Afghanistan Mit Rabbani stirbt die Hoffnung auf Versöhnung

Bei einem Attentat ist der Ex-Präsident Afghanistans, Burhanuddin Rabbani, im eigenen Haus getötet worden. Mit seinem Tod rückt eine politische Lösung des Konflikt am Hindukusch in weite Ferne. Wer hinter dem Anschlag steckt, ist noch unklar.

DPA

Von und Shoib Najafizada


Kabul - Der ehemalige Präsident Afghanistans, Burhanuddin Rabbani, ist bei einem Selbstmordanschlag ums Leben gekommen. Der Tod des landesweit bekannten Politikers, der im Auftrag von Präsident Hamid Karzai Friedensverhandlungen mit den Taliban führen sollte, wird international als schwerer Rückschlag für eine mögliche politische Lösung des Konflikts am Hindukusch gesehen. Seit rund einem Jahr saß Rabbani, ein bekannter Kriegsfürst Afghanistans, einem Rat zur Versöhnung mit den Taliban vor. Laut ersten Ermittlungen wurde er von einem Gast, der sich als ranghoher Kommandeur der Aufständischen ausgab und sich Rabbanis Team als möglicher Verhandlungspartner angeboten hatte, getötet.

Die Tat ereignete sich am späten Nachmittag im Herzen Kabuls. Gegen 16 Uhr erschütterte eine schwere Explosion die Straße 10 im Stadtviertel Wasir Akhbar Khan. Dort, versteckt hinter hohen Mauern und von Dutzenden Leibwächtern geschützt, hatte Rabbani ein großes Haus, in dem er wohnte und Gäste empfing. Unmittelbar nach der Explosion sperrte afghanisches Militär die ganze Gegend weiträumig ab, mehrere Krankenwagen rasten zum Ort der Explosion. Für Rabbani aber konnten die Sanitäter nichts mehr tun, er war nach Augenzeugenangaben nach der heftigen Explosion in einem Empfangszimmer des Anwesens sofort tot. Außer ihm starben laut ersten Polizeiangaben auch der Selbstmordattentäter und vermutlich ein Mitarbeiter Rabbanis.

Explosion nach der Begrüßung

Über den genauen Hergang des Anschlags gibt es bisher nur Mutmaßungen. Ein Mitarbeiter Rabbanis berichtete SPIEGEL ONLINE, dass ein Mittelsmann für den Dienstag zwei vermeintlich ranghohe Taliban-Kommandeure für Gespräche über einen möglichen Friedensplan angekündigt habe. Die ersten Ermittlungen der Polizei ergaben, dass ein Vertrauter Rabbanis am Dienstag die beiden Männer an einem geheimen Treffpunkt abgeholt und nach Kabul gebracht habe. Als er ans Tor des Anwesens kam, kontrollierten die Wächter die Insassen des Autos nicht genau, da sie sie für Gäste Rabbanis hielten.

Die Unachtsamkeit wurde dem früheren Präsidenten kurze Zeit darauf zum Verhängnis: Kaum hatte der Gast Rabbani zur Begrüßung umarmt, zündete er nach Polizeiangaben einen Sprengsatz, den er in seinem Turban versteckt hatte. Mohammed Zahir, Leiter der Kabuler Kriminalpolizei, sagte SPIEGEL ONLINE: "Die beiden Männer hatten sich glaubhaft als Kommandeure der Taliban und damit als interessante Gesprächspartner angemeldet. Vermutlich haben sie die Tat von langer Hand geplant." In der jüngsten Vergangenheit hatten Attentäter bereits in Kandahar einmal Bomben in Turbanen versteckt und konnten so einen hochrangigen Beamten der Regierung von Hamid Karzai töten.

Die Nachricht vom Tod Rabbanis verbreitete sich wie eine Schockwelle - in Kabul und rund um den Globus. Afghanistans Präsident Hamid Karzai, der eigentlich auf dem Weg nach New York zur Uno-Vollversammlung war, strich sein Besuchsprogramm zusammen und will umgehend zurück nach Afghanistan fliegen. Seine Bemühungen um eine Aussöhnung mit den Taliban, das steht bereits fest, haben mit dem Anschlag auf den Ex-Präsidenten vorerst ein jähes Ende genommen. Auch wenn die bisher noch sehr vorsichtigen Kontakte von Mittelsmännern bisher neben einigen Gesten wie dem Austausch von Gefangenen keine greifbaren Ergebnisse gebracht hatten, setzt Karzai und vor allem der Westen auf eine Verhandlungslösung. Diese liegt nun weiter entfernt denn je.

Blutiges Ende für den Friedensprozess

Rabbani, ein Tadschike aus der Nordprovinz Badakshan, gilt als einer der bekanntesten und einflussreichsten Politiker Afghanistans. Wegen seines Rufs trauten ihm der Westen und auch Karzai zu, dass er als Würdenträger Friedensgespräche mit den Taliban beginnen könne. Sein Gremium sollte die Taliban einbeziehen und direkte Verhandlungen mit deren Führung aufnehmen. Durch solche Verhandlungen - das jedenfalls ist die Hoffnung in Kabul und der in Afghanistan engagierten Nationen aus dem Ausland - soll ein politischer Kompromiss zwischen den Aufständischen und der Regierung in Kabul möglich werden. Am Ende soll der Abzug der internationalen Truppen stehen, dieser ist auch in Berlin recht optimistisch bereits für das Jahr 2014 angepeilt.

