Krieg in Afghanistan Mehr als 100 Soldaten "verschwunden oder tot"

In der Schlacht um die afghanische Provinzhauptstadt Gasni schickt die Regierung Spezialkräfte in die östliche Region. Das Schicksal von 100 Soldaten gilt als ungewiss.

Opfer der Kämpfe um Gasni in einem Krankenhaus
DPA

Opfer der Kämpfe um Gasni in einem Krankenhaus


Bei Gefechten in der ostafghanischen Provinz Gasni sind in den vergangenen drei Tagen nach Armeeangaben rund hundert Soldaten verschwunden oder getötet worden. Die Kämpfer seien in der Provinzhauptstadt Gasni sowie in umliegenden Bezirken im Einsatz gewesen, sagte der Sprecher der afghanischen Spezialeinheiten.

Am Freitag hatten mehrere Hundert Taliban-Kämpfer die ostafghanische Provinzhauptstadt Gasni überfallen. Seither liefern sich Sicherheitskräfte der Regierung und Taliban-Kämpfer schwere Gefechte um die strategisch wichtige Stadt. Ob die verschwundenen Männer tot, versprengt, entführt oder desertiert sind, teilte der Sprecher nicht mit.

Am Montagnachmittag erklärte der afghanische Verteidigungsminister, den Kämpfen seinen bislang mehr als 100 Sicherheitskräfte und 20 Zivilisten zum Opfer gefallen. Ein Sprecher der nationalen Polizeibehörden sprach allein von 70 getöteten Polizisten.

Auch auf Seiten der Taliban sollen die Verluste beträchtlich sein: 194 Aufständische seien getötet worden, darunter 12 ihrer Anführer. Laut Verteidigungsministerium waren auch etliche Ausländer, etwa Tschetschenen, Pakistaner und Araber, unter den getöteten feindlichen Kämpfern.

Taliban fahren Doppelstrategie

Weil die regulären Truppen dem Ansturm der Islamisten offenbar nicht gewachsen sind, hat die Nationalarmee nun in der Nacht zum Montag besser bewaffnete und ausgebildete Spezialkräfte nach Gasni entsandt. Zuletzt war Nachschub an Truppen und Material kaum möglich, weil die Kämpfe seit vier Tagen in der gesamten Provinz aufflammten und Konvois aus dem nur zwei Stunden entfernten Kabul immer wieder in Hinterhalte gerieten.

Die Taliban verfolgen in Afghanistan eine Doppelstrategie: Neben der Attacke auf Gasni suchte vergangene Woche eine Delegation der Taliban unter der Führung von Sher Mohammed Abbas Stanikzai, Chef des Politbüros der Islamisten, Kontakt zu hochrangigen Vertretern des usbekischen Außenministeriums. Es läuft damit neben der militärischen auch eine diplomatische Offensive.

Ein mehrtägiges Treffen kam auf Initiative des usbekischen Präsidenten Shavkat Mirziyoyev zustande, der bereits im März dieses Jahres angeboten hatte, bei Friedensverhandlungen in Afghanistan zu helfen.

Die international anerkannte afghanische Regierung war dabei außen vor, äußerte sich also auch nicht zu dem Treffen. In den Statements der Taliban und der usbekischen Regierung wurde sie nicht einmal erwähnt.

Bei den Gesprächen soll es unter anderem über den Rückzug der internationalen Truppen aus Afghanistan gegangen sein, aber auch um die Sicherheit von Zugtrassen und Stromleitungen nach Usbekistan. Ein ranghoher Taliban erklärte, die Gruppe habe mittlerweile in der dortigen Hauptstadt Taschkent ein Verbindungsbüro mit dem Ziel aufgebaut, die bilateralen Beziehungen auf- und auszubauen.

cht/dpa/AP



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