Kriegsverbrecher-Studie Massaker-Berichte belasten afghanische Politiker

Eine Studie über Kriegsverbrechen setzt afghanische Politiker unter Druck: Vertreter aller Gruppen werden mit Massakern der vergangenen Jahrzehnte in Verbindung gebracht. Der Bericht kommt für viele zur falschen Zeit - sie kämpfen um die Macht nach dem Abzug der westlichen Truppen.

Von , Islamabad

REUTERS

Wer hat die Macht in Afghanistan, wenn die westlichen Kampftruppen das Land verlassen haben und das Volk in mehr oder weniger demokratischen Wahlen über den Nachfolger von Präsident Hamid Karzai bestimmt?

Jetzt ist die Zeit, in der sich alle in Stellung bringen für künftige Machtpositionen - Vertreter der jetzigen Regierung und einstige Warlords, die sich ungeachtet ihrer Vergangenheit inzwischen als Führer ethnischer Minderheiten in Szene setzen.

Ein Bericht der afghanischen Menschenrechtskommission, eine der wenigen funktionierenden Institutionen im Land, kommt da für viele höchst ungelegen: Die rund 800 Seiten umfassende Studie über Kriegsverbrechen von 1978, dem Jahr vor der sowjetischen Invasion in Afghanistan, bis zum Fall der Taliban im Jahr 2001 führt detailliert grausame Vergehen auf. Das Dokument ist noch unter Verschluss, aber Mitarbeiter der Kommission geben bereits Details heraus.

So enthält die Studie die Orte von Massakern und von insgesamt 180 überwiegend bislang unbekannten Massengräbern, von denen noch keines freigelegt wurde, berichtet die "New York Times" am Montag. Hier und da seien menschliche Überreste gefunden worden, die Menschen in den betroffenen Regionen würden sich heimlich Horrorgeschichten aus der Vergangenheit erzählen. Die Zeitung beruft sich auf drei Verfasser der Studie.

Demnach werden mehr als 500 Afghanen bezichtigt, in den vergangenen Jahrzehnten an Massenmorden und Kriegsverbrechen beteiligt gewesen zu sein - darunter sind Taliban, aber auch hochrangige Akteure wie Afghanistans erster Vizepräsident Mohammad Qasim Fahim, der zweite Vizepräsident Abdul Karim Khalili, der Gouverneur der Provinz Balkh, General Atta Mohammed Noor, der zweimalige afghanische Regierungschef Gulbuddin Hekmatyar sowie der frühere usbekische Warlord General Abdul Raschid Dostum.

Es sind höchst unangenehme Informationen für die Männer mit Machtambitionen. Denn es werden auch Verbrechen an Taliban erwähnt, mit denen sie jetzt den Schulterschluss suchen. Über Dostum kursiert schon seit Jahren das Gerücht, er habe 2001 ein Massaker an Hunderten gefangenen Taliban verübt.

Ein Massengrab in Masar-i-Scharif, in dem mehr als hundert Leichen gefunden wurden, ließ Gouverneur Noor für ein Straßenbauprojekt freigeben. Auf zwei weiteren Massengräbern ließ er einen Wohnungskomplex bauen, berichtet die "New York Times" weiter. Die Toten seien in den neunziger Jahren Opfer von Noors Anhängern sowie von den Taliban geworden, zitiert die Zeitung die Autoren. Man habe den Ort damals "Menschenschlachthaus" genannt.

Im Bericht Beschuldigte setzen Karzai unter Druck

Ob Anhänger der jetzigen Regierung oder Opposition - die Studie dürfte für alle Seiten unangenehm sein. Karzai ließ den Report 2005 in Auftrag geben, im vergangenen Dezember wurde er fertig. Seither bemühen sich die Mächtigen im Land, den Report verschwinden oder - wenn sich das nicht machen lässt - ihn nur zensiert öffentlich werden zu lassen.

Fahim beispielsweise gilt als Vertrauter Karzais und als möglicher Präsidentschaftskandidat. Auch Dostum, der in Vergangenheit oft mit seinem brutalen Vorgehen gegen die Taliban prahlte, als er noch mehrere tausend Kämpfer kommandierte, will sich einen Platz im künftigen Machtgefüge sichern - ebenso viele andere, die in der Studie der Kriegsverbrechen bezichtigt werden. Dass ihre Namen in diesem Dokument erwähnt werden, macht es für sie schwieriger, Teil einer neuen Regierung zu sein.

Schon ohne die Erinnerung an die Grausamkeiten, die sich die Menschen gegenseitig in Afghanistan angetan haben, ist eine Aussöhnung schwierig genug. Vertreter der Nordallianz, zu der auch Dostum gehört, geben regelmäßig zu erkennen, dass sie keinen Nachfolger von Karzai akzeptieren würden, sollte es in den von den Taliban dominierten Gebieten in Süd- und Ostafghanistan bei den Wahlen auch nur zu den geringsten Unregelmäßigkeiten kommen.

