Afghanistan-Mission Russische Hubschrauber sollen Nato helfen

Mit Stinger-Raketen aus den USA machten afghanische Mudschahidin einst Jagd auf sowjetische Kampfhubschrauber. 20 Jahre später bittet nun ausgerechnet die Nato um Moskauer Militärhilfe für Afghanistan - und die Lieferung russischer Helikopter.

Rasmussen (r.) bei Medwedew: Der Nato-Generalsekretär buhlt um Moskaus Hilfe
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Rasmussen (r.) bei Medwedew: Der Nato-Generalsekretär buhlt um Moskaus Hilfe

Von , Moskau


Eigentlich ist es Anders Fogh Rasmussens Antrittsbesuch als Generalsekretär der Nato in Moskau, doch seine Visite in der russischen Hauptstadt gleicht eher der eines Bittstellers. Der Däne reist an, um demonstrativ um Russlands Beistand im Kampf der Allianz gegen die Taliban in Afghanistan zu werben.

Bereits vor Tagen berichteten russische Medien, Rasmussen habe einen umfangreichen Wunschzettel im Gepäck. Man hoffe auf Tausende Sturmgewehre vom Typ AK-47 für die im Aufbau befindliche afghanische Armee, Maschinengewehre, Mörser, Feldartillerie, Panzerwagen sowie Lkw, hieß es.

Tatsächlich hat Rasmussen im Gespräch mit Präsident Dmitrij Medwedew am Mittwoch um russische Rüstungsgüter gebeten. "Für das erste habe ich ein Hubschrauber-Paket vorgeschlagen", sagte der Nato-Chef nach dem Treffen mit dem russischen Staatsoberhaupt. Er forderte zudem, Russland solle verstärkt afghanische Polizisten ausbilden.

Medwedew wies prompt seine Regierung an, das Anliegen des Bündnisses wohlwollend zu prüfen. Sollten sich beide Seiten einigen, dann könnten bald wieder Helikopter russischer Bauart am Hindukusch Jagd auf Aufständische machen - rund 20 Jahre nach dem Abzug der Sowjets. Deren Aufmarsch in Afghanistan war in den achtziger Jahren am erbitterten Widerstand der von der CIA gepäppelten Mudschahidin gescheitert war. Damals machten die Kämpfer mit amerikanischen Stinger-Raketen Jagd auf sowjetische Hubschrauber.

Den Russen schmeichelt das Beistandsersuchen der Nato, die noch immer als alter Rivale betrachtet wird; genauso wie das demonstrative Interesse des Westens an vaterländischer Wehrtechnik. Medwedew schwärmt gar schon von einer "neuen Epoche" der Zusammenarbeit, die Beziehungen würden nun transparenter und produktiver. "Auf uns lauern dieselben Gefahren, also lassen Sie uns zusammenarbeiten", sagte der Präsident.

Selbst Nato-Botschafter Dmitrij Rogosin, bekannt für scharfe Attacken gegen den Westen, gibt sich neuerdings erstaunlich sanft. Früher polterte Rogosin, der einst als Rechtspopulist in Russland erhebliche Erfolge verzeichnete, "je näher uns die Nato-Basen sind, desto leichter können wir sie auch erreichen". Hätte es vor der Nato-Osterweiterung noch Raketen bedurft, um Basen der Allianz unter Feuer zu nehmen, so seien inzwischen Maschinengewehre ausreichend.

Neuerdings beschwört Rogosin dagegen die Waffenbruderschaft von Russland, Europa und den USA. Man habe die die gemeinsame Aufgabe, die "nordischen Zivilisationen" gegen Bedrohungen aus dem Süden zu verteidigen, schrieb Rogosin zu Beginn der Woche in einem Gastbeitrag für die Internetzeitung "Gaseta".

Denn Moskau fürchtet ein Scheitern des Westens. Sollten in Afghanistan wieder die Taliban die Macht erringen, würde das islamistischen Terroristen in anderen zentralasiatischen Ländern neuen Auftrieb geben, etwa in Tadschikistan, in den neunziger Jahren Schauplatz eines blutigen Bürgerkriegs zwischen Fundamentalisten und der Regierung.

