Afghanistan, Pakistan, Iran Drei gegen Amerika

Die Präsidenten von Iran, Afghanistan und Pakistan zelebrieren demonstrativ ihre Freundschaft. Bei einem zweitägigen Gipfeltreffen geht es um den Kampf gegen den Terror, Gespräche mit den Taliban - und vor allem darum, den USA zu zeigen: Wir können auch ohne euch.

Von , Islamabad

DPA

In kaum einem Teil der Welt sind die USA so unbeliebt wie hier: Das Verhältnis zu Iran ist eisig, in Afghanistan sind die Amerikaner nach zehn Jahren erfolglosem Krieg verhasst, die Beziehungen zu Pakistan sind nach der Erschießung zweier Pakistaner durch einen CIA-Söldner, nach dem Schlag gegen Osama Bin Laden, nach einem Nato-Angriff auf pakistanische Grenzposten und nach Jahren der Drohnenangriffe auf einem Tiefpunkt. In der Nacht auf Donnerstag starben wieder mindestens fünf Menschen in Westpakistan durch eine US-Drohne - angeblich Extremisten.

Umfragen in allen drei Ländern zeigen, dass Amerika-kritische Haltungen in den Bevölkerungen weit verbreitet sind. Jetzt wollen die Präsidenten dieser drei Staaten wenigstens untereinander Einigkeit und Freundschaft demonstrieren: Für zwei Tage reisen Irans Staatschef Mahmud Ahmadinedschad und Afghanistans Präsident Hamid Karzai am Donnerstag nach Islamabad. Das Treffen, sagt Asif Ali Zardari, der pakistanische Präsident und Gastgeber, solle ein "wichtiger Meilenstein auf unserer gemeinsamen Suche nach Frieden und Stabilität in der Region" sein.

Auf dem offiziellen Programm steht neben einer Stärkung des Handels und gemeinsamen Bemühungen im Kampf gegen Terrorismus die Bekämpfung des Drogenschmuggels. Etwa 90 Prozent des Opiums in der Welt kommt aus Afghanistan, nahezu die komplette Menge verlässt das Land über die beiden Nachbarstaaten Pakistan und Iran. Allen internationalen Bemühungen zum Trotz hat der Opiumanbau im vergangenen Jahr um sieben Prozent zugenommen, weil die Drogenpreise weltweit in die Höhe geschnellt sind und der Opiumanbau für die Bauern lukrativ war. Die Regierungen wollen jetzt bessere Kontrollen vereinbaren.

"Wir müssen die brüderlichen Beziehungen zu unseren Nachbarn pflegen"

Doch in Wahrheit geht es darum, den USA zu signalisieren: Wir können auch ohne euch. Denn alle drei Staaten fühlen sich von Washington übergangen bei der Ausgestaltung einer regionalen Ordnung nach dem Abzug der Nato-Truppen aus Afghanistan im Jahr 2014. Diplomaten aller drei Länder kritisieren, von den USA nicht eingebunden worden zu sein bei den Gesprächen mit Vertretern der Taliban in Katar.

"Die Zukunft Afghanistans muss von Afghanen bestimmt werden", sagt Hamid Gailani, ehemaliger Vize-Senatssprecher des Landes. "Um einen regionalen Frieden zu gewährleisten, müssen wir die brüderlichen Beziehungen zu unseren Nachbarn pflegen. Pakistan ist dabei unser Partner Nummer eins, Iran ist ebenfalls ein wichtiger Verbündeter." Ein iranischer Teilnehmer der Delegation von Ahmadinedschad sagt, die Agenda dürfe nicht von "vielen tausend Kilometern entfernten Mächten" vorgegeben werden. "Wir brauchen gute nachbarschaftliche Beziehungen, sie sind ein Garant für Frieden und Stabilität in der Region."

Vor allem mit Blick auf das iranische Atomprogramm stehen Afghanistan und Pakistan unter Druck der USA. "Weil Teheran isoliert werden soll, übt Washington Druck auf uns aus, nicht mit Iran zu kooperieren", sagt ein pakistanischer Diplomat. Iran und Pakistan planen eine Zusammenarbeit auf dem Energiesektor. So soll eine Gaspipeline von Iran nach Pakistan führen, Iran hat seinen Teil bis zur gemeinsamen Grenze bereits gebaut. Aus iranischen Delegationskreisen ist zu hören, dass Ahmadinedschad Zardari drängen will, die Zusagen einzuhalten und den Bau der Pipeline auch auf pakistanischer Seite voranzutreiben. Pakistan ist wegen der eigenen Energieknappheit dringend auf das iranische Gas angewiesen. Präsident Zardari hat bereits erklärt, die Gas-Pipeline bleibe unberührt von Sanktionsbeschlüssen der Vereinten Nationen.

