Afghanistans bittere Bilanz Karzai bricht mit Amerika

Vier Tage nach dem Amoklauf eines US-Soldaten verlangt Afghanistans Präsident Karzai den Rückzug aller Nato-Soldaten in ihre Camps und einen vorzeitigen Abzug aus dem Land. Zeitgleich brechen die Taliban ihre Gespräche mit den USA ab. Die Mission am Hindukusch ist gescheitert.

Von , Islamabad


In den vergangenen Tagen und Wochen lief es besonders schlecht für die Nato-Truppen in Afghanistan. Mitte Februar verbrannten US-Soldaten im Militärstützpunkt in Bagram - angeblich aus Versehen - Exemplare des Korans, am Sonntagmorgen erschoss ein amerikanischer Unteroffizier während eines nächtlichen Streifzugs im Wahn 16 Menschen, darunter neun Kinder und drei Frauen.

Die Afghanen verlangten, dem Mann im Land den Prozess zu machen - vergeblich: Die US-Armee flog ihn nach Kuwait aus, mit der Begründung, seine Anwesenheit in Afghanistan würde seine Sicherheit und die anderer Nato-Soldaten gefährden.

Die Botschaft, die bei den Afghanen ankommt: Unsere Meinung zählt nicht, auf uns hört niemand, wir sind nichts wert. "Es reicht", sagte ein enger Mitarbeiter von Afghanistans Präsident Hamid Karzai SPIEGEL ONLINE. "Wir müssen feststellen, dass die Anwesenheit der Nato in Afghanistan inzwischen mehr Schaden anrichtet, als zur Verbesserung der Lage beiträgt."

Karzai drängt auf einen vorzeitigen Abzug

Karzai erklärte, der Amoklauf habe das vorhandene Vertrauen der Afghanen in die ausländischen Truppen beschädigt. Es müssten "alle Anstrengungen unternommen werden, damit sich so ein Vorfall in der Zukunft nicht wiederholt".

Er drängte die Nato deshalb am Donnerstag, den Abzug um einen Jahr vorzuziehen. Bislang plant das Bündnis, die rund 130.000 Soldaten im Land bis zum Jahr 2014 abgezogen zu haben. Die Nato-Soldaten sollten sich sofort in ihre Stützpunkte zurückziehen und die Dörfer verlassen, sagte der Präsident in Kabul. Bereits 2013 könnte die Verantwortung für die Sicherheit vollständig in afghanischer Hand liegen.

Ein Sprecher Karzais sagte, der Staatschef habe seine Absicht US-Verteidigungsminister Leon Panetta mitgeteilt, der zu Besuch in Kabul war. "Beide Seiten müssen dabei zusammenarbeiten, den Übergabeprozess von den internationalen Truppen zu den afghanischen Kräften 2013 statt 2014 abzuschließen", soll der Präsident demnach gesagt haben. "Wir sind bereit, die gesamte Sicherheitsverantwortung jetzt zu übernehmen."

Fotostrecke

28  Bilder
Dauerkampf am Hindukusch: Der Afghanistan-Krieg in Bildern
Am Donnerstag erklärten dann auch noch die radikal-islamischen Taliban, die Gespräche mit den USA auszusetzen. Die Haltung der Amerikaner sei "launenhaft und verschwommen", heißt es auf der Website der Extremisten. Die Amerikaner würden ständig neue Bedingungen stellen und damit die Verhandlungsgrundlage ändern.

Eine echte Übergabestrategie fehlt

Nach zehn Jahren Krieg in Afghanistan, vielen Tausenden toten Nato-Soldaten und Hunderttausenden afghanischen Toten ist es eine bittere Bilanz: Die Taliban, die dauerhaft entmachtet werden sollten, sind so mächtig wie nie zuvor. Und der Westen im Allgemeinen und die USA im Besonderen werden weit weniger Einfluss haben auf die Gestaltung Afghanistans als erhofft. Zugleich stehen viele afghanische Taliban-Gegner hochgerüstet da und warten auf ihre Chance.

Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass das Land nach einem Abzug der westlichen Truppen im Chaos versinkt. Eine echte Übergabestrategie gibt es nicht.

Auch die neue Strategie ist nur Fassade: Ein bisschen Ausbildung hier, ein paar zivile Wiederaufbauprojekte dort, ein irgendwie netterer Umgang mit der Bevölkerung, dann wird es schon gutgehen. Dass dies der Weg in ein friedliches Afghanistan ist, dürften inzwischen selbst diejenigen nicht mehr ernsthaft glauben, die damit betraut sind.

Aber in den USA sind in diesem Jahr Präsidentschaftswahlen, da müssen Ergebnisse her. Es bleiben nur zwei Optionen: entweder die Anstrengungen massiv zu verstärken - oder eben so schnell wie möglich mit dem Abzug zu beginnen. Ersteres ist in keinem Land, das am Einsatz in Afghanistan beteiligt ist, politisch durchsetzbar. Also bleibt nur die zweite Lösung. Die Forderung Karzais, die Übergabe der Sicherheitsverantwortung schon 2013 zu vollziehen, dürfte in Washington deshalb trotz allem gut ankommen. Was wie ein Paukenschlag des afghanischen Präsidenten aussieht, könnte ebenso gut mit US-Verteidigungsminister Panetta abgesprochen sein.

Das Problem ist nur: Ein noch früherer Abzug hinterlässt bei den Taliban erst recht den Eindruck, dass sie gewonnen haben. Deshalb spielten US-Offizielle die Forderung Karzais auch herunter. "Wir glauben, dass seine Aussage das starke Interesse Karzais wiederspiegelt, so schnell wie möglich das Ziel eines vollständig unabhängigen und souveränen Afghanistans zu erreichen", sagte Pentagon-Sprecher George Little. In Berlin zeigte man wenig Verständnis für Karzais Aussage. "Wir haben eine Vereinbarung innerhalb des Bündnisses, und die steht", hieß es aus dem Verteidigungsministerium.

Bei der Nato teilt man zu der Forderung aus Kabul mit: Die Entscheidung über die Übergabe der Sicherheitsverantwortung in ganz Afghanistan an Armee und Polizei des Landes werde vom Nato-Gipfel Ende Mai in Chicago getroffen, so Nato-Sprecherin Oana Lungescu am Donnerstag in Brüssel. Der Übergang von der Zuständigkeit der Nato-geführten internationalen Schutztruppe Isaf an die Afghanen laufe und mache Fortschritte, erklärte Lungescu weiter. "Die Nato bleibt entschlossen, die afghanischen Sicherheitskräfte in die Lage zu versetzen, die volle Sicherheitsverantwortung so rasch wie möglich zu übernehmen."

Die USA haben Afghanistan bis heute nicht verstanden

Die USA hätten eine Chance gehabt. Gebildete, städtische Afghanen empfinden durchaus Sympathien für die USA, und die Unterstützung der Taliban in den ungebildeten, ländlichen Schichten ist bei weitem nicht so groß, wie im Westen angenommen wird. Die Erinnerung an deren Schreckensherrschaft in den neunziger Jahren, das Verbot von Musik und Film und jeglicher weltlichen Freuden, ist noch nicht verblasst.

Längst wird das aber überlagert durch die Fehler der USA in den vergangenen Monaten und Jahren. Wie oft wurde eine Hochzeitsgesellschaft für eine Gruppe von Extremisten gehalten und per Beschuss aus der Luft ausradiert? Immer wieder wurden Afghanen an den allgegenwärtigen Kontrollposten erniedrigt, wurden Häuser von schuldlosen Bürgern von Soldaten in nächtlichen Razzien gestürmt und auf den Kopf gestellt. Tausende Menschen wurden wegen Terrorverdachts festgenommen, ohne Rechtsgrundlage, noch heute sind Hunderte in amerikanischen Geheimgefängnissen in Afghanistan in Haft.

Es gab mehrere Fälle von Koran-Verbrennungen, ein "Kill Team" tötete Afghanen aus sportlichem Eifer und posierte mit den Leichen, US-Soldaten urinierten auf erschossene Taliban. Und dann kritisierte der Westen die ausufernde Korruption, die er, so die Sicht vieler Afghanen, durch die milliardenschweren Hilfen doch selbst befeuerte. Gleichzeitig unterstützte er Karzai, den viele Afghanen nicht nur als Marionette Washingtons sehen, sondern auch für ein Beispiel der Korruption halten.

Kurz: Die USA haben Afghanistan bis jetzt nicht verstanden.

Umsetzen lassen wird sich ein Abzug einer so großen Truppe im kommenden Jahr nicht. Politiker der Nato-Länder versichern, dass es auch über 2014 hinaus eine Präsenz geben und dass man Afghanistan nicht sich selbst überlassen werde.

Offiziell heißt es in der afghanischen Regierung, dass das Land für sich selbst die Verantwortung übernehmen könne. Sollte man aber Hilfe von außen benötigen, räumt der Karzai-Berater ein, könne die "unter keinen Umständen von den USA" kommen. Wer wäre denn ein willkommener Helfer? "Vielleicht die Vereinigten Arabischen Emirate. Oder die Türkei."

