus.
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