Wann und ob der Bericht tatsächlich veröffentlicht wird, ist deshalb unklar. Verärgert über den Inhalt, verlangten mehrere darin Erwähnte im Dezember von Karzai, personelle Konsequenzen zu ziehen. Der Präsident entließ daraufhin kurz vor Weihnachten den Chef der Menschenrechtskommission, Ahmad Nader Nadery. Der hatte in Vergangenheit immer wieder Regierungskorruption, Folter und Morde der Taliban öffentlich gemacht und zählt zu den bedeutendsten Menschenrechtlern in Afghanistan. Im Januar soll Vizepräsident Fahim von Karzai eine härte Strafe für Nadery gefordert haben. "Wir sollten einfach 30 Löcher in sein Gesicht schießen", zitieren lokale Zeitungen damals Personen, die bei dem Treffen gewesen sein sollen. Fahim erklärte später, er habe das nicht ernstgemeint.

Nadery weiß, dass ein Menschenleben in seinem Land nicht viel wert ist. Vorsichtshalber hat er Exemplare des Berichts im Ausland hinterlegt. Unzensiert, in voller Länge.



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menne61 23.07.2012
1. Mittelalter
Und in so ein Land schiebt Merkel über 400 Millionen € pro Jahr. Wo dieses Geld landet kann sich jeder denken.
hubertrudnick1 23.07.2012
2. Kriege
Zitat von sysopREUTERSEine Studie über Kriegsverbrechen setzt afghanische Politiker unter Druck: Vertreter aller Gruppen werden mit Massakern der vergangenen Jahrzehnte in Verbindung gebracht. Der Bericht kommt für viele zur falschen Zeit - sie kämpfen um die Macht nach dem Abzug der westlichen Truppen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,845959,00.html
Schrecklich, aber in welcher Krieg wird sauber am Schreibtisch ausgekämpft? Ich will keinen verteidigen, aber leider geschehen diese brutalen Verbrechen doch fast immer auf allen Seiten. Wenn wir richtig hinter die Fassaden schauen und uns untensiver mit den Kriegen beschäftigen, dann stellen wir fest, dass keiner von den Beteiligten sich um die Menschenwürde, oder Genfer Koventionen kümmert, sondern nur seinem Hass folgt. Die gesamte Geschichte ist voll von solchen Grausamkeiten und darum ist jeder Krieg ein Verbrechen an den Menschen, es gibt wohl keinen gerechten Krieg. HR
laudato 23.07.2012
3. Mit viel Geld das Land zur Ruhe zwingen ?
Die Lösung des Westens heisst , wenn mit dem Tauben nicht geht dann sollen die Dollars die Politiker überzeugen , einfache Methoden , schnelle Wirkung leider nicht dauerhaft . Ob in Syrien auch das gleiche geschehen wird ? , im übrigens heute in Iraq hat sich wieder ein Attentat gegeben , über 100 Tote , ich lese wenig davon herum . Ich habe irgendwo von einer SChweige Minute für die Opfer in Denver gelesen , wann werden Scheigeminuten für die Opfer in Iraq und Afghanistan und später auch in Syrien abgehalten ?
peat53 23.07.2012
4. Wen wundert das ? Auch sehr eigenartig dass die US-Army
in dem Bericht nicht vorkommt.Die transportierten doch in völlig überfüllten Zügen Taliban nach Bagram.....wo 100e erstickten bei Affenhitze und ohne Wasser.Sowas sollte doch auch als Massaker und Kriegsverbrechen gelten oder ? Afghanistan wird immer korrupt bleiben mit ihren Warlords, an Stelle des Menschenrechtlers würde ich schnellstens verschwinden, weil er durch seine Entlassung durch Karzau, die doch schon allein ein Skandal ist, nur weil er den Mut hatte was aufzudecken, wohl als vogelfrei erklärt gilt.
king_pakal 23.07.2012
5.
Zitat von hubertrudnick1Schrecklich, aber in welcher Krieg wird sauber am Schreibtisch ausgekämpft? Ich will keinen verteidigen, aber leider geschehen diese brutalen Verbrechen doch fast immer auf allen Seiten. Wenn wir richtig hinter die Fassaden schauen und uns untensiver mit den Kriegen beschäftigen, dann stellen wir fest, dass keiner von den Beteiligten sich um die Menschenwürde, oder Genfer Koventionen kümmert, sondern nur seinem Hass folgt. Die gesamte Geschichte ist voll von solchen Grausamkeiten und darum ist jeder Krieg ein Verbrechen an den Menschen, es gibt wohl keinen gerechten Krieg. HR
Wenn man weiter denkt, dann stellt sich noch die Frage, WER von den Kriegen (beidseitig) profitiert. Dann stellt man fest, dass diejenigen am meisten profitieren, die beide Kriegsparteien unterstützen (wenn Zwei sich streiten, freut sich der Dritte, wobei dieser Streit ja auch vom Dritten provoziert werden kann, um daraus Profit zu schlagen), und das sind in erster Linie die Banken (also Hochfinanz, genauso lief es im 2WK, als Hitler von der Hochfinanz unterstützt wurde). Und nur weil es angeblich schon immer so war und zum Standardrepertoire eines Krieges gehört, muss man das weder akzeptieren noch tolerieren!
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