Von Benjamin Bidder, Moskau
Eigentlich ist es Anders Fogh Rasmussens Antrittsbesuch als Generalsekretär der Nato in Moskau, doch seine Visite in der russischen Hauptstadt gleicht eher der eines Bittstellers. Der Däne reist an, um demonstrativ um Russlands Beistand im Kampf der Allianz gegen die Taliban in Afghanistan zu werben.
Bereits vor Tagen berichteten russische Medien, Rasmussen habe einen umfangreichen Wunschzettel im Gepäck. Man hoffe auf Tausende Sturmgewehre vom Typ AK-47 für die im Aufbau befindliche afghanische Armee, Maschinengewehre, Mörser, Feldartillerie, Panzerwagen sowie Lkw, hieß es.
Tatsächlich hat Rasmussen im Gespräch mit Präsident Dmitrij Medwedew am Mittwoch um russische Rüstungsgüter gebeten. "Für das erste habe ich ein Hubschrauber-Paket vorgeschlagen", sagte der Nato-Chef nach dem Treffen mit dem russischen Staatsoberhaupt. Er forderte zudem, Russland solle verstärkt afghanische Polizisten ausbilden.
Medwedew wies prompt seine Regierung an, das Anliegen des Bündnisses wohlwollend zu prüfen. Sollten sich beide Seiten einigen, dann könnten bald wieder Helikopter russischer Bauart am Hindukusch Jagd auf Aufständische machen - rund 20 Jahre nach dem Abzug der Sowjets. Deren Aufmarsch in Afghanistan war in den achtziger Jahren am erbitterten Widerstand der von der CIA gepäppelten Mudschahidin gescheitert war. Damals machten die Kämpfer mit amerikanischen Stinger-Raketen Jagd auf sowjetische Hubschrauber.
Den Russen schmeichelt das Beistandsersuchen der Nato, die noch immer als alter Rivale betrachtet wird; genauso wie das demonstrative Interesse des Westens an vaterländischer Wehrtechnik. Medwedew schwärmt gar schon von einer "neuen Epoche" der Zusammenarbeit, die Beziehungen würden nun transparenter und produktiver. "Auf uns lauern dieselben Gefahren, also lassen Sie uns zusammenarbeiten", sagte der Präsident.
Selbst Nato-Botschafter Dmitrij Rogosin, bekannt für scharfe Attacken gegen den Westen, gibt sich neuerdings erstaunlich sanft. Früher polterte Rogosin, der einst als Rechtspopulist in Russland erhebliche Erfolge verzeichnete, "je näher uns die Nato-Basen sind, desto leichter können wir sie auch erreichen". Hätte es vor der Nato-Osterweiterung noch Raketen bedurft, um Basen der Allianz unter Feuer zu nehmen, so seien inzwischen Maschinengewehre ausreichend.
Neuerdings beschwört Rogosin dagegen die Waffenbruderschaft von Russland, Europa und den USA. Man habe die die gemeinsame Aufgabe, die "nordischen Zivilisationen" gegen Bedrohungen aus dem Süden zu verteidigen, schrieb Rogosin zu Beginn der Woche in einem Gastbeitrag für die Internetzeitung "Gaseta".
Denn Moskau fürchtet ein Scheitern des Westens. Sollten in Afghanistan wieder die Taliban die Macht erringen, würde das islamistischen Terroristen in anderen zentralasiatischen Ländern neuen Auftrieb geben, etwa in Tadschikistan, in den neunziger Jahren Schauplatz eines blutigen Bürgerkriegs zwischen Fundamentalisten und der Regierung.
Russland hat großes Interesse an Stabilität in der an Rohstoffen reichen Region und betrachtet sie traditionell als Sphäre des eigenen Einflusses. Ein Sieg der Taliban hätte zudem wohl auch Auswirkungen auf den ohnehin labilen Nordkaukasus, in dem sich Russland nicht nur einheimischen Separatisten gegenübersieht, sondern auch arabischen Freiwilligentrupps, die für die Errichtung eines islamistischen Kalifats kämpfen.
Tatsächlich unterstützt Russland die Nato daher bereits seit geraumer Zeit im Kampf gegen die Taliban. Nato-Mitglieder wie Spanien und Deutschland dürfen so etwa Militärtransporte über russisches Territorium abwickeln - und seit Präsident Barack Obamas Visite Anfang Juni auch die USA.
Während seines Besuchs will Nato-Chef Rasmussen diese logistische Kooperation weiter ausbauen.
"Er vollzieht jetzt im Kern jene Verabredungen, die zuvor bereits zwischen Obama und Medwedew getroffen wurden. Es gab einen Deal", erklärt Josef Braml, USA-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), SPIEGEL ONLINE.
Zuvor aber habe Moskau Washington unter Zugzwang gesetzt: Im Frühjahr drohte plötzlich Kirgisien den USA mit der Schließung der Luftwaffenbasis Manas, von der aus amerikanische Truppen in Afghanistan aus der Luft versorgt werden. Kurz zuvor hatte Russland den Kirgisen Finanzhilfen und ein milliardenschweres Darlehen in Aussicht zugesagt. "Das war die Art der Russen zu signalisieren: Wir müssen mal miteinander reden, " sagt Braml.
Doch Moskaus Hilfe habe ihren Preis. Im Gegenzug für das russische Entgegenkommen beim Transit von Militärgütern und ein stärkeres Engagement in Afghanistan habe Obama offenbar einen Verzicht auf einen Nato-Beitritt der Ukraine und Georgiens zugesichert, vermutet der DGAP-Experte. Und einen Verzicht auf den von George W. Bush geplante Raketenschild in Polen und Tschechien.
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