Afghanistan: Rotes Kreuz bildet Taliban in Erster Hilfe aus

Von Yassin Musharbash

Die Hilfsorganisation sieht es als Teil ihres Mandats: Allein im April hat das Rote Kreuz Dutzende Taliban-Kämpfer in Erster Hilfe ausgebildet und mit entsprechender Ausrüstung versorgt. Deutsche Politiker und die Nato finden das sinnvoll - Unmut regt sich in der afghanischen Regierung.

Rotes Kreuz in Kabul: Schnellkurse in Schlachtfeld-Chirurgie Zur Großansicht
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Rotes Kreuz in Kabul: Schnellkurse in Schlachtfeld-Chirurgie

Berlin - Taliban-Kämpfer, die von Mitarbeitern des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Erster Hilfe ausgebildet werden: Das ist wohl kaum, was Spender vor Augen haben, wenn sie an Weihnachten ein paar Euro an die einzige Hilfsorganisation der Welt überweisen, die dreimal den Friedensnobelpreis erhielt.

Und doch: Allein im April, das bestätigte ein IKRK-Sprecher SPIEGEL ONLINE, schulte die Nichtregierungsorganisation mehr als 70 Angehörige der bewaffneten Opposition in Afghanistan und versorgte sie zum Teil auch mit entsprechender Ausrüstung. In den vergangenen Monaten gab es zudem bereits mehrere ähnliche Ausbildungsrunden.

"Das ist einfach ein Teil unseres Mandats", sagt IKRK-Sprecher Christian Cardon. "Als Hüter des internationalen humanitären Völkerrechts streben wir danach, allen Menschen in bewaffneten Konflikten zu helfen." Wer an solchen Konflikten teilnimmt, so Cardon, sollte sich mit Erster Hilfe auskennen. Die Versorgung Verwundeter sei schließlich Grundidee der IKRK-Gründung.

Schnellkurse in Schlachtfeld-Chirurgie

Seine Organisation macht denn auch kein Geheimnis aus der Aktion: Auf der Website des IKRK wird sie beschrieben und unter anderem damit begründet, dass die medizinische Versorgung in Teilen Afghanistan völlig am Boden liegt. "Oft fehlt es schon an der Notfallversorgung, von fortgeschrittener Schlachtfeld-Chirurgie ganz zu schweigen", heißt es dort. Außer Taliban-Kämpfern und anderen Mitgliedern der "bewaffneten Opposition" schulte das IKRK daher auch Zivilisten und Angehörige der afghanischen Sicherheitsbehörden sowie Taxifahrer, da Taxis oftmals den Ersatz für Ambulanzen bilden. Ärzte bildete das IKRK in Kurzlehrgängen in Grundzügen der Schlachtfeld-Chirurgie weiter.

Das IKRK, so Sprecher Cardon weiter, sei grundsätzlich unparteiisch und neutral. Es sei wichtig, dass sich jeweils alle Konfliktparteien vom IKRK gleich behandelt fühlen. Nur so gelinge es der Organisation, regelmäßig Zugang zu Orten zu erhalten, die anderen versperrt blieben - etwa zu Kriegsgefangenen, Verschleppten oder dem US-Gefangenlager Guantanamo Bay.

Deutsche Politiker unterstützen das Vorgehen des IKRK - obwohl die Taliban im Afghanistan-Krieg Gegner der Bundeswehr sind. "So eine Nachricht irritiert vielleicht auf den ersten Blick", sagt Gernot Erler, Fraktionsvize der SPD. "Faktisch aber wird jede Erste-Hilfe-Ausbildung immer Opfern helfen - Kämpfern wie Zivilisten -, nicht jedoch in bewaffneten Konflikten den Ausschlag geben. Und schließlich ist es in Afghanistan die Strategie der Kabuler Regierung und der Internationalen Gemeinschaft, aus den Taliban-Kombattanten von heute regierungstreue Bürger von morgen zu machen."