In der internationalen Gemeinschaft wurde der Tod Rabbanis deswegen entsetzt zur Kenntnis genommen. "Mit der Ermordung hat der Friedensprozess vielleicht ein blutiges Ende genommen, bevor er richtig angefangen hat", sagte ein hochrangiger westlicher Diplomat in Kabul. Vor der großen Afghanistan-Konferenz im Winter in Deutschland sei diese Tat "das wohl schlechteste Vorzeichen". Auf der Konferenz, zu der Deutschland und Afghanistan gemeinsam einladen, sollte der Friedensprozess eine zentrale Rolle spielen. Nun, da der mögliche Verhandler tot ist, scheint dieser mehr denn je als Utopie. Gleichwohl, so betonten sowohl US-Präsident Obama als auch Außenminister Westerwelle, sei die Aussöhnung die einzig mögliche Lösung für Afghanistan.

Brutale Taktik

Über die Hintergründe der Tat kann man bisher nur spekulieren. Plausibel erscheint, dass die Terror-Gruppe des Haqqani-Clans hinter einer solchen Attacke stecken könnte. Die Haqqanis, angesiedelt im Osten Afghanistans und auf der anderen Seite der Grenze zu Pakistan, haben Verhandlungen mit dem Westen oder auch nur mit Karzai bisher strikt abgelehnt. Dass sie den Friedensrat direkt angreifen, würde zu ihrer brutalen Taktik passen. Erst vor einigen Tagen hatte sich der Führer des Clans in einem seiner seltenen Interviews zu Wort gemeldet und jegliche Verhandlungen abgelehnt. Seine Gruppe, die den Taliban nahesteht und doch selbständig agiert, würde erst mit der Regierung reden, wenn alle Ausländer abgezogen seien.

Die Haqqani-Connection führt mitten hinein in das komplizierte Machtgeflecht rund um Afghanistan. Vor allem Pakistan wird immer wieder eine stille und doch massive Unterstützung der Taliban nachgesagt. Allein die Tatsache, dass die Aufständischen in Pakistan noch immer viele sichere Rückzugslager haben und sich zum Beispiel in Quetta völlig frei bewegen können, scheint dies zu bestätigen. Mit der Hilfe für die Aufständischen, so die These seit mehreren Jahren, wolle sich Islamabad oder zumindest der mächtige Geheimdienst ISI seine Macht für die Zeit nach der Besatzung Afghanistans durch westliche Truppen sichern. Auch diese Machtstrategen sehen direkte Gespräche sehr kritisch, da sie selbst an möglichen Verhandlungen teilnehmen wollen.

insgesamt 14 Beiträge
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Jirozaemon, 20.09.2011
1. nicht Teil der Lösung
Zitat von sysopBei einem Attentat ist der Ex-Präsident Afghanistans, Burhanuddin Rabbani, im eigenen Haus getötet worden. Mit seinem Tod rückt eine politische Lösung des Konflikt am Hindukusch in weite Ferne. Wer hinter dem Anschlag steckt, ist noch unklar. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,787444,00.html
Rabbani war wohl eher ein Teil des Problems (Mitglied / Repräsentant einer Konfliktpartei) als der Lösung. Der Verluste von Menschenleben bei diesem Anschlag bleibt dennoch sehr traurig. Jiro
steinaug 20.09.2011
2. Tja
Tja, wer mag da wohl dahinter stecken? Grübel, grübel.
kkonline 20.09.2011
3. Anschlag auf Ex-Präsident Afghanistans
Den Hinterbliebenen mein Beileid. Möge Herr Rabbani in Frieden ruhen. Andererseits ist hier ein skrupelloser Verbrecher und Warlord seiner gerechten und verdienten Strafe zugeführt worden. Karzai und Rabbani haben weitaus mehr Menschenleben auf dem Gewissen als Osama bin Laden. Bedauerlich, dass die Bundesregierung solche Verbrecher jedes Jahr mit hunderten von Millionen aus unseren Steuergeldern unterstützt.
mark anton, 20.09.2011
4. Die Phantasten die an "Islam ist Friede" immer noch glauben, sind unbelehrbar
Zitat von sysopBei einem Attentat ist der Ex-Präsident Afghanistans, Burhanuddin Rabbani, im eigenen Haus getötet worden. Mit seinem Tod rückt eine politische Lösung des Konflikt am Hindukusch in weite Ferne. Wer hinter dem Anschlag steckt, ist noch unklar. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,787444,00.html
auch nach diesen feigen Mord an einem angesehenen Afghane, der sich fuer Friede einsetzte. Sowohl international, als auch in allen Laendern Europas laeuft etwas schief, was durch Beharren auf eine falsche vorgegebene Meinung beruht, mit den Realitaeten und deren Folgen nichts mehr zu tun hat. Deer Friede wird nicht am Hindukusch sondern in unseren Grenzen aufs Spiel gesetzt.
otto huebner 21.09.2011
5. frieden wird es dort ..........
erst dann geben wenn sich die clan's alle gegenseitig umgebracht haben. nun, wenn sie das wollen, dann lassen wir sie doch. was soll's ? abziehen und zuschauen was passiert. fertig!
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