Geheimverhandlungen zwischen den USA, Afghanistan und den Taliban

Zur echten Anti-USA-Koalition taugt das Bündnis der drei Nachbarn jedoch wenig: Unter der Oberfläche gärt es. Afghanistan wirft Pakistan vor, ein eigenes Spiel zu spielen und einseitig den Stamm der Paschtunen und hier vor allem die Taliban zu unterstützen. Für die Ermordung des früheren afghanischen Präsidenten Burhanuddin Rabbani im Herbst 2011 macht Kabul den pakistanischen Geheimdienst verantwortlich, Friedensverhandlungen mit den Taliban rückten in weite Ferne.

Umgekehrt versucht Iran, seinen Einfluss in Afghanistan zu sichern, indem es vor allem Kräfte der Nordallianz und somit die Gegner der Taliban unterstützt. Irans Interesse in Afghanistan steht damit im Gegensatz zum pakistanischen Interesse.

Zudem ist es erklärtes Ziel von Teheran, einen Keil zwischen die afghanische Regierung und die Nato-Truppen, insbesondere die der USA, zu treiben. Das mehrheitlich schiitische Iran lehnt Gespräche der USA mit den sunnitischen Taliban ab und verlangt eine afghanische Regierung, in der auch die schiitischen Hazaras und andere nicht-paschtunische Bevölkerungsgruppen vertreten sind. Gleichzeitig hat Iran in den vergangenen Monaten versucht, sich auch mit den Taliban in Afghanistan gutzustellen, ahnend, dass diese künftig die Macht haben werden.

Karzai will in Islamabad jetzt darauf drängen, dass Pakistan Afghanistan den Zugang zu führenden Taliban ermöglicht. Die Spitze der afghanischen Taliban um Mullah Omar wird in Pakistan vermutet. Nach Angaben des afghanischen Botschafters in Islamabad, Umar Daudzai, will Karzai auch Vertreter religiöser Parteien in Pakistan treffen und um Hilfe bitten, die Taliban von echten Friedensgesprächen zu überzeugen. In einem Interview mit dem "Wall Street Journal" sagte Karzai, es gebe bereits erste Geheimverhandlungen zwischen den USA, Afghanistan und den Taliban. Die meisten Taliban seien demnach "definitiv" an einem Frieden interessiert. Details zu den Gesprächen nannte er nicht, um den Prozess nicht zu gefährden. Auch einen Ort nannte er nicht.

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insgesamt 124 Beiträge
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huberwin 16.02.2012
1. Was machen wir eigentlich in Afghanistan
wenn der Präsident von Afghanistan so offen gegen den Westen operiert. Wir sollten dieses Land schnell verlassen. Europas Freiheit wird nicht am Hindukusch vertreten.
Atheist_Crusader 16.02.2012
2.
Islamische Solidarität funktioniert wie eine klassische dsyfunktionale Familie: Untereinander schlägt man sich die Köpfe blutig... nur wenn Jemand von außen kommt, dann tut man sich zusammen.
Regulisssima 16.02.2012
3. Solidarität
Solidarität gegen jede Vernunft, gegen die Logik, nur noch zum Erhalte der eigenen Macht. Alles Versager !
makake62 16.02.2012
4. Gute Sache
Die Schaffung einer Interessensphäre ist doch ein Fortschritt - und kein wirkliches Anzeichen für weiteren Krieg. Ein gemeinsamer Wirtschaftsraum kann diesen Staaten im Bündnis Perspektiven bringen, wie keine westliche Entwicklungshilfe es vermag. Wenn es gut geht könnte von dort bald eine florierende Textilindustrie von sich reden machen - falls der Westen JETZT mit kleinen Wirtschaftsfinanzprogrammen (sehr fallsensibel) unterstützt.
platow 16.02.2012
5. Woran erinnern mich diese Bilder nur...
Zitat von sysopDPADie Präsidenten von Iran, Afghanistan und Pakistan zelebrieren demonstrativ ihre Freundschaft. Bei einem zweitägigen Gipfeltreffen geht es um den Kampf gegen den Terror, Gespräche mit den Taliban - und vor allem darum, den USA zu zeigen: Wir können auch ohne euch. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,815657,00.html
Richtig! An die monumentalen Bilder von Gadaffi, Sadam und wie sie alle heissen. Ein Bild vom Führer dazwischen würde das ganze abrunden.
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