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Afghanistan-Krieg: Die "Beständige Freiheit" bringt immer mehr Zivilisten den Tod

Von Alexander Schwabe

Die afghanische Regierung ist über die amerikanische Kriegsführung empört. Statt mit der gebotenen Zurückhaltung gehen US-Verbände neun Monate nach dem Beginn des Feldzuges gegen die Taliban offenbar unvermindert brutal vor. Immer mehr Frauen und Kinder sterben.

Gulam ringt mit dem Tod
AP

Gulam ringt mit dem Tod

Hamburg - Der fünfjährige Gulam saugt gierig an einem Schlauch, der ihm Sauerstoff spendet. Er liegt in Kandahar, in einem der äußerst spärlich ausgestatteten Krankenhäuser Afghanistans. Als er wach wird, ruft er nach seinen Eltern. Sie können ihn nicht mehr hören, denn Vater und Mutter kamen bei dem Luftangriff der Amerikaner auf eine Hochzeitsgesellschaft am Montag früh um zwei Uhr im Dorf Kakarak, rund 280 Kilometer südwestlich von Kabul, ums Leben.

Karzai hat zunehmend genug von amerikanischen Fehloperationen
AFP

Karzai hat zunehmend genug von amerikanischen Fehloperationen

Die Diagnose der Ärzte ist nicht gut: Metallsplitter haben Gulams Lungen durchlöchert, sie zertrümmerten sein Schlüsselbein und zogen seine linke Körperhälfte in Mitleidenschaft. In dem Dorf, in dem es unterschiedlichen Angaben zufolge zwischen 40 und 250 Tote gegeben hat, traf es auch andere Familien schwer. Gulams Cousin Sardar hat einen Schwager, Haji Abdul Raziq, der einen Sohn, zwei Enkel und eine Nichte bei dem Angriff verloren hat. Er selbst verlor ein Auge und wurde von weiteren Metallteilen im Unterleib getroffen.

Karzai fordert von Amerikanern mehr Zurückhaltung

Dabei hatte kurz nach Weihnachten, rund drei Monate nach Beginn des Afghanistan-Feldzugs "Enduring Freedom" ("Beständige Freiheit"), ein Sprecher des afghanischen Verteidigungsministeriums verkündet, es seien nur noch wenige Männer der Taliban und der al-Qaida niederzukämpfen, dann gebe es keinen Grund mehr, die Angriffe fortzusetzen. Doch mehr als ein halbes Jahr danach dauern die amerikanischen Militärschläge an - mit zweifelhaftem Erfolg.

Deshalb ist die afghanische Regierung offenbar nicht mehr gewillt, die undifferenzierten Attacken der Amerikaner hinzunehmen. Präsident Hamid Karzai bestellte am Tag nach der Bombardierung ranghohe US-Militärvertreter ein. Über das jüngste Versagen der amerikanischen Soldaten kam es offenbar zu einem Streit. Dan McNeill, der Befehlshaber der US-Truppen in Afghanistan, sagte nach dem Treffen, er und Karzai hätten unterschiedliche Ansichten über die Vorkommnisse.

Auch Außenminister Abdullah Abdullah hielt die Aktion der Amerikaner, mitten in der Nacht das Feuer auf dem Lande zu eröffnen, für unverantwortlich. Die Jagd nach Taliban-Chef Mullah Mohammed Omar und al-Qaida-Anführer Osama Bin Laden rechtfertige nicht den Tod von Zivilisten, sagte er. Von der Anti-Terrorallianz verlangte er Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung. Bereits vergangene Woche hatte Karzai die Amerikaner aufgefordert, bei Razzien und Militäreinsätzen in den Dörfern des Hindukusch mehr Vorsicht walten zu lassen.

Erst Bomben, dann Mitgefühl

Die Wut auf die Amerikaner wächst auch beim afghanischen Volk. Da nützt es auch nichts, dass Militärsprecher auf der Bagram-Airbase im Namen der Vereinigten Staaten "ihr tiefstes Mitgefühl" ausdrücken für diejenigen, die "ihre geliebten Angehörigen" verloren haben.

Es ist nicht das erste Mal, dass amerikanische Militärschläge für Kinder und Frauen tödlich enden. Anfang Dezember bombardierten die Amerikaner das Dorf Kama Ado in Ostafghanistan. Überlebende berichteten damals, rund die Hälfte der 300 Bewohner des Bergdorfes seien dabei ums Leben gekommen.

Die MC-130 der US-Armee
REUTERS

Die MC-130 der US-Armee

Mitte Dezember griffen die Amerikaner einen Konvoi an, in dem sie Taliban-Führer vermutet hatten. Zahlreiche Menschen starben. Später stellte sich heraus, dass es sich bei den Toten mehrheitlich um Stammesälteste gehandelt hat, die auf dem Weg nach Kabul waren, um an der Vereidigungszeremonie von Interimspräsident Karzai teilzunehmen.

Während der "Operation Anaconda", dem intensivsten Kampfeinsatz der Anti-Terror-Allianz seit der Schlacht um Tora Bora, wurden am 6. März nahe der Höhlenfestung Schah-i-Kot 14 Menschen getötet, darunter Frauen und Kinder. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld kommentierte das Blutbad mit der Bemerkung, die Familien hielten sich aus freien Stücken in der Gegend auf und wüssten, mit wem sie sich einließen.

Royal Marines auf einer Patrouille im Südosten Afghanistans
AP

Royal Marines auf einer Patrouille im Südosten Afghanistans

Im Mai wurde eine Hochzeitsgesellschaft in der Provinz Chost aus einem US-Hubschrauber beschossen. Dabei wurden nach Angaben der afghanischen Nachrichtenagentur AIP mindestens zehn Menschen getötet, was von Verwaltungsbeamten bestätigt wurde.

"Wir sehen aus wie Taliban, sind aber keine"

Der 32-jährige Wali Jan aus dem jüngst bombardierten Dorf Kakarak fragt sich: "Wie können die Amerikaner solch einen Fehler machen? Wir sehen zwar aus wie Taliban, wir sind aber keine Taliban." Mit den Sitten des Landes scheinen die Soldaten nicht vertraut zu sein. "Bei einer Razzia hatten US-Soldaten Frauen gefesselt", klagt Jan. Dies gilt in Afghanistan als ein Tabubruch. Bei dem Einsatz versteckte sich ein dreijähriges Mädchen in einem Brunnen und ertrank.

Bisher gibt es keine genauen Zahlen, wie viele Zivilisten im nun neun Monate andauernden Afghanistan-Feldzug ums Leben kamen. Anfang des Jahres veröffentlichte Marc Herold, Professor an der Universität von New Hampshire, ein Dossier, in dem er davon sprach, dass allein zwischen dem 7. Oktober 2001 und dem 4. Januar 2002 mehr als 4000 Zivilisten getötet wurden.

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