Russland hat großes Interesse an Stabilität in der an Rohstoffen reichen Region und betrachtet sie traditionell als Sphäre des eigenen Einflusses. Ein Sieg der Taliban hätte zudem wohl auch Auswirkungen auf den ohnehin labilen Nordkaukasus, in dem sich Russland nicht nur einheimischen Separatisten gegenübersieht, sondern auch arabischen Freiwilligentrupps, die für die Errichtung eines islamistischen Kalifats kämpfen.

Tatsächlich unterstützt Russland die Nato daher bereits seit geraumer Zeit im Kampf gegen die Taliban. Nato-Mitglieder wie Spanien und Deutschland dürfen so etwa Militärtransporte über russisches Territorium abwickeln - und seit Präsident Barack Obamas Visite Anfang Juni auch die USA.

Während seines Besuchs will Nato-Chef Rasmussen diese logistische Kooperation weiter ausbauen.

"Er vollzieht jetzt im Kern jene Verabredungen, die zuvor bereits zwischen Obama und Medwedew getroffen wurden. Es gab einen Deal", erklärt Josef Braml, USA-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), SPIEGEL ONLINE.

Zuvor aber habe Moskau Washington unter Zugzwang gesetzt: Im Frühjahr drohte plötzlich Kirgisien den USA mit der Schließung der Luftwaffenbasis Manas, von der aus amerikanische Truppen in Afghanistan aus der Luft versorgt werden. Kurz zuvor hatte Russland den Kirgisen Finanzhilfen und ein milliardenschweres Darlehen in Aussicht zugesagt. "Das war die Art der Russen zu signalisieren: Wir müssen mal miteinander reden, " sagt Braml.

Doch Moskaus Hilfe habe ihren Preis. Im Gegenzug für das russische Entgegenkommen beim Transit von Militärgütern und ein stärkeres Engagement in Afghanistan habe Obama offenbar einen Verzicht auf einen Nato-Beitritt der Ukraine und Georgiens zugesichert, vermutet der DGAP-Experte. Und einen Verzicht auf den von George W. Bush geplante Raketenschild in Polen und Tschechien.