"Wenn wir das IKRK erhalten wollen, müssen wir das hinnehmen"

Die sicherheitspolitische Sprecherin der FDP, Elke Hoff, sieht es ähnlich: "Ich finde das Vorgehen des IKRK richtig und wichtig, damit der Kontakt zu den Menschen in den umkämpften Gebieten Afghanistans nicht völlig abbricht. Der Zugang zu schwierigen Regionen muss erhalten bleiben, damit möglichst viele Menschen dort medizinische Hilfe erhalten können." Ihr Fraktionskollege Rainer Stinner, zuständig für Verteidigungspolitik, meint: "Wenn wir das IKRK erhalten wollen, müssen wir das hinnehmen."

Auch die Grünen sehen keinen Skandal. "Grundprinzip der Arbeit des Internationalen Roten Kreuzes ist die Neutralität", sagt der verteidigungspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion, Omid Nouripour. "Dazu gehört, dass das Rote Kreuz Menschen unabhängig davon, auf welcher Seite sie stehen, in Erster Hilfe ausbildet und ihnen Ersthelfer- und Notfallausrüstung übergibt." Es bleibe aber zu hoffen, dass "diese Geste dazu führt, dass die Taliban beginnen, die Neutralität des Roten Kreuzes und des Sanitätspersonals zu respektieren, anstatt sie zu beschießen".

Dem britischen "Guardian" zufolge kritisiert nicht einmal die Nato die Ausbildung von Taliban-Kämpfern in Erster Hilfe: "Die Nato hat größten Respekt vor der humanitären Arbeit des IKRK", zitiert das Blatt einen Nato-Sprecher. "Wir erkennen an, dass diese Arbeit unparteiisch ausgeübt werden muss." Auch Nato-Soldaten würden jeden Verwundeten behandeln, der zu ihnen gebracht wird - "unsere Gegner eingeschlossen".

Widerstand in Kabuler Ministerien

Widerstand scheint sich bisher einzig in afghanischen Regierungskreisen zu regen. Die Taliban seien "wie Tiere", sie verdienten es nicht, "wie Menschen behandelt zu werden", sagte laut "Guardian" ein nicht namentlich genanntes hochrangiges Mitglied der Lokalregierung in der Provinz Kandahar.

Das Verteidigungs- und das Innenministerium in Kabul wollten sich laut "Guardian" lieber nicht äußern. Sie beschrieben die Angelegenheit lediglich als "kontrovers".

Andererseits macht die Ausbildung der Taliban als Ersthelfer nur einen Bruchteil der Operationen des IKRK in Afghanistan aus. Wesentlich mehr Ressourcen flossen im April etwa in Projekte wie Wasseraufbereitung, Gefangenenbetreuung, Versorgung mit Lebensmitteln und Anpassen von Prothesen. "Wir helfen in bewaffneten Konflikten immer allen Seiten", sagt IKRK-Sprecher Cardon. "Das ist das Ziel unsere Mission."

