Nachkriegsstrategie: Nato plant neue Afghanistan-Mission ab 2015

Von , Brüssel

Offiziell hat der Abzug vom Hindukusch begonnen, die Bundeswehr übergab ein erstes Feldlager an die Afghanen. Doch damit ist die Mission längst nicht zu Ende: Die Nato-Verteidigungsminister planen schon einen neuen Einsatz - auch nach 2014 dürften Tausende westliche Soldaten in dem Land bleiben.

Bundeswehr in Kunduz (Archivaufnahme): Tausende Schutzsoldaten sollen im Land bleiben Zur Großansicht
dapd

Bundeswehr in Kunduz (Archivaufnahme): Tausende Schutzsoldaten sollen im Land bleiben

Brüssel - Mit einer feierlichen Zeremonie hat die Bundeswehr in Nordafghanistan offiziell den schrittweisen Abzug der Deutschen vom Hindukusch gestartet. Am Dienstagmorgen übergaben das Auswärtige Amt (AA) und die Truppenführung in Faisabad offiziell das erste Camp der Deutschen an die afghanische Polizei. Statt der Deutschen sollen nun rund hundert Bereitschaftspolizisten von der Afghan National Civil Order Police, kurz Ancop genannt, im äußersten Nordosten von Afghanistan für die Sicherheit sorgen. Seit Monaten war die Übergabe vorbereitet worden, nun kam es zur Schlüsselübergabe an die Afghanen.

Die Übergabe von Faisabad hatte eher symbolischen Charakter, die Bundeswehr beschäftigte sich dort seit Monaten nur noch mit dem Abbau des kleinen Lagers. Gleichwohl ist der Schritt für die Bundesregierung ein entscheidendes Signal, dass der Abzug aus Afghanistan trotz der vielen Probleme und der anhaltend schlechten Sicherheitslage tatsächlich beginnt. Folglich lobte Guido Westerwelle (FDP) den Startschuss. Die Übergabe belege, "dass die Umsetzung der Afghanistan-Strategie vorankommt", sagte der Bundesaußenminister in Berlin. Schritt für Schritt komme man "der vollständigen Übergabe der Sicherheitsverantwortung und dem Abzug der Kampftruppen bis Ende 2014" näher.

Tatsächlich entspricht die Übergabe dem Nato-Konzept für den Abzug. Bis Ende 2014 wollen die Bündnisstaaten ihre derzeit knapp 100.000 Soldaten aus dem Krisenland zurück nach Hause holen. Bis dahin soll die afghanische Armee so gut trainiert werden, dass sie die Sicherheitsverantwortung im ganzen Land übernehmen kann. Zahlenmäßig haben die Strategen der Nato dieses Ziel bereits fast erreicht. Gleichwohl gibt es massive Zweifel an der Leistungs- und Durchhaltefähigkeit der lokalen Kräfte. Außerdem häuften sich in den vergangenen Wochen tödliche Angriffe von Rekruten auf ihre ausländischen Trainer der Nato-Truppen. Zwischenzeitlich musste die Nato deswegen ihre Übungen für die Afghanen sogar einstellen.

Der Abbau in Faisabad zeigt, dass der Abzug aus Afghanistan auch eine logistische Großaufgabe wird. Zwar war das Camp eines der kleinsten der Bundeswehr. Trotzdem hatten die Soldaten in den vergangenen Wochen viel zu tun, sie verpackten rund 800 Tonnen Material in 450 Container und bereiteten das Lager für die Übernahme der Afghanen vor. Möbel und Unterkünfte überlässt die Bundeswehr den lokalen Polizisten, das Auswärtige Amt spendierte den Sicherheitskräften zudem Generatoren für die Strom- und Wasserversorgung. Das sensible Militärmaterial jedoch, dazu gehört die Funk- und Aufklärungstechnik, wurde verpackt und wird nun ins Hauptlager nach Masar-i-Scharif transportiert.