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SaT 08.11.2009
1. abziehen oder ewig weiterkämpfen
Wieso siegen? Da keine Kriegsziele existieren kann man im Grunde weder gewinnen oder verlieren sondern nur abziehen oder ewig weiterkämpfen. Vorschlag: wir erklären uns zum moralischen Sieger und ziehen mehr oder weniger geordnet ab. Dem korrupten Karzeiclan, Warlords und die Drogenbarone unserer Wahl geben wir halt soviel Waffen, dass die das Thema Taliban alleine in den Griff bekommen. Wir überlassen Afghanistan den Afghanen und kümmern uns endlich um unsere eigenen Probleme – davon gibt es genug.
Ökopit 08.11.2009
2. Westlich und Islam ...
Zitat von sysopZweifelhafte Präsidentschaftswahlen, ständig neue Angriffe der Taliban, umstrittene Bombardements - mit welcher Strategie können die westlichen Alliierten in Afghanistan siegen?
... schließt sich naturgegeben aus! Die beste Strategie in Afghanistan wäre ein kompletter (und sofortiger) Rückzug des Westens - nicht nur der Truppen, auch aller zivilen "Möchtegern-Helfer" und natürlich der Krämerseelen! Nur, das geht leider "geostrategisch" nicht, denn wer "die Passhöhen des Hindukusch" beherrscht, kann, wenn er will, ganz Asien beherrschen! Die Engländer haben das im 19. Jahrhundert nicht geschafft, die Sowjetunion ab 1980 auch nicht! Die Ami's und ihre Vasallen (leider gehört Deutschland dazu) versuchen das seit 2001! Ich gönn ihnen den Erfolg nicht!
ewspapst 08.11.2009
3. Nur Siegen?
Zitat von sysopZweifelhafte Präsidentschaftswahlen, ständig neue Angriffe der Taliban, umstrittene Bombardements - mit welcher Strategie können die westlichen Alliierten in Afghanistan siegen?
Hier das Ausgangsthema. Ist der Krieg in Afghanistan noch zu gewinnen? Natürlich ist der Krieg zu gewinnen. Haben Sie sich als Forist hier nicht die vielen Militärexperten, Generalsdoppel, Humanisten und göttergleiche Juristen, ja selbst Philosophen, die alle ein ungemein umfassendes und unbedingt richtiges Wissen mitbringen, angeschaut. Ihr Spezialwissen übertrumpft alle, denn das haben sie uns oft genug gesagt. Und warum sollen wir ihnen nicht glauben? Ihre Erkenntnisse erfüllen uns täglich mit staunen, ob der vielen Darbietungen. Sie alle wissen viel besser als die afghanische Bevölkerung, unter welchen Bedingungen dort gelebt werden soll und muss und bringen uns Unwissende alles haarklein nahe. Es ist doch ganz klar, dass die westliche Intelligenz viel klarer definieren kann, was gut und böse ist und was einem Paschtunen natürlich nicht möglich ist. Wie Wahlen zu werten sind, können doch nur die politisch vorgebildeten Nato - Angehörigen. Die westliche Welt hat über lange Zeit nur nach Recht und Gesetz gehandelt, nur um der Menschlichkeit willen und ist deshalb in der Lage, dieses Wissen und Handeln an die dritte Welt weiterzugeben, die dann ebenso handeln soll, ganz besonders die Afghanen. Haben Sie diesen Worten geglaubt? Natürlich, denn sie werden uns doch täglich ohne Unterbrechung frei Haus geliefert. Dann werden „Sie “ diesen Krieg auch gewinnen, „wir “ Ungläubigen dagegen nicht. Übrigens, warum haben die Russen, die Inder, die Pakistani, die Engländer, wieder die Russen und dann auch die Amerikaner die Kämpfe nicht gewonnen? Die genannten EXPERTEN werden es Ihnen mit vielen Worten und rechtsphilosophischen Erläuterungen sagen.
mark anton, 08.11.2009
4. Ist die Haltung der D Feigheit vor dem Feinde?
oder wie wuerde man es bezeichnen koennen? Auch wenn der Ausgang in Afghanistan wegen der vielseitig unguenstigen und unueberbrueckbaren Problemen negativ ist, haette man als Verbuendeter seine Verpflichtungen nachkommen muessen. Was, wenn D einmal Verbuendete braucht - die Nato koennte dann auch sagen, wir erinnern uns an Kunduz und verhalten uns ebenso.
Stahlengel77, 08.11.2009
5.
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,660064,00.html Na prima. Das US-Militär operiert in dem von der Bundeswehr kontrollierten Bereich zusammen mit afghanischer Miliz. Wir können an fünf Fingern abzählen, was das für unsere Soldaten bedeutet: Weitere Destabilisierung, die Taliban werden mehr Zulauf bekommen und wie das bei den Paschtunen so ist, wird die Blutrache ausgerufen und dann wird nicht mehr unterschieden, welches Nationalitätenzeichen auf einer Uniform prangt. Es steht außer Zweifel, das wir mit vermehrten Anschlägen und Angriffen auf unsere Soldaten rechnen müssen nach der Offensive. Und wenn die von der Bundeswehr besetzte Region durch die US-Militärs so richtig aufgemischt wurde, wird eine Aufstockung des Mandats notwendig sein. Ob es dafür eine Mehrheit im Bundestag gibt, wenn auch endlich offiziell von einem Krieg gesprochen wird, ist fraglich. Am Ende werden unsere Soldaten in Afghanistan alleine gelassen, wenn sie das nicht schon sind. Wenn ich von Soldaten, die aus dem Einsatz kommen, hören muss, das sie sich ihre Ausrüstung immer noch selbst kaufen müssen, das sie unter schwierigsten Bedingungen mit unzureichendem Material ihren Aufgaben nachkommen müssen, das die Bevölkerung ihnen weitgehend feindlich gesonnen ist und sie quasi mitanschauen müssen, wie Warlords unbehelligt ihren Opiumanbau vorantreiben und damit enorme Gewinne erzielen (und dagegen nicht vorgegangen wird), da fragt man sich wirklich: Was haben wir dort überhaupt verloren? Die geplante Pipeline der Amerikaner schützen? Abortmücke am Hintern Chinas spielen? (Es ist längst bekannt, das die Taliban einen guten Teil ihrer Waffen aus China gesponsert bekommen) Noch heute bin ich der Meinung, das Struck, Fischer und Schröder juristisch zur Rechenschaft gezogen gehören, da sie deutsche Soldaten in einen Angriffskrieg der USA geschickt haben. In tausenden von Jahren hat niemand es geschafft, diese Region dauerhaft zu besetzen. Nur Wahnsinnige glauben, man könnte dort einen Krieg gewinnen.
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