Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 6/2016

Krise in Afghanistan: "Die Taliban müssen sich entscheiden"

Ein Interview von

Taliban in Herat: "Sie müssen der Gewalt abschwören" Zur Großansicht
REUTERS

Taliban in Herat: "Sie müssen der Gewalt abschwören"

Die Nato hat mit ihrem Abzug aus Afghanistan mit dafür gesorgt, dass viele Menschen aus dem Land flüchten, ist Sondervermittler Olson überzeugt. Er bemüht sich um Gespräche zwischen Taliban und Regierung.

Zur Person
  • AP
    Richard Olson ist seit Ende 2015 Sonderbeauftragter des US-Außenministeriums für die Krisenregion Afghanistan und Pakistan. Als Vermittler versucht er, die festgefahrenen Gespräche der afghanischen Regierung mit den Taliban wieder in Gang zu bringen. Der Karrierediplomat ist seit 33 Jahren für das State Department im Einsatz und kennt sich in der Region bestens aus. So war Olson an Einsätzen im Irak und in Afrika beteiligt und in den vergangenen Jahren sowohl an der US-Botschaft in Kabul als auch in Islamabad stationiert.
Große Gebiete von Afghanistan sind umkämpft oder stehen noch immer unter der Kontrolle der Taliban. Immer wieder kommt es zu Anschlägen der Extremisten. Die Zahl der zivilen Opfer hat einen Rekordstand erreicht. Die wirtschaftliche Lage ist schlecht, das Vertrauen in die afghanische Regierung erschüttert.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Hier geht es zum digitalen Heft
Neu:
  • Lesen Sie den vollständigen SPIEGEL auf Tablets, Smartphones oder am PC/MAC
  • Mit vielen zusätzlichen Videos, interaktiven Grafiken und Bildern
  • Lesbar über Apps oder Browser

Die Taliban haben sich bisher gegen Friedensverhandlungen ausgesprochen. Zuletzt waren Gesprächsversuche im Juli 2015 gescheitert, nachdem der Tod des langjährigen Talibanführers Mullah Omar bekannt geworden war. Das hatte die Taliban in interne Machtkämpfe gestürzt. Im Interview berichtet US-Sondervermittler Richard Olson über die schwierigen Verhandlungen.

SPIEGEL ONLINE: Nach mehr als einem Jahr Stillstand versuchen Sie als Vermittler die Friedensgespräche zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung wieder in Gang zu bringen. Gibt es Fortschritte?

Olson: Die Gespräche bleiben schwierig, aber es gibt dazu keine Alternative. Dass die Taliban im Juli erstmals wieder an den Tisch gekommen sind, war ermutigend. Afghanistan und Pakistan haben kürzlich noch mal ihren Willen bekundet, weiter über einen Deal mit den Taliban reden zu wollen. Nun brauchen wir eine schnelle Wiederaufnahme der direkten Gespräche - nicht zwischen uns, sondern zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban.

SPIEGEL ONLINE: Wir reden also lediglich über Vorbereitungen von Gesprächen?

Olson: Unsere Rolle ist nur die eines Vermittlers, die USA und andere Länder können alle Seiten nur zurück an den Tisch bringen. Am Ende liegt die Entscheidung bei den Taliban. Wollen sie aus ihrem Versteck zurück zu einer politischen Rolle in Afghanistan? Wollen sie möglicherweise irgendwann sogar international anerkannt und legitimiert sein, statt gegen das eigene Volk zu kämpfen? Das wird nur gehen, wenn sie ihren Kampf gegen die Regierung aufgeben.

SPIEGEL ONLINE: Im Krieg gegen Kabul haben die Taliban 2015 Erfolge erzielt, die zeitweise Eroberung von Kunduz zeugt von ihrer militärischen Stärke. Gehen sie von einer gestärkten Position aus in die Verhandlungen?

Olson: 2015 war ein schwieriges Jahr, und 2016 wird nicht einfacher werden. Trotz der Rückschläge muss man sehen, dass zum Beispiel die Eroberung von Kunduz temporär war. Am Ende konnten die afghanischen Sicherheitskräfte die Stadt zurückerobern. Aus den Ereignissen, auch aus Fehlern, haben die Afghanen Lehren gezogen. Wir auf unserer Seite haben erkannt, dass Kabul noch länger Hilfe brauchen wird, um die Sicherheitslage eigenständig unter Kontrolle zu bekommen. Deswegen werben wir in der Nato dafür, neben dem Training für die Armee auch die Finanzhilfen für die afghanischen Sicherheitskräfte von rund vier Milliarden Dollar pro Jahr bis 2020 zu verlängern.

SPIEGEL ONLINE: Die Taliban sagen bereits, dass durch die Verlängerung der Trainingsmission eine wichtige Voraussetzung für den Friedensprozess geändert wurde. Denn entgegen der eigentlichen Planung der Nato bleiben auch nach 2016 Tausende ausländische Soldaten im Land.

Olson: Mit der Verlängerung der Ausbildungsmission haben wir auf die Gewaltkampagne der Taliban reagiert und entschieden, dass die Afghanen noch länger Hilfe brauchen. Wenn die Taliban zurück an den Verhandlungstisch kommen, und man sich auf einen Waffenstillstand einigt, kann sich diese Situation ändern.

SPIEGEL ONLINE: Was wird der Preis für einen Deal mit den Taliban sein?

