Afghanistan-Protokolle der Sowjets "Jeden Monat desertieren tausend Mann"

Bloß raus da: So lautet das Fazit der sowjetischen Führung nach sieben Jahren Afghanistan-Krieg. Teile der Protokolle ihrer Debatten aus den achtziger Jahren sind jetzt erstmals zugänglich. Die Entscheidung zum Rückzug traf schließlich Michail Gorbatschow.

AP/DDP

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Bereits im Oktober 1985, sieben Monate nach seinem Amtsantritt als KPdSU-Generalsekretär, spricht Michail Gorbatschow über seinen Plan, die sowjetischen Truppen vom afghanischen Kriegsschauplatz zurückzuholen; im Februar 1988 kündigt er den Abzug der 40. Armee auch offiziell an. Im Zeitraum dazwischen gibt es mehrfach erregte Debatten darüber im Politbüro der Partei.

Viele der Protokolle wurden nie veröffentlicht, auch die folgenden Passagen nicht. Sie stammen aus den Sitzungen vom 21./22. Januar, 23. Februar, 22. Mai und 11. Juni 1987 und bieten manche Parallele zum jetzigen Krieg in Afghanistan.

Außenminister Eduard Schewardnadse

"Von den freundschaftlichen Gefühlen gegenüber dem sowjetischen Volk, die es jahrzehntelang gab, ist wenig übrig geblieben. Es sind sehr viele Menschen ums Leben gekommen, und nicht alle waren Banditen. Wir haben kein einziges Problem der Bauern gelöst, ja im Grunde haben wir gegen die Bauern gekämpft. Dass wir dort einmarschiert sind, ohne einen Funken Ahnung von der Psychologie der Leute und der realen Lage im Land zu haben - das ist eine Tatsache.

Für all das verschwenden wir eine Milliarde Rubel im Jahr. Das ist eine gewaltige Summe. Und wir müssen noch einmal detailliert berechnen, wie teuer uns gerade jetzt Afghanistan zu stehen kommt. Nikolai Iwanowitsch (Premier Ryschkow) hat keine Angaben darüber. Aber die USA gehen davon aus, dass uns der Krieg zwei Milliarden im Jahr kostet, die Japaner sprechen von drei Milliarden."

Staatsoberhaupt Andrej Gromyko

"Wir müssen alles dafür tun, dass wir wegkommen. Aber was wird mit (Afghanistans Präsident) Nadschibullah? Ich glaube nicht, dass die Afghanistan-Frage in Islamabad gelöst wird. Sie wird in Washington gelöst. Wir müssen das vertrauliche Gespräch mit den Amerikanern über die Durand-Linie suchen (die umstrittene Grenzlinie zwischen Afghanistan und Pakistan). Zu Indien dürfen die Kontakte nicht abreißen. Mit China werden wir hier kaum etwas erreichen."

Ministerpräsident Nicolai Ryschkow

"Eduard Amwrossijewitsch (Schewardnadse) liefert uns ein realistisches Bild. Die früheren Informationen waren nicht objektiv. Wir müssen daran festhalten, innerhalb von zwei Jahren von dort abzuziehen. Lieber mit Geld zahlen, mit Kerosin, aber nicht mit dem Leben unserer Leute. Das Volk versteht nicht, was wir dort machen. Warum wir dort schon sieben Jahre sitzen. Besser wir geben Waffen und Munition ab. Sollen sie selbst kämpfen, wenn sie wollen."

Verteidigungsminister Marschall Sergej Sokolow

"Die militärische Lage hat sich verschlechtert. Unsere Garnisonen werden jetzt doppelt so oft beschossen, im wesentlichen aus den Kischlaks (Dörfern). Militärisch ist solch ein Krieg nicht zu gewinnen. Die afghanische Armee kostet uns 3,5 Milliarden Rubel. Und noch einmal anderthalb in diesem Jahr. Die 40. Armee hat 1986 schon 1280 Mann verloren. Und wir müssen das mit der Wirtschaftshilfe klären. Bitten sie uns doch um dreimal mehr, als sie wirklich brauchen. 1981 haben wir für 100 Millionen Hilfe ohne Gegenforderung geleistet. Und alles ist oben in der Spitze hängen geblieben. In den Kischlaks dagegen gibt es weder Kerosin, noch Streichhölzer, einfach nichts."

Walentin Warennikow (Chef der Afghanistan-Abteilung im Verteidigungsministerium)

"Wir verlieren doppelt so viele Flugzeuge. Von 440 Aufklärungstrupps wurden 280 vernichtet. Die sowjetischen Waffenlieferungen belaufen sich auf mehr als eine Milliarde Rubel im Jahr. Aber der Zustand der afghanischen Armee erlaubt ihnen keine selbständigen Aktionen. Jeden Monat desertieren bis zu 1000 Mann, darunter auch Offiziere. Zur anderen Seite laufen Gruppen bis zu Bataillonsstärke über."

