Von Matthias Gebauer
Berlin - Normalerweise agiert das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) streng vertraulich. Jetzt aber hat das Gremium gegenüber dem britischen Sender BBC erstmals in der Regierungszeit von Barack Obama die Existenz eines US-Geheimgefängnisses in Afghanistan bestätigt. Ein Sprecher der Organisation sagte, das US-Militär habe die IKRK-Mitarbeiter seit August 2009 über mehrere Fälle von Gefangenen informiert, die innerhalb von Bagram untergebracht worden seien - der größten US-Basis in Afghanistan -, und nicht in der normalen und vom Roten Kreuz kontrollierten Haftanstalt.
Die Enthüllung der BBC bestätigt die Berichte mehrerer Afghanen, die im Herbst 2009 auch SPIEGEL ONLINE von einem Geheimgefängnis in Bagram berichteten, in dem sie tagelang bei grellem Licht, extremen Temperaturen und lauter Musik gefangengehalten worden seien. Eine Gruppe von zehn Häftlingen, die von gemischten Sondereinheiten der afghanischen und der US-Armee in Ostafghanistan unter Terrorverdacht festgenommen worden waren, nannte das Sondergefängnis "Hundezwinger". Andere Häftlinge benutzten in der BBC ähnliche Namen.
Die Berichte der Gefangenen erinnern an die dunkelsten Zeiten des von George W. Bush legitimierten harschen Anti-Terror-Kriegs. Detailliert berichteten die einstigen Häftlinge von Betonzellen ohne Fenster, in denen sie tagelang wie Tiere gehalten worden seien. Die Temperaturen seien durch eine Klimaanlage geregelt worden, oft sei es sehr kalt gewesen. Mehrmals pro Tag wurden die Häftlinge demnach zu Verhören gebracht, die allesamt von in zivil gekleideten Personen durchgeführt worden seien. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich um CIA-Agenten handelte.
Die Geschichten der "Hundezwinger"-Gefangenen ähneln denen der BBC-Zeugen. Wie die Dorfbewohner berichteten fünf Ex-Gefangene von den Methoden in dem Sondergefängnis. Die Ostafghanen wurden allesamt nach einigen Wochen freigelassen. Offenbar hatte sich der Verdacht gegen sie nicht erhärtet. US-Soldaten warfen sie an einer großen Straße in Jalalabad, der größten Stadt in Ostafghanistan, an einer Tankstelle aus einem Mini-Bus - gefesselt. Der Eingang zu einer großen US-Basis ist nur einige Fahrminuten entfernt.
Obama gerät unter Druck
Durch die IKRK-Bestätigung geraten US-Militär und US-Regierung unter Druck. Präsident Obama hatte als eine seiner ersten Handlungen den Befehl erteilt, alle berüchtigten Geheimgefängnisse des Militärs und der Geheimdienste zu schließen. Dazu gehörte Bagram. Die Luftwaffenbasis war durch viele Berichte über Folter und ungeklärte Todesfälle von Taliban-Verdächtigen in Afghanistan in Verruf geraten. Die Verantwortlichen bauten auf dem Gelände ein Vorzeigegefängnis, zu dem Menschrechtler Zugang erhielten. Zudem begann eine richterliche Überprüfung der ohne Prozess festsitzenden Gefangenen.
Die Existenz einer weiteren geheimen Haftanstalt dort lässt die Bemühungen um bessere Bedingungen für die rund 650 im eigentlichen Knast einsitzenden Gefangenen wie eine Show erscheinen. Rechercheure von Menschenrechtsorganisationen vermuten seit langem, dass vor allem die CIA und die geheim agierenden Special Forces der US-Armee auf die dauerhafte Existenz rechtsfreier Räume in Bagram gedrängt hatten. So sehr Barack Obama den harschen Methoden dieser Organisationen abgeschworen hat, für so notwendig halten diese selbst ihre schonungslose Vorgehensweise.
Dass das IKRK einen so ungeheuerlichen und hochgradig heiklen Verdacht bestätigt, ist extrem ungewöhnlich. Normalerweise setzt sich das Komitee einzig mit den betroffenen Ländern auseinander und scheut die Öffentlichkeit. Durch dieses vielfach kritisierte Prozedere soll sichergestellt werden, dass Mitarbeiter der Organisation weiter Zugang zu in Kriegen festgesetzten Häftlingen haben und sich für deren Rechte einsetzen können. Kritiker halten dem IKRK dagegen vor, es agiere durch die Vertraulichkeit nur wie ein Papiertiger.
Insider kennen weitere Geheimgefängnisse
Das US-Militär hat den Bericht der BBC vorerst zurückgewiesen, will die Vorwürfe aber prüfen. Öffentlich hatte allen voran der US-Oberkommandierende Stanley McChrystal immer wieder transparente Prozesse bei der Gefangennahme von Verdächtigen gefordert. Gleichwohl wissen Militär-Insider, dass es außer dem Geheimgefängnis in Bagram noch mehrere weitere kleinere Knäste für Terror-Verdächtige in Afghanistan gibt. Diese sind meist in sogenannten Forward Bases (FOB) der US-Armee installiert und weit weg von jeglicher Kontrolle.
Die US-Basis in Bagram ist so alt wie der US-Krieg in Afghanistan. Umgehend nach dem Einmarsch übernahm die Armee den alten russischen Flughafen und baute ihn massiv aus. 24 Stunden am Tag dröhnen nun die Triebwerke der Transportflugzeuge, Kampfbomber und unbemannten Drohnen. Das Areal ist riesig und von drei Sicherheitswällen umgeben. So hell leuchten die grellen Strahler jeden Winkel aus, dass man von Kabul aus die Basis anhand eines Lichtkegels leicht ausmachen kann.
Bagram, in der US-Armee nur "BAF" für "Bagram Airfield" genannt, ist für die USA die wichtigste logistische Basis in der Region, gemeinsam mit dem Flughafen in Bagdad. Waffennachschub, neue Soldaten, Autos, Nahrung: Nahezu alles, was die US-Armee in Afghanistan braucht, wird über "BAF" transportiert. Auch die vielen Verwundeten werden von hier aus in Richtung Deutschland geflogen, wo sie im US-Spital in Landstuhl weiter versorgt werden.
Die Basis war auch eine wichtige Station im weltweiten Entführungsprogramm der CIA, heute als "rendition program" bekannt. Alle wichtigen Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 wurden nach ihrer Festnahme durch Bagram geschleust. Auch viele andere Verdächtige kamen vor ihrer Weiterreise in CIA-Geheimgefängnisse hier an. Als zum Beispiel die CIA im Jahre 2007 in Somalia mutmaßliche Terroristen festnahm, wurden diese erst einmal auf die sichere Basis gebracht.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Afghanistan-Krieg | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH