Afghanistan-Mission Gefechte verhindern Guttenbergs Truppenbesuch

Erst eine Flugzeugpanne, jetzt ein abgesagter Truppenbesuch: Die Blitzvisite von Verteidigungsminister Guttenberg in Kunduz steht unter einem schlechten Stern. Einen Trip in die Unruheprovinz Baghlan musste der CSU-Politiker absagen - weil sich die Bundeswehr dort Gefechte mit den Taliban liefert.

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Berlin - Der Überraschungsbesuch von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) in Afghanistan gestaltet sich schwierig. Pannen und die prekäre Sicherheitslage vor Ort beeinträchtigen den Ablauf der Visite.

So musste Guttenberg einen Besuch deutscher Kampftruppen in der nordafghanischen Unruheprovinz Baghlan wegen laufender Gefechte mit den radikalislamischen Taliban kurzfristig absagen. Er war bereits vom Feldlager Kunduz aus mit dem Hubschrauber auf dem Weg zu den Soldaten der Schnellen Eingreiftruppe (Quick Reaction Force, QRF), als ihn die Nachricht von den Kämpfen erreichte. Auf Empfehlung des Kommandeurs der Truppe kehrte er um.

Der Minister traf in der Nacht in dem zweitgrößten Feldlager der Deutschen ein. Doch schon der Weg dorthin gestaltete sich schwierig. Wegen einer Flugzeugpanne erreichte er mit 16 Stunden Verspätung das Hauptquartier der internationalen Schutztruppe Isaf für Nordafghanistan in Masar-i-Scharif. Am frühen Morgen nahm er an der Übergabe von rund 40 amerikanischen Kampf- und Sanitätshubschraubern an das Regionalkommando teil. Anschließend flog er nach Kunduz weiter. Ein dort geplantes Treffen mit dem neuen Isaf-Kommandeur, General David Petraeus, musste wegen der Verspätung abgesagt werden.

Deutsche Truppen unter Druck

Guttenberg will den Soldaten signalisieren, dass sie trotz des schwierigen Einsatzes den Rückhalt der deutschen Bevölkerung haben. Er hatte sich in den vergangenen Tagen spontan zu der Reise vor seinem Sommerurlaub entschlossen, sie war aus Sicherheitsgründen geheim gehalten worden, da die Bundeswehr bei solchen Truppenvisiten Angriffe fürchten muss.

Selbst wenn es in den vergangenen Wochen keine tödlichen Attacken gegen die Truppe gegeben hat, steht die Bundeswehr in der nordafghanischen Provinz - einer Hochburg der Taliban und anderer Aufständischer - unter Druck. Fast täglich melden die befehlshabenden Offiziere, dass Deutsche auf Patrouillen angegriffen oder Konvois beschossen werden.

Der Besuch erfolgt nur wenige Tage vor der sogenannten Kabul-Konferenz in der afghanischen Hauptstadt, bei der die Außenminister der Nato-Staaten die bisherigen Ergebnisse der vorausgegangenen Tagung in London über die Zukunft des krisengeschüttelten Landes beraten wollen. Dazu sollen am kommenden Dienstag erstmals fast alle Minister der Allianz mit der afghanischen Regierung in Kabul zusammentreffen. Bei dem Treffen wollen sie vor allem analysieren, welche Fortschritte Präsident Hamid Karzai bei seinen zahlreichen Versprechen, die er in London abgegeben hat, bisher erreicht hat.

Viele Gesten, wenig Konkretes bei Kabul-Konferenz

Die Konferenz wird in westlichen Regierungskreisen weitgehend als symbolischer Akt bewertet, da die in Afghanistan engagierten Staaten erstmals im Land selber tagen. Bisher hatten solche Konferenzen stets im Ausland stattgefunden. Mit dem Treffen in Kabul wollen die Beteiligten zeigen, dass die Verantwortung für die diversen Aufgaben am Hindukusch immer mehr von der afghanischen Regierung selbst getragen wird. Alle Nationen, auch Deutschland, wollen die Mission in den kommenden Jahren schrittweise beenden.

Konkrete Ergebnisse werden von der Konferenz nicht erwartet. Die Minister werden wohl am Ende erklären, dass sie sich auf wenige erste Provinzen geeinigt haben, die schon im Jahr 2011 an die afghanischen Sicherheitsbehörden übergeben werden sollen.

Schwarz-gelbe Koalition uneins über Afghanistan-Strategie

Erst vergangene Woche hatte Außenminister Guido Westerwelle mit seiner Ankündigung Schlagzeilen gemacht, dass eine dieser Vorzeige-Provinzen im von der Bundeswehr kontrollierten Norden liegt. Im Gespräch ist demnach der Standort Feisabad im Nordosten des Kommandos, aber sicher ist das noch nicht.

Deutschland hat derzeit rund 5000 Soldaten in Afghanistan stationiert und stellt seine Mission in diesen Monaten immer mehr auf das Training der afghanischen Sicherheitsstrukturen um. Erst kürzlich hatte die Regierung das Mandat für die Bundeswehr trotz einer breiten Ablehnung des Einsatzes in der Öffentlichkeit noch einmal ausgeweitet.

Trotzdem ist man auch innerhalb der Koalition uneins über die Mission. Während Außenminister Westerwelle bei seiner Regierungserklärung hauptsächlich über den kommenden Abzug sprach, gibt sich Verteidigungsminister Guttenberg vorsichtiger und mutmaßt, dass der Einsatz noch länger dauern könnte.

mit Material von dpa

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Seite 1
Willie, 27.04.2010
1. -
Zitat von sysopDer Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan fordert immer mehr Opfer. Mit jedem gefallenen Deutschen wird heftiger über den Sinn der Mission am Hindukusch gestritten. Soll sich die deutsche Truppe aus dem Krisenland zurückziehen? Oder soll sie bleiben und gegen die Taliban kämpfen?
So tragisch es auch ist, die Opferzahlen sind fuer Konflikte dieser Groessenordnung laecherlich gering. Im Vergleich zu andern Opferzahlen unseres taeglichen Lebens, wie Mord und Totschlag, Verkehrsunfaelle, Alkoholismus, Rauchertod, Aids und andere Krankheiten sind sie verschwindend gering, um etwas anderes als eine reiner emotionaler oder politisch-ideologischer Faktor zu sein. Soviel zu dem "was ist". Die naechse Frage ist die nach: Was wird geschehen wenn Deutschland sich aus Afghanistan verabschiedet? Konsequenzen. Kurzfristige und langfristige. Und da geht es dann los mit dem spekulieren ueber zukuenftiges -je nach Praeferenzen. Vom Umfang der Fakten kennen die meisten relativ wenig, viele werden bewusst ignoriert, wenn sie nicht ins Argument passen. Oder manipuliert damit sie ins eigene Argument passen. Nuechtern denken und logisch schluessig folgern tun die wenigsten. Dafuer haben die meisten emotionale und ideologische Praferenzen. Und fuer die ist nun "Muehle auf". Ergo "Ring frei" fuer die gesamte Palette von Prophezeiungen ueber "was geschehen wird".;-)
onemanshow 27.04.2010
2. "Kadett der Amerikaner in einem sinnlosen Krieg"
Zitat von sysopDer Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan fordert immer mehr Opfer. Mit jedem gefallenen Deutschen wird heftiger über den Sinn der Mission am Hindukusch gestritten. Soll sich die deutsche Truppe aus dem Krisenland zurückziehen? Oder soll sie bleiben und gegen die Taliban kämpfen?
Abzug aller fremden Truppen aus Afghanistan ! Je eher, desto besser. Jakob Augstein, tatsächlich nicht der Sohn von Spiegel-Gründer Rudolf Augstein, scheint sich dennoch Kraft seines Amtes als Verleger des "Freitag" seines Vaters würdig zu erweisen - anders als Augsteins "Erben" beim ehemaligen Nachrichtenmagazin: "Wenn man alle Argumente bis an ihr Ende verfolgt, wenn man alle Lügen und Vorwände durchdrungen hat und wenn man auch alle falschen Hoffnungen auf eine Besserung für die Menschen in diesem Land verworfen hat, die es ja vielleicht zu Recht einmal gegeben haben mag, dann bleibt nur ein Argument, das den Verbleib Deutschlands am Hindukusch rechtfertigen kann. Und das ist die Bündnistreue. Wir führen Krieg aus Bündnistreue. Das ist die Politik von Angela Merkel. Dafür wird man sich ihrer erinnern: Als Kadett der Amerikaner in einem sinnlosen Krieg." Jakob Augstein http://www.freitag.de/wochenthema/1016-die-wahl-der-waffen
heinrichp 27.04.2010
3. Bundeswehr in Afghanistan
Zitat von sysopDer Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan fordert immer mehr Opfer. Mit jedem gefallenen Deutschen wird heftiger über den Sinn der Mission am Hindukusch gestritten. Soll sich die deutsche Truppe aus dem Krisenland zurückziehen? Oder soll sie bleiben und gegen die Taliban kämpfen?
Margot Käßmann: „Bomben werden nicht helfen“ Es kann nicht um einen gerechten Krieg gehen, sondern nur um einen gerechten Frieden. http://die-welt-der-reichen.over-blog.de/article-bundeswehr-in-afghanistan-42590936.html
kdshp 27.04.2010
4.
Zitat von sysopDer Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan fordert immer mehr Opfer. Mit jedem gefallenen Deutschen wird heftiger über den Sinn der Mission am Hindukusch gestritten. Soll sich die deutsche Truppe aus dem Krisenland zurückziehen? Oder soll sie bleiben und gegen die Taliban kämpfen?
Hallo, ich bin für sofortigen abzug der deutschen sodlaten. Gleichzeitig sollten/müssen wir aber afgahnistan unterstützen damit es nicht wider so wie vorher wird also unter den taliban. Hat bis jetzt doch auch immer ganz gut geklappt!
Hans58 27.04.2010
5.
Zitat von sysopDer Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan fordert immer mehr Opfer. Mit jedem gefallenen Deutschen wird heftiger über den Sinn der Mission am Hindukusch gestritten. Soll sich die deutsche Truppe aus dem Krisenland zurückziehen? Oder soll sie bleiben und gegen die Taliban kämpfen?
Wie oft sollen wir noch über diese Frage hier diskutierten?
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