Michail Gorbatschow

"Wenn wir jetzt unruhig werden und alles übereilen, wird das Regime sofort stürzen. Die afghanischen Kader sind bereits in Panik. Nadschibullah hat sogar gesagt, Gorbatschow habe versprochen, weitere 500.000 Mann nach Afghanistan zu schicken. Das war natürlich Bluff, eine Reaktion Nadschibullahs auf diese Panik.

Nadschibullah ist nicht so einfach, wie wir ihn uns vorgestellt haben. Er hat Kontakte weit in verschiedene Kreise hinein, und mitunter wissen wir gar nichts davon, das heißt: Er agiert in afghanischer Manier.

Wir dürfen Amerika aus einer Vereinbarung nicht ausschließen, ja müssen vielleicht sogar einen Deal mit den Amerikanern machen. Und Pakistan muss man zu verstehen geben, dass es um die Sowjetunion nicht herumkommt. Vielleicht sollten wir (Pakistans Präsidenten) Zia ul-Haq nach Taschkent zu einem Treffen mit mir einladen und ihm sogar etwas "zahlen"? Wir brauchen Flexibilität und Wendigkeit. Die Verhandlungen dürfen nicht scheitern. Vielleicht müssen wir noch Zugeständnisse machen, was die Fristen des Abzugs betrifft."


"Ende einer Supermacht. Der Putsch gegen Gorbatschow vor 20 Jahren", Freitag, 19. August, 20.15 Uhr, 3sat



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Brand-Redner 15.12.2018
1. Lernresistenz
Zitat von sysopBloß raus da: So lautet das Fazit*der sowjetischen*Führung nach sieben Jahren Afghanistan-Krieg. Teile der Protokolle ihrer Debatten aus den achtziger Jahren sind jetzt erstmals zugänglich. Die Entscheidung zum Rückzug traf schließlich Michail Gorbatschow. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,778634,00.html
Hochinteréssante Einblicke, größtenteils von nahezu beängstigender Aktualität! Aber was nützt eine solche Publikation, wenn heutige Regierende nichts draus lernen und statt dessen immer wieder Soldaten dorthin schicken?
JanSouth 15.12.2018
2. ah ja
Zitat von Brand-RednerHochinteréssante Einblicke, größtenteils von nahezu beängstigender Aktualität! Aber was nützt eine solche Publikation, wenn heutige Regierende nichts draus lernen und statt dessen immer wieder Soldaten dorthin schicken?
Eher vergleichbar für Leute, die sich nicht allzu viel mit Afghanistan (aktuell) beschäftigt haben.
salve, 09.08.2011
3. sysop-Zensur bestanden
Irreführende Überschrift: man denkt es ist die sowjetische Armee gemeint, oder? Darüber hinaus: Interessant, aber im Kern nicht überaschendes. Über die Verhältnisse und Mentalitäten der Afghanen predigt Peter Scholl-Latout doch schon seit Jahren. Kleiner Tip: Artikel abspeichern, 20 Jahre warten und mit den dann veröffentlichten Protokollen des Oval Office von 2010/11 vergleichen, ablachen usw., usf...
duk2500 09.08.2011
4. äußerst aktuell...
Schon interessant, diese Parallelitäten. Allerdings kämpften die afghanischen Kommunisten und die Sowjetarmee gegen die Mudjaheddin UND eine Supermacht, die NATO kämpft nur gegen die Mudjaheddin und steht auf ebenso verlorenem Posten. Auch ohne weitere Unterstützung nach dem Abzug der Sowjetunion hat sich Nadjbullah gegen die weiter von den USA unterstützten Islamisten erstaunlich lange gehalten. Das ginge nicht ohne Unterstützung durch eine Teil der Bevölkerung, die nach der Machtergreifung der islamistischen Opposition dann massakriert oder ins Exil gerieben wurden. Die städtischen und modern denkenden Afghanen setzten damals auf den Sozialismus als Gegengewicht zur rückständigen, islamischen Religiosität der Mullahs und der analphabetischen Landbevölkerung. Ohne die Intervention der USA und bei mehr Einigkeit der beiden sozialistischen Fraktionen Parcham und Khalq hätten sie diesen Krieg gewonnen, Afganistan wäre heute zwar immer noch autoritär regiert, aber so friedlich und modern wie etwa Uzbekistan oder Tadjikistan.
fort-perfect 15.12.2018
5. Womit wohl wieder mal
bewiesen wäre, dass Politik und Militär aus der Geschichte nichts lernen wollen. Auszüge dieser Protokolle entsprechen wohl den momentanen Zuständen in Afghanistan. Das erinnert mich alles an die fixe Idee der Nazis, als sie Russland erobern wollten. 140 Jahre vorher hatte Napoleon diese Nummer schon einmal probiert und war kläglich gescheitert. Dabei hätten die Nazis nur mal Clausewitz lesen und verstehen müssen.... Auch die Amerikaner (Alliierten) werden in absehbarer Zeit aus Afghanistan abziehen ohne auch nur ein Ziel erreicht zu haben. Im Gegenteil, die Region ist noch instabiler als vorher und die Amerikaner haben nicht einmal mehr Geld um ihre drängendsten Ausgaben zu finanzieren....
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