Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Afghanistan: Von der Bundeswehr gesuchte Taliban wurden offenbar von Nato-Partnern getötet

Bundeswehrsoldaten im Norden Afghanistans (Archivbild): Tötungen geduldet? Zur Großansicht
REUTERS

Bundeswehrsoldaten im Norden Afghanistans (Archivbild): Tötungen geduldet?

Mehrere Taliban-Führer, die Deutschland auf eine Nato-Fahndungsliste gesetzt hat, könnten von Partnerstaaten getötet worden sein. Das hat die Bundesregierung laut SPIEGEL eingeräumt. Es geht um sieben Fälle in Afghanistan.

Hamburg - Hat Deutschland die Tötung mutmaßlicher Terroristen durch andere Länder in Kauf genommen? Darauf deutet nach Informationen des SPIEGEL eine Stellungnahme der Bundesregierung. Von den 32 Zielpersonen, die die Bundeswehr für die "Joint Prioritized Effects List" (JPEL) benannt hat, seien in Afghanistan "sieben ums Leben" gekommen, heißt es in einer Antwort auf Fragen der Grünen-Verteidigungsexpertin Agnieszka Brugger. (Diese Meldung stammt aus dem SPIEGEL. Den neuen SPIEGEL finden Sie hier.)

Über die genauen Umstände schweigt die Regierung und schreibt, die Personen seien "bei Gefechtshandlungen" ohne deutsche Beteiligung getötet worden. Deutlich relativiert sie ihre Darstellung, Deutschland habe bei Benennung der Zielpersonen stets die Vorgabe gemacht, dass sie lediglich festgenommen werden sollten. Tatsächlich habe man damit nur eine für andere Nationen nicht bindende "Wirkungsempfehlung" ausgesprochen; in der Liste wurden die Vorgaben ausdrücklich als "Vorschläge" klassifiziert.

Scharfe Kritik von den Grünen

In mindestens einem Fall, dem von der Bundeswehr im Februar 2010 mit der Nummer 3145 auf die Liste gesetzten Taliban-Kommandeur Shirin Agha, hielten sich die Amerikaner nicht an die deutsche Empfehlung. Der Kommandeur wurde laut einer US-Pressemitteilung Mitte Oktober 2010 bei Kunduz mit einem "gezielten Luftschlag" ausgeschaltet. Die Bundesregierung will dafür "keine Bestätigung" haben; Operationen anderer Nationen gegen JPEL-Ziele seien nicht erfasst worden.

Die Regierung erklärt weiter, es sei unmöglich gewesen, die Einsätze der Partner allein auf Festnahmen zu beschränken. Andere Nato-Länder haben indes auf einer vom SPIEGEL ausgewerteten JPEL-Liste aus dem Jahr 2010 mehrmals eindeutige "Capture only"-Vermerke ("Nur Festnahme") eingefügt, die im Gegensatz zur deutschen Empfehlung ("desired restriction" - "gewünschte Einschränkung") gut sichtbar in Rot auftauchten.

Die Abgeordnete Brugger kritisiert das späte Eingeständnis: "Nach jahrelanger Verschleierung gibt das Ministerium zu, dass Deutschland mit der Listung die Tötung von Verdächtigen in Kauf genommen hat."

Logo SPIEGEL

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - erhältlich ab Samstagmorgen und schon heute ab 18 Uhr im digitalen SPIEGEL.

Den digitalen SPIEGEL finden Sie in den Apps für iPhone/iPad, Android, Windows 8, Windows Phone und als Web-App im Browser.