Die Afghanen sollen auch nach 2014 beschützt werden

Westerwelle betonte in Berlin, dass die Mission in Nordostafghanistan mit der Übergabe keineswegs vorbei sei. So werden die Mitarbeiter der Entwicklungshilfeorganisation GIZ weiter vor Ort bleiben, auch die deutsche Polizeiausbildung für die Afghanen soll weiterlaufen. Neben den Unterkünften für die Polizei soll in dem ehemaligen Bundeswehrlager zudem eine Zweigstelle der "Universität Zentralasien" der Aga-Khan-Stiftung Platz finden, die Bauarbeiten für dieses Projekt sollen bis Sommer 2013 abgeschlossen sein. Das Auswärtige Amt lobte, eine solche Nachnutzung für ein früheres Militärlager sei beispielhaft.

Vorbei ist die deutsche Mission am Hindukusch sicherlich nicht. Während sich in Faisabad Politiker, Soldaten und Entwicklungshelfer die Hände schüttelten, flogen die Nato-Verteidigungsminister in Brüssel für ein Arbeitstreffen ein. Bei dem Mini-Gipfel im Hauptquartier wollen sie zum einen die Lage am Hindukusch beraten, vor allem aber die Grundzüge für eine neue Nato-Operation nach dem angepeilten Abzug der Kampftruppen beschließen. Einen Namen hat die Mission bereits, sie soll ab Anfang 2015 unter dem Titel "International Training and Advisory Mission" (Itam) starten. Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) betonte, man wolle die Afghanen auch nach 2014 unterstützen.

Was die Minister in Brüssel beschließen, liest sich noch recht abstrakt. In einem technischen Papier, etwas holprig "Nato Initiative Directory" genannt, wird im Kern nur festgelegt, dass die neue Mission statt auf den Kampf gegen die Taliban oder die Jagd nach Terroristen alleinig auf die Ausbildung der Afghanen fokussiert. Allerdings sollen die ausländischen Trainer von robusten Einheiten geschützt werden. Wie viele Ausbilder und Schutzkräfte auch nach 2014 in Afghanistan stationiert werden, steht nicht in dem Papier. Minister de Maizière will für die Bundeswehr ebenfalls keine Zahlen nennen. Er stellte in Brüssel nur klar, er werde "unsere Ausbilder nicht ohne Schutz dort lassen".

Tausende Soldaten müssen im Krisengebiet bleiben

Die Zurückhaltung bei den Zahlen hat vor allem politische Gründe. In allen Nato-Ländern inklusive der USA sind die Bevölkerungen mehr als kriegsmüde und genervt von den ausbleibenden Fortschritten in Afghanistan, deswegen haben die Regierungen in den vergangenen Jahren immer wieder den Abzug vom Hindukusch versprochen. Vor rund zwei Jahren erfand man im Kreise der Nato-Lenker dann die Formel, bis Ende 2014 sollten alle Kampftruppen aus Afghanistan abgezogen werden. Ab dann solle es nur noch Training für die Afghanen geben. Je näher das Datum nun rückt, desto klarer wird, dass neben den Ausbildern auch Tausende Schutzsoldaten in dem Krisengebiet bleiben werden müssen.

Erste Zahlen nannte kürzlich der Bundesnachrichtendienst (BND) in einer geheimen Analyse für die Bundesregierung, die vor allem im Auswärtigen Amt für einige Aufregung sorgte. Politisch unbefangen prophezeite der Dienst, dass nach 2014 rund 35.000 internationale Soldaten stationiert sein würden, rund 25.000 davon würden die USA stellen. Für die Bundeswehr konnte man aus dieser Rechnung ableiten, dass Deutschland vermutlich mit rund 1500 Mann am Hindukusch präsent bleiben wird, wenn die Regierung sich wie bisher im Nato-Konzert an der Mission beteiligen will. Im Vergleich zu den derzeit 5000 Soldaten in Afghanistan wirkte das eher wie eine Verkleinerung der Mission als nach einem Abzug.