Olson: Ich wäre ein schlechter Diplomat, wenn ich Zugeständnisse machen würde, bevor wir richtig verhandeln. Die Details eines Deals muss am Ende die afghanische Regierung machen. Wie Kabul sind wir allerdings der Ansicht, dass sich die Taliban von al-Qaida und dem internationalen Terrorismus lösen und der Gewalt abschwören müssen. Außerdem muss die afghanische Verfassung inklusive des Minderheitenschutzes und der Frauenrechte beachtet werden.

SPIEGEL ONLINE: Während sich die Verhandlungen hinziehen, blutet Afghanistan regelrecht aus. Mehr als 100.000 Flüchtlinge aus dem Land wurden allein 2015 in Deutschland registriert.

Olson: Die USA haben großes Verständnis für die deutschen Sorgen wegen der steigenden Zahlen von Flüchtlingen, wir sprechen das immer wieder bei der afghanischen Regierung an. Der Exodus aber ist nicht nur eine Frage der Sicherheit, zumindest in den Städten gibt es eine relative Stabilität. Seit 2014 hat das Land jedoch einen starken wirtschaftlichen Abschwung erlebt, da wir schrittweise abgezogen sind, Camps aufgegeben haben und damit auch afghanische Helfer entlassen mussten. In allen Bereichen fehlen die Investitionen durch die Stationierung von einst mehr als 100.000 Soldaten und ihrem Gerät.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man die Massenflucht stoppen?

Olson: Schnelle Lösungen wird es nicht geben. Seit dem Beginn unseres Engagements im Jahr 2001 wurden Fortschritte gemacht, die medizinische Versorgung verbessert, heute hat fast jeder Afghane ein Mobiltelefon. Die ersten Schritte haben große Hoffnungen und Erwartungen bei den Afghanen geweckt, manche aber wurden in den vergangenen zwei Jahren des Übergangs nicht erfüllt. Der Westen muss also weiterhin mit Afghanistan zusammenarbeiten, um die wirtschaftliche Lage zu stabilisieren und die Sicherheitssituation zu verbessern.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels hieß es, 2015 sei der langjährige Talibanführer Mullah Mansur getötet worden. Tatsächlich handelte es sich um Mullah Omar. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wir müssen uns entscheiden
hausierer 08.02.2016
nicht die Taliban, ob wir uns weiterhin in die inneren Angelegenheiten anderer Länder einmischen wollen um denen dann auch noch unser Verständnis von Demokratie einzuhämmern oder besser gesagt zu ein zu bomben....bildet man sich wirklich ein, daß die Nato ein Land wie Afghanistan mit Gewalt dauerhaft befrieden kann...die armen jungen Leute die wiedermal für den Profit und die skurilen Ideen alter Männer sterben müssen....
2. für
ambulans 08.02.2016
genau solche aussagen (dialog mit "moderaten" taliban) hat früher mal kurtchen beck vonne spd reichlich häme, usw. abgekriegt - wo stecken eigentlich die "helden" von damals, die nur ihr mütchen an ihm kühlen wollten?
3. naja...
naklar261 08.02.2016
2002 hat es echt so ausgesehn als ob man das so in 10 Jahren hinbekommt....2004...aber spaetestens 2006 haette mann sagen muessen...okay, das dauert 50 Jahre + und nur wenn wir RICHTIG Geld reinbuttern ca. 40Mrd pro Jahr nicht 4 ... aber wenn man sich hier schon ueber die paar Pfennig bei Griechenland aufregt braucht man mit sowas gar nicht anfangen...regen sich eigendlich die gleichen Leute die sich ueber Finanzhilfen aufregen auch ueber Fluechtlinge auf? Das waere beste comedy
4. Nicht zu glauben...
thea21 08.02.2016
Nachdem die USA und ihre Verbündeten in den letzten 13 Jahren Afghanistan permanent mit Krieg überzogen haben -mit Zehntausenden von Toten, Hunderttausenden Flüchtlingen und einer vollständig von ihr abhängigen Quisling-Regierung in Kabul- bittet der US-amerikanische "Vermittler" die lieben Taliban nun darum, doch bitte schön die Waffen abzulegen und sich an einem "demokratischen Prozess" (incl. der Respektierung von Frauenrechten) zu beteiligen. Der diplomatische Vertreter der kriegführenden USA, die seit über 10 Jahren hauptverantwortlich für Not und Elend in Afghanistan sind + deren 10.000 Soldaten immer noch aktiv das Land mit Krieg überziehen, bringt sich als "ehrlicher Makler" ins Spiel, um den "Friedensprozess" voranzubringen. Ein einziger Witz.
5.
w.diverso 08.02.2016
Das größte Problem bei solchen Verhandlungen ist sicher, das in Ländern wie Afghanistan, die führenden Politiker eigentlich kein besonders Interesse an einem Friedensprozess haben. Es scheint denen mehr darum zu gehen, von den Hilfsgeldern einen möglichst großen Teil für sie, ihre Familie und dem Clan abzweigen zu können, als der Bevölkerung ein halbwegs ruhiges Leben zu ermöglichen. Wahrscheinlich würde die Bevölkerung in den Ländern die diese Hilfsgelder bereitstellen, schlecht werden, wenn sie wüssten, welcher geringe Prozentsatz wirklich bei den Hilfsbedürftigen ankommt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© DER SPIEGEL 6/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Außerdem in dieser Ausgabe

Fläche: 652.864 km²

Bevölkerung: 26,023 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staatsoberhaupt:
Ashraf Ghani Ahmadsai

Regierungschef: Abdullah Abdullah

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: