Afghanistan Mehr als 1600 tote Zivilisten seit Januar

Die Uno-Mission in Afghanistan meldet einen erschreckenden Höchststand: Durch islamistischen Terror und Krieg starben in der ersten Jahreshälfte so viele Zivilisten wie nie seit Beginn der Zählung vor acht Jahren.

Tatort eines Selbstmordanschlags in der Provinz Helmand im Februar
REUTERS

Tatort eines Selbstmordanschlags in der Provinz Helmand im Februar


Seit 2009 bemühen sich die Vereinten Nationen mit ihrer Uno-Unterstützermission in Afghanistan (Unama) um die Befriedung des Landes, offenbar mit wenig Erfolg: Die Zahl ziviler Opfer hat im ersten Halbjahr 2017 einen neuen Höchststand erreicht.

Zwischen Anfang Januar und Ende Juni wurden bei Gefechten und Anschlägen 1662 Zivilisten getötet und 3581 weitere verletzt, teilt Unama mit. Etwa 40 Prozent der Opfer wurden demnach bei Bombenanschlägen getötet, für die meisten Angriffe waren Extremistengruppen wie die Taliban oder die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) verantwortlich.

Unter den Todesopfern sind dem Uno-Bericht zufolge 174 Frauen und 436 Kinder.

Luftangriffe von Regierungsseite und improvisierte Sprengfallen der Terroristen hätten die Zahl der getöteten Frauen und Kinder erhöht, heißt es in dem Bericht. Tadamichi Yamamoto, Uno-Sondergesandter und Leiter der Unama-Mission, appellierte an die Taliban, von Attentaten auf Zivilisten abzusehen. Auch an die Nationalarmee richtete sich der Appell, in bewohntem Gebiet keine schweren Waffen einzusetzen und damit die Zivilbevölkerung zu gefährden.

Besonders gefährlich war die Lage in der Hauptstadt Kabul, wo alleine bei einem Anschlag nahe der deutschen Botschaft Ende Mai mehr als 150 Menschen getötet wurden. Nach Uno-Angaben waren 92 Zivilisten unter den Opfern.

Anschlag nahe der deutschen Botschaft mit mehr als 150 Toten im Mai
AP

Anschlag nahe der deutschen Botschaft mit mehr als 150 Toten im Mai

Seit Beginn der Uno-Zählung Anfang 2009 wurden laut Unama mehr als 26.500 Zivilisten in Afghanistan getötet und fast 49.000 weitere verletzt.

Uno-Menschenrechtskommissar Said Raad al-Hussein sagte, so entsetzlich die Statistik sei, bilde sie das Leid der afghanischen Bevölkerung ab. Jedes der Opfer stehe für "eine zerstörte Familie, unvorstellbares Leid und die Verletzung von Menschenrechten".

In Deutschland wird seit langem darüber debattiert, ob Abschiebungen nach Afghanistan mit dem Recht auf Asyl und dem Verbot von Rückführungen in Konfliktgebiete vereinbar sind.

Anfang Juni hatte die Bundesregierung festgelegt, dass nur noch verurteilte Straftäter und so genannte islamistische Gefährder abgeschoben werden dürfen. Die Opposition us Linken und Grünen hatte das kritisiert und einen generellen Abschiebestopp nach Afghanistan verlangt.

Im Laufe des Juli wird eine neue Einschätzung des Auswärtigen Amtes zur Sicherheitslage in Afghanistan erwartet. Bis dahin wurden Asylentscheidungen für das Land vom Bundesamt für Migration offenbar ausgesetzt.

cht/AFP

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.