Geheimer Bericht Nato hält afghanische Armee für kaum einsatzbereit

Ein Jahr nach dem Abzug der Isaf-Soldaten ist das afghanische Militär nach SPIEGEL-Informationen nicht kampffähig. 2015 wurde die Truppe durch Verluste und Fahnenflucht um ein Drittel dezimiert.

Afghanische Nationalarmee: Nur sehr bedingt "ready for combat"
REUTERS

Afghanische Nationalarmee: Nur sehr bedingt "ready for combat"


Die Nato rechnet nach SPIEGEL-Informationen mit einer massiven Verschlechterung der Sicherheitslage am Hindukusch. In einer als geheim eingestuften Bilanz des Jahres 2015 warnen Militärs, dass die mit milliardenschweren internationalen Finanzhilfen mühsam aufgebaute afghanische Armee (ANA) kaum einsatzbereit sei. Insgesamt wird landesweit nur eine der insgesamt 101 Infanterie-Einheiten als "bereit für den Kampf" eingestuft. 38 Einheiten verzeichneten dagegen "massive Probleme". (Diese Meldung stammt aus dem SPIEGEL. Den neuen SPIEGEL finden Sie hier.)

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Heft 2/2016
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Zehn Bataillone mit je rund 600 Soldaten seien überhaupt nicht einsatzfähig. Besonders drastisch stellt ein Bericht des Kommandeurs der Nato-Mission, US-General John Campbell, die Lage im umkämpften Süden dar, wo die Taliban immer größere Gebiete unter ihre Kontrolle bringen.

Beim in den Provinzen Kandahar und Zabul stationierten 205. Korps der ANA seien von 17 Bataillonen zwölf nur eingeschränkt einsatzbereit. Hinzu kämen erhebliche Verluste der Truppe: Statistisch gesehen hat die ANA 2015 jeden Tag 22 Soldaten im Kampf verloren.

Mit mehr als 8000 Toten in einem Jahr sind die Verluste damit im Vergleich zum Vorjahr um 42 Prozent gestiegen. Zusammen mit der hohen Zahl an Deserteuren, die sich frustriert absetzen oder zu den Taliban überlaufen, verliert die Armee jedes Jahr ein Drittel ihrer Soldaten.

Afghanistan: Taliban auf dem Vormarsch
SPIEGEL ONLINE

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Ein gutes Jahr nach dem Abzug der internationalen Truppen unter dem Isaf-Mandat haben die Taliban wieder große Teile Afghanistans unter ihre Kontrolle gebracht. In den südlichen Provinzen Helmand und Kandahar haben sie die staatlichen Sicherheitskräfte aus ganzen Distrikten vertrieben, auch in den nördlichen Provinzen Kunduz und Badakhschan gibt es große Landstriche, in denen die islamistischen Milizionäre sich nahezu ungehindert bewegen können.

Im September überrannten die Taliban die Provinzhauptstadt Kunduz, in der die Bundeswehr von 2006 bis 2013 ein Feldlager unterhielt. Erst nach zwei Wochen konnten afghanische Regierungseinheiten die 300.000-Einwohner-Stadt zurückerobern

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - ab Samstagmorgen erhältlich.

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