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1. -
Willie 26.05.2010
Zitat von sysopDie Hilfsorganisation sieht es als Teil ihres Mandats: Allein im April hat das Rote Kreuz Dutzende Taliban-Kämpfer in Erster Hilfe ausgebildet und mit entsprechender Ausrüstung versorgt. Deutsche Politiker und die Nato finden das sinnvoll - Unmut regt sich in der afghanischen Regierung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,696866,00.html
Das Rote Kreuz hat das Recht dazu und von seinem Selbstverstaendnis her auch die Pflicht dazu. Von den caritativen Aspekten her laesst sich natuerlich nichts dagegen sagen. Ich kann mir aber vorstellen, dass der eine oder andere seine persoenlichen Spenden dann schon bei anderen Organisationen eine hoehere Prioritaet einraeumt. Auch das Recht hat ja jeder Einzelne.
2. Das wird immer interessanter in Afghanistan!
Viva24 26.05.2010
Die Hilfsorganisation sieht es als Teil Ihres Mandates?. So sehen es auch die Taliban. Ihr Land das zum Teil von fremden Truppen besetzt ist. Da es wenig Potential hat, werden wir bald pleite sein und die Taliban nehmen wieder Ihr Land in Ansprch. Ist ja auch Ihres, zumindest leben Sie dort!
3. Kernaufgaben
Bloomberg76 26.05.2010
Die Versorgung von verwundeten auf Schlachtfeldern ohne Ansehen von Person und Partei war der Grund für die Gründung des IKRK. Henri Dunant wollte dass ein Verwundeter auf dem Schlachtfeld in erster Linie als Mensch und nicht als Konfliktpartei behandelt wird. Duktus und Ton dieses Artikels (de Facto ein Abklatsch des entsprechenden Guardian Artikels von gestern, lediglich ergänzt um Zitate von deutschen Politikern) halte ich für gefährlich und unwürdig. Wenn ich Geld an das DRK spende (von dem evtl. ein kleiner Teil indirekt an das IKRK geht, dann ist das genau das was ich mir wünsche). In diesen Zeiten brauchen wir mehr IKRK und nicht weniger!
4. RK staerkt die Kampfkraft der Gegner in Afgh.
notty 26.05.2010
Zitat von sysopDie Hilfsorganisation sieht es als Teil ihres Mandats: Allein im April hat das Rote Kreuz Dutzende Taliban-Kämpfer in Erster Hilfe ausgebildet und mit entsprechender Ausrüstung versorgt. Deutsche Politiker und die Nato finden das sinnvoll - Unmut regt sich in der afghanischen Regierung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,696866,00.html
[QUOTE=sysop;5573864]Die Hilfsorganisation sieht es als Teil ihres Mandats: Allein im April hat das Rote Kreuz Dutzende Taliban-Kämpfer in Erster Hilfe ausgebildet und mit entsprechender Ausrüstung versorgt. Deutsche Politiker und die Nato finden das sinnvoll - Unmut regt sich in der afghanischen Regierung. Weswegen sind die Nato-Truppen in Afgh.?? Angeblich, um Terroristen, Talibane und andere Menschenveraechter auszuschalten. Das RK mit seiner Betreuung erhoeht also die Kampfkraft eben dieser Gruppen. Ich haette noch Verstaendnis, wenn der Rote Halbmond so etwas machen wuerde, aber eine westliche Organisation, die letztendlich dem Gegner nuetzt, zeigt wieder einmal wie westliche Polit-Hirne funktionieren. Waehrend es im Westen beim Buerger Kopfschuetteln hervorruft, schliesst der generische Kreis auf fortschreitende westliche Dekadenz....
5. Welche Haltung...
olicrom 26.05.2010
... will der Autor denn gegen diese Praxis des RK provozieren? Taliban sollen keine erste Hilfe leisten können? Weil sie dann keinen Krieg mehr führen? Weil sie verwundeten dann lieber gleich erschießen? Dann solls ihnen wenigstens jemand anders beibringen? Ja wer denn? Die Nato?
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Seit 2001 führt der Westen Krieg in Afghanistan. Doch das Land ist weder politisch stabil, noch wird es ordentlich regiert. Bei Politikern und in der Bevölkerung in Deutschland wachsen die Zweifel an der Mission. Es gibt gute Gründe für die Fortführung des Krieges, es gibt aber auch gute Gründe für den Rückzug der Bundeswehr.

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Fotostrecke
Attacken der Taliban: Symbolische Erfolge gegen die Nato

Fläche: 652.225 km²

Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staatsoberhaupt:
Ashraf Ghani Ahmadsai

Regierungschef: Abdullah Abdullah

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Karzai und Afghanistan
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Hamid Karzai
AFP
Hamid Karzai ist der derzeit amtierende Präsident Afghanistans. Nach der ersten Phase des Afghanistan-Kriegs hatten ihn die USA und die Uno auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 als Regierungschef einer afghanischen Interimsregierung durchgesetzt. Die Loya Jirga wählte Karzai 2002 zum Präsidenten einer Übergangsregierung, und nach Verabschiedung einer neuen Verfassung bestimmten ihn die Afghanen 2005 in direkter Wahl zu ihrem Präsidenten. Durch den Einfluss der Warlords blieb Karzais Macht jedoch beschränkt. Zuletzt verlor er auch die Unterstützung der USA.

