Afghanistan Pakistanische Extremisten bekennen sich zu Anschlag

Die blutige Anschlagsserie auf Schiiten in Afghanistan geht offenbar auf das Konto pakistanischer Extremisten. Eine Gruppe, die nie zuvor im Nachbarland agierte, hat sich zu den Attacken bekannt. Experten fürchten eine neue Terrorwelle.

Zentrum von Kabul: Blutigster Anschlag mit religiösem Hintergrund seit zehn Jahren
AP

Zentrum von Kabul: Blutigster Anschlag mit religiösem Hintergrund seit zehn Jahren


Kabul - Stunden nach dem grauenvollen Anschlag in der afghanischen Hauptstadt Kabul hat sich die Extremistengruppe Lashkar-i-Jhangvi zu der Tat bekannt. Ein Sprecher der pakistanischen Terrororganisation übernahm die Verantwortung für den Bombenanschlag auf schiitische Gläubige.

Bei dem Anschlag waren am Dienstag während des schiitischen Aschura-Festes fast 60 Menschen getötet worden - mehr als hundert wurden verletzt. Der Selbstmordattentäter hatte sich nahe des Präsidentenpalastes in Kabul in die Luft gesprengt. Er zündete seinen Sprengsatz inmitten einer Menge von Männern, Frauen und Kindern vor dem Abu-Fazl-Schrein. Es war der blutigste Anschlag mit religiösem Hintergrund seit dem Sturz der Taliban vor zehn Jahren. Vier weitere schiitische Pilger wurden bei einem Bombenanschlag in der nordafghanischen Stadt Masar-i-Scharif getötet.

Die sunnitische Terrorgruppe Lashkar-i-Jhangvi wurde in der Vergangenheit für zahlreiche Anschläge auf Schiiten in Pakistan verantwortlich gemacht. Übergriffe auf das Nachbarland Afghanistan waren bislang nicht bekannt.

Beobachter fürchten Auftakt neuer Terrorkampagne

Religiös motivierte Anschläge sind in Afghanistan selten. Die Taliban hatten die Taten vom Morgen schnell verurteilt und jede Verantwortung zurückgewiesen. Zwar rekrutieren auch sie vorwiegend aus sunnitischen Muslimen. Aber sie bezeichneten die Angriffe vom Dienstag als "unmenschlich und unislamisch", wie Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid in einer Erklärung bekannt gab. Die Aufständischen würden es nicht zulassen, dass die Sicherheit der Afghanen im Namen von Religion oder Stammeszugehörigkeit gefährdet werde.

Auch die internationale Schutztruppe Isaf verurteilte die Anschläge während des Aschura-Festes in Kabul und im nordafghanischen Masar-i-Scharif. Die Attacke an einem der heiligsten Tage im islamischen Kalender sei "ein Angriff auf den Islam selbst", sagte der amerikanische Isaf-Kommandant General John Allen am Dienstag in Kabul. "Wir verurteilen diese Verbrechen aufs schärfste", fügte er hinzu.

Die Anschlagsserie, die sich offenbar gezielt gegen Schiiten richtete, ist selbst für das regelmäßig von Terroranschlägen erschütterte Afghanistan eine Ausnahme. Entsprechend besorgt reagierten afghanische Beobachter. Sie befürchten, dass die Anschläge der Auftakt zu einer Terrorkampagne sein könnten, die innerafghanische Kämpfe auslösen soll.

Etwa 20 Prozent der afghanischen Bevölkerung sind Schiiten; fast alle entstammen der ethnischen Gruppe der Hazara. Im benachbarten Pakistan sind Anschläge auf Schiiten häufig. Einige pakistanische Dschihadisten-Gruppen kooperieren auch mit al-Qaida.

ler/dpa



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Werner655 06.12.2011
1. Bitterer Vorgeschmack
Zitat von sysopDie blutige*Anschlagsserie auf Schiiten in Afghanistan geht offenbar auf das Konto pakistanischer Extremisten. Eine Gruppe, die nie zuvor im Nachbarland agierte,*hat sich zu den Attacken bekannt. Experten fürchten eine neue Terrorwelle. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,802116,00.html
Ein bitterer Vorgeschmack dessen, wie es künftig in Afghanistan vermutlich weiter gehen wird. Man muss nicht zynisch sein, wenn man die Auffassung vertritt, dass Afghanistan sich selbst aufstellen muss und die westlichen Besatzer so überflüssig sind, wie ein Kropf. Interessant immer wieder die querbeet verwendete Formulierung "Aufständische". Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Westliche Medien bezeichnen Einheimische als "Aufständische", die sich gegen auslänische Besatzer stellen...!
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