Neben der Nato wollen auch andere Länder die Trainingsmission in Afghanistan unterstützen. Nach Angaben von Diplomaten haben Australien, Neuseeland, Finnland, die Ukraine und Schweden bereits zugesagt, ebenfalls Soldaten für die Ausbildung zu entsenden. Bisher jedoch waren die Einheiten aus diesen Ländern eher klein. Deutschland hingegen hat sich nicht zuletzt auf der großen Afghanistan-Konferenz in Bonn verbindlich verpflichtet, Kabul auch nach dem Abzug der Isaf-Soldaten weiter zu helfen. Das Ende des Afghanistan-Abenteuers liegt für die Bundeswehr damit noch weit in der Zukunft.

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insgesamt 27 Beiträge
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1. Erfolgreich
Peter.Lublewski 09.10.2012
Zitat von sysopdapdOffiziell hat der Abzug vom Hindukusch begonnen, die Bundeswehr übergab ein erstes Feldlager an die Afghanen. Doch damit ist die Mission längst nicht zu Ende: Die Nato-Verteidigungsminister planen schon einen neuen Einsatz - auch nach 2014 dürften Tausende westliche Soldaten in dem Land bleiben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/afghanistan-nato-plant-neue-mission-ab-2014-a-860318.html
Ich dachte bislang, dass man einen Militäreinsatz nur dann plant, wenn man mit einem anschließenden Erfolg rechnen kann.
2. Wundern tut
nachdenklich1 09.10.2012
Zitat von sysopdapdOffiziell hat der Abzug vom Hindukusch begonnen, die Bundeswehr übergab ein erstes Feldlager an die Afghanen. Doch damit ist die Mission längst nicht zu Ende: Die Nato-Verteidigungsminister planen schon einen neuen Einsatz - auch nach 2014 dürften Tausende westliche Soldaten in dem Land bleiben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/afghanistan-nato-plant-neue-mission-ab-2014-a-860318.html
das sicherlich niemanden. Aber man sollte eines bedenken: Eine Regierung kann sich immer nur dann halten, wenn sie die Mehrheit des Volkes hinter sich hat. Also im Umkehrschluss wenn eine Regierung 200.000 hochgerüstete ausländische Soldaten zum Überleben braucht, dann hat sie das Volk nicht hinter sich. Sobald der letzte ausländische Soldat das Land verlassen hat fällt das willfährige Kartenhaus zusammen. Je eher man dieses Prinzip verstanden hat, desto weniger Steuermittel werden verpulvert und Soldaten müssen sterben.
3.
Dramidoc 09.10.2012
Zitat von Peter.LublewskiIch dachte bislang, dass man einen Militäreinsatz nur dann plant, wenn man mit einem anschließenden Erfolg rechnen kann.
Für einige Herrschaften war Afghanistan auch sehr erfolgreich.
4. kein
ziegenzuechter 09.10.2012
Zitat von sysopdapdOffiziell hat der Abzug vom Hindukusch begonnen, die Bundeswehr übergab ein erstes Feldlager an die Afghanen. Doch damit ist die Mission längst nicht zu Ende: Die Nato-Verteidigungsminister planen schon einen neuen Einsatz - auch nach 2014 dürften Tausende westliche Soldaten in dem Land bleiben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/afghanistan-nato-plant-neue-mission-ab-2014-a-860318.html
wunder. haette mich auch gewundert, wenn die nato aus ihren fehlern gelernt haette.
5. sinnlos, kontraproduktiv und anmaßend
chancenlos 09.10.2012
Afgahnistan ist deren Land. Dort hat wirklich jeder eine Knarre. Es ist ihre ureigendste Entscheidung zu kämpfen oder zu kuschen. Die wurden nie erobert, die Leute dort wissen sich zu helfen. Die sollten eher uns in unkonventioneller Kriegsführung ausbilden als umgekehrt. Wir schüren da bloß Haß, verlieren unseren noch guten Ruf und treten die Rohstoffe, welche zu fördern wir vielleicht beauftragt werden an Dritte ab.
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