Was im neuen SPIEGEL steht, erfahren Sie immer samstags in unserem kostenlosen Newsletter DIE LAGE.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wo ist das Problem ?
recepcik 06.03.2015
Das ist doch die einzige Möglichkeit den islamistischen Terror zu bekämpfen. Was wäre passiert wenn man sie der Bundeswehr lebend ausgeliefert hätte? Da wir kein Guantanamo haben hätte man sie den Afghanen übergeben und sie wären durch die Hintertür raus.
2. Omg!
Frokuss 06.03.2015
Ich sympathiere ja mit den Grünen... Aber dieses 100% immer gegen Krieg ist total über! Es mag ja richtig sein, dass man versuchen sollte, so wenige Menschen in bewafneten Konflikten zu töten, aber man kann es auch übertreiben. Und das Problem beim Festnehmen von Ranghohen Leuten in Kriesenregionen ist doch, dass diese meistens mit ner Menge Leute rumrennen, die schnell zur Wafffe greifen... Da ist mir lieber, dass jene Leute getötet werden, als dass deutsche Soldaten verletzt werden. Vielleicht sollten wir mal überlegen, ob wir die Bundeswehr reformieren sollten... das diese auch zur abwechslung schießen darf und nicht nur beschossen werden darf...
3. Interessante Feststellung
KJB 06.03.2015
Wo genau ist das Problem? Sollte doch jedem klar sein das solche Listen in Kriegsgebieten keine Fahndungslisten sind mit denen man den gesuchten einen Brief mit bitte um ein konstruktives Gespräch übermitteln möchte. Abschusslisten von zentralen Persönlichkeiten des Gegners gibt es schon seit die Menschen aufrecht stehen können, was glauben eigentlich die Grünen in was für einer Welt wir leben.
4. Viel Lärm um Nichts.
saschanoetzel 06.03.2015
Das ist mal wieder typisch SPON. Hier soll etwas zum Skandal aufgebauscht werden, was unter dem humanitären Völkerrecht in einem nicht-internationalen bewaffneten Konflikt selbstverständlich ist. Taliban-Kämpfer sind legitime militärische Ziele - solange, bis sie sich ergeben oder der Krieg beendet ist. Beides liegt nicht vor. Da kommen wir Deutschen wieder mit unseren Vorstellungen aus dem sicheren Mitteleuropa und wollen das auf ein Kriegstheater übertragen. Ziele werden durch den militärischen Führer festgelegt und solange hier keine exzessive Gewalt angewendet wird (also deutlich mehr als verhältnismäßig), können dabei sogar zivile Opfer als Kollateralschäden in Kauf genommen werden. Wenn wir nicht nach diesen Regeln spielen wollen, sollten wir lieber daheim bleiben. Ach Moment mal! Es war ja eine rot-grüne Regierung, die unsere Streitkräfte in diesen Krieg geschickt haben.
5. Ziemlich befremdliche Ansichten.
denkdochmal 06.03.2015
In Afghanistan war und ist Krieg. Dort sind keine Freizeitbanditen als Führungskräfte am Werk, sondern militärisch fähige Führer. Unter ihrem Kommando stehen Leute, die eigene Landsleute bedrohen, foltern und töten. Internationale Truppen stehen/standen einer unfähigen Regierung bei, dies zumindest einzugrenzen und regional eine gewisse Normalisierung des täglichen Lebens zu ermöglichen. Es gab und gibt vielfältige Gründe (Bildung, Stammesgepflogenheiten, Korruption, Unfähigkeit, Machthunger etc.) warum das nur eng begrenzt gelungen ist. Da erwecken ganz Schlaue gern den Eindruck, als sei es rechtsstaatlich notwendig und möglich, solchen Terroristenführern mit dem Strafrecht Herr zu werden. Tja, dann wollen wir mal Anwälte, Staatsanwälte und Richter flott machen, daß sie jede Aktion unserer Soldaten mit dem Gesetzbuch unterm Arm begleiten. Militärischer Sachverstand ist diesen Leuten – so wird der Eindruck erweckt – ja eigen. Ernsthaft: Solchen Terroristen, die selbst ja erklären, gegen ihre Widersacher KRIEG zu führen, kann man nur mit dem von ihnen selbst erklärten und geführten Krieg begegnen und sie ausschalten. Das unvermeidliche Gejammer darüber sollte man einmal mit dem 2. Weltkrieg und seinen Bombereinsätzen vergleichen, wo wegen einer kleinen Fabrik ganze Städte zerbombt und viele, viele Einwohner getötet wurden. Das soll nicht die „Kollateralschäden“ klein reden, sehr wohl aber deutlich machen, daß man seitens der ausländischen Truppen bemüht war und ist, sie so gering wie nur eben möglich zu halten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 11/2015 Psychologie - Die Kunst, aufmerksam zu bleiben und die eigenen Ziele zu erreichen SPIEGEL-Apps:


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: