Afghanistan-Mission Gates bekräftigt Kritik an Europäern

Die Empörung deutscher Politiker scheint ihn nicht beeindruckt zu haben: US-Verteidigungsminister Robert Gates kritisierte erneut das Engagement der Nato-Verbündeten in Afghanistan. Die britische Regierung lehnte Forderungen nach mehr Militär ab.


Hamburg - Vertreter der Großen Koalition hatten verärgert reagiert, als Gates kürzlich indirekt den Bundeswehreinsatz in Afghanistan kritisierte. Nun legte der Pentagon-Chef nach. Viele Nato-Verbündete würden sich nicht mit vollem Einsatz am Kampf gegen die radikal-islamischen Taliban beteiligen, bemängelte Gates laut BBC gestern Abend in Edinburgh. Einzelne Länder nannte er nicht.

Deutscher Ausbilder mit afghanischem Polizisten: "Nicht so hohe Anforderungen"
REUTERS

Deutscher Ausbilder mit afghanischem Polizisten: "Nicht so hohe Anforderungen"

Auf die Frage eines BBC-Journalisten, ob er vom Einsatz Deutschlands enttäuscht sei, verwies Gates auf das relativ ruhige Einsatzgebiet der Bundeswehrtruppen im Norden Afghanistans. Er würde es begrüßen, wenn "alle Alliierten in eine umfassende Strategie einbezogen werden, die beides umfasst: Sicherheit und wirtschaftliche Entwicklung".

"Die Deutschen sind mit einer beachtlichen Präsenz in Afghanistan vertreten", sagte Gates. "Sie sind in einem Gebiet, in dem es nicht viel Gewalt gibt, und deshalb sind die Anforderungen an sie, sich an Kämpfen zu beteiligen, nicht so hoch wie an uns, die wir im Süden und Osten sind."

Insgesamt müsse der strategische Ansatz des Afghanistan-Einsatzes der Nato infrage gestellt werden, sagte Gates. Ein Bündnis, dass einst gegründet wurde, um sich der Gefahr einer massiven sowjetischen Invasion in Europa zu stellen, begegne nun der Herausforderung eines fortgesetzten Gegenaufstandes in den entlegensten Winkeln der Welt. Er hoffe, dass man sich innerhalb der nächsten Monate auf eine neue Strategie verständigen könne.

London: Militärische Stärke nur Teil der Lösung

Gates machte die Bemerkungen zum Auftakt von Beratungen in Edinburgh. In der schottischen Stadt kommen heute die Verteidigungs- und Außenminister der acht Staaten zusammen, die Truppen im Süden Afghanistans stationiert haben (USA, Großbritannien, Kanada, Australien, Dänemark, Niederlande, Estland, Rumänien).

Die britische Regierung reagierte zurückhaltend auf die US-Forderung nach einem verstärkten Einsatz europäischer Truppen. Militärische Stärke könne nur Teil einer Lösung sein, hieß es in einer Erklärung des britischen Verteidigungsministers Des Browne. Stattdessen müsse man nun auf den militärischen Erfolgen aufbauen und "dem afghanischen Volk helfen, für seine eigene Sicherheit und wirtschaftliche Entwicklung zu sorgen".

De Hoop Scheffer: "Nicht gänzlich glücklich"

Wie Gates forderte auch Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer die internationale Gemeinschaft zum verstärkten Einsatz in Afghanistan auf. "Ich bin nicht gänzlich glücklich mit dem, was wir in Afghanistan am Boden und in der Luft haben", sagte de Hoop Scheffer heute in Tokio zum Abschluss dreitägiger Gespräche mit der japanischen Regierung. So herrsche weiter Mangel an Transportgeräten wie Hubschraubern. "Ich denke, wir haben rund 90 Prozent dessen, was wir am Boden benötigen. Ich bin unglücklich und unzufrieden, dass wir nicht in der Lage sind, die verbleibenden zehn Prozent zu füllen", sagte de Hoop Scheffer vor Journalisten. Er werde weiter dafür kämpfen.

Der Nato-Generalsekretär drückte zugleich seine Hoffnungen bezüglich der japanischen G-8-Präsidentschaft im kommenden Jahr aus. Für einen umfassenden Einsatz in Afghanistan "benötigen wir das volle Engagement der internationalen Gemeinschaft", sagte de Hoop Scheffer. Er wisse, dass Afghanistan auf der Agenda Japans als Gastgeber des G-8-Gipfels im Juli stehe. Scheffer zeigte sich "vorsichtig optimistisch" über die Lage am Hindukusch. Ungeachtet der andauernden Gewalt stelle er bei seinen regelmäßigen Besuchen in dem Land fest, dass es viele Entwicklungs- und Wiederaufbauprojekte gebe.

Der japanische Ministerpräsident Yasuo Fukuda hatte de Hoop Scheffer zuvor versichert, dass sich seine Regierung um eine Wiederaufnahme der logistischen Unterstützung für den US-geführten Anti-Terrorkampf in Afghanistan bemühe. Japans Opposition lehnt eine hierfür notwendige Gesetzesvorlage mit der Begründung ab, dass für den Afghanistan-Einsatz eine Billigung der Uno fehle.

cvo/dpa/ap



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