Mit Material von dpa

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 204 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
belohorizonte 15.03.2012
1. Unvermögen
Zitat von sysopAFPVier Tage nach dem Amoklauf eines US-Soldaten verlangt Afghanistans Präsident Karzai den Rückzug aller Nato-Soldaten in ihre Camps und einen vorzeitigen Abzug aus dem Land. Zeitgleich brechen die Taliban ihre Gespräche mit den USA ab. Die Mission am Hindukusch ist gescheitert. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,821615,00.html
"Texas" glaubte Oel ( Irak ) und Rohstoffe als militaerische Supermacht sich einzuverleiben. Dies ist gescheitert. Zumindest die politische und militaerische Führung hätte sich mit Geschichtsbuechern beschaeftigen und diese vor der Entscheidung mit in die Entscheidungvorlagen einbringen sollen. In Afghanistan ist bisher jede westliche Macht bescheitert. MRD Verschuldung for nothing.. Außer Schoenreden nichts gewonnen. Armes Amerika, arme NATO.
pepito_sbazzeguti 15.03.2012
2. Überlegen
Zitat von sysopAFPVier Tage nach dem Amoklauf eines US-Soldaten verlangt Afghanistans Präsident Karzai den Rückzug aller Nato-Soldaten in ihre Camps und einen vorzeitigen Abzug aus dem Land. Zeitgleich brechen die Taliban ihre Gespräche mit den USA ab. Die Mission am Hindukusch ist gescheitert. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,821615,00.html
Hat Karzai mal überlegt, dass er nach dem Abzug der NATO-Truppen wahrscheinlich keine zwei Tage überlebt? Ich denke, die Taliban sind nicht wirklich begeistert, dass Karzai sich mit den Ungläubigen eingelassen hat.
ossian 15.03.2012
3. blödsinn
Zitat von sysopAFPVier Tage nach dem Amoklauf eines US-Soldaten verlangt Afghanistans Präsident Karzai den Rückzug aller Nato-Soldaten in ihre Camps und einen vorzeitigen Abzug aus dem Land. Zeitgleich brechen die Taliban ihre Gespräche mit den USA ab. Die Mission am Hindukusch ist gescheitert. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,821615,00.html
wie oft haben Taliban Selbstmordanschläge verübt. Auf Unschuldige und Zivilisten? Wie oft haben Moslems Christen umgebracht ? In Asien - in Ägypthen, in Afghanistan.. - und hat sich einer der moslemischen Führer jemals dafür entschuldigt - oder Worte des Bedauern ausgesprochen?
Heinz-und-Kunz 15.03.2012
4. Ach was?
Zitat von sysopAFPVier Tage nach dem Amoklauf eines US-Soldaten verlangt Afghanistans Präsident Karzai den Rückzug aller Nato-Soldaten in ihre Camps und einen vorzeitigen Abzug aus dem Land. Zeitgleich brechen die Taliban ihre Gespräche mit den USA ab. Die Mission am Hindukusch ist gescheitert. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,821615,00.html
Mal wieder eine SPON-Überschrift die die Tatsachen auf den Kopf stellt. *Zuerst* haben die USA Afghanistan und Karsai als hoffnungslose Fälle abgeschrieben und angekündigt, dass sie schnellstmöglich einen abgang machen wollen. *Danach* bricht der bereits fallengelassene Karsai mit den USA? Dass ist nugefähr so logisch wie die Aussage, dass ein Mann seine Frau verlassen hat nachdem sie die Scheidung eingereicht hat.
Steve Holmes 15.03.2012
5.
Zitat von sysopAFPVier Tage nach dem Amoklauf eines US-Soldaten verlangt Afghanistans Präsident Karzai den Rückzug aller Nato-Soldaten in ihre Camps und einen vorzeitigen Abzug aus dem Land. Zeitgleich brechen die Taliban ihre Gespräche mit den USA ab. Die Mission am Hindukusch ist gescheitert. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,821615,00.html
Endlich sieht man es ein! Aber die Besatzungstruppen müssen nicht traurig sein. Sie befinden sich in guter Gesellschaft. Die hochgerüstete Sowjetarme ist schließlich auch gescheitert. Sie haben diesen Sieg mit schweren Verlusten gegen einen übermächtigen Gegner errungen. Ob ein bisschen früher oder später macht keinen großen Unterschied.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.