Hamid Karzai wurde 1957 in Kandahar geboren. Er gehört dem mächtigen Paschtunen-Stamm der Popalzai an, der mehrere afghanische Könige hervorbrachte. Karzai studierte in Indien und hielt sich immer wieder in den USA auf. Zusammen mit den Mudschahidin kämpfte er in den achtziger Jahren gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans . Aus dem Exil in Pakistan unterstützte Karzai die Taliban zunächst, wandte sich dann aber gegen das Regime, dem auch die Ermordung seines Vaters zugeschrieben wird. Nach Beginn der amerikanischen Militäraktion in Afghanistan kehrte Karazi 2001 in seine Heimat zurück und stellte sich an die Spitze der Anti-Taliban-Bewegung in der Region Kandahar.

Präsidentschaftswahlen
dpa
Am 30. August 2009 wählten die Afghanen ihren neuen Präsidenten. Doch es kam zu massiven Fälschungen, insbesondere zugunsten Karzais. Die Auszählungsergebnisse in 210 Wahllokalen wurden anschließend für ungültig erklärt. Karzai, der sich zuvor als Sieger gesehen hatte, verfehlte nach dem um manipulierte Stimmen bereinigten Endergebnis die absolute Mehrheit: Er erreichte nur 49,67 Prozent der Stimmen.

Eine Stichwahl zwischen Karzai und Ex-Außenminister Abdullah Abdullah sollte die Entscheidung bringen. Doch der Herausforderer zog seine Kandidatur zurück mit der Begründung, es könne wie im ersten Durchgang erneut zu Unregelmäßigkeiten kommen. Die afghanische Wahlkommission rief Karzai daraufhin erneut zum Präsidenten aus.

Isaf-Einsatz
DDP
Nach Beginn des Afghanistan-Kriegs 2001 und dem Sturz der radikal-islamischen Taliban beschloss der Uno-Sicherheitsrat , eine internationale Schutztruppe im Land ( Isaf ) einzusetzen. Sie soll den Wiederaufbau Afghanistans zu einer Demokratie absichern, auch indem sie zivile Wiederaufbauteams (PRTs) schützt, von denen derzeit 26 tätig sind.

Der Einsatz war zunächst auf die Hauptstadt Kabul und deren Umgebung beschränkt und wurde bis 2006 auf das ganze Land ausgeweitet. Seit 2003 führt die Nato die Isaf. Derzeit gehören ihr mehr als 119.000 Soldaten aus 46 Nationen an, darunter auch aus Nicht-Nato-Staaten wie Australien und Neuseeland.
Deutschland übernahm 2006 das Isaf-Kommando für den Norden Afghanistans. 2007 bestellte die Bundeswehr sechs Aufklärungsflugzeuge vom Typ Tornado ab, die Luftbilder aus ganz Afghanistan für Isaf liefern. Die Bundesrepublik stellt derzeit mit mehr als 4000 Soldaten die drittgrößte Truppe nach den USA und Großbritannien.

Probleme in Afghanistan
AFP
Da die Taliban inzwischen wieder an Stärke gewonnen haben, nehmen die militärischen Auseinandersetzungen zu. Besonders hart umkämpft ist der Osten des Landes, wo die meisten US-Soldaten stationiert sind. Die schwer kontrollierbaren Stammesgebiete Pakistans gelten als Rückzugsgebiet und Nachschubbasis der Taliban.

Die Stabilisierung Afghanistans wird durch Korruption, die bis in höchste Regierungskreise verbreitet ist, sowie durch Drogenproduktion und -schmuggel erschwert.

Opium-Wirtschaft
REUTERS
Obgleich die afghanische Übergangsregierung unter Karzai im Januar 2002 den Schlafmohnanbau verboten hat, ist der Drogenanbau rasch wieder zum dominierenden Wirtschaftszweig Afghanistans geworden. Das Land ist der weltweit größte Produzent von Rohopium .

Mit Einnahmen aus dem Drogenschmuggel finanzieren die Taliban ihren Kampf gegen Karzais Regierung und die ausländischen Truppen. Die Bekämpfung ist problematisch, weil viele Menschen von dem Handel leben. Isaf -Soldaten sind inzwischen befugt, gegen Drogenhändler vorzugehen und Laboratorien zu zerstören, in denen Schlafmohn zu Opium verarbeitet wird.

Afghanistan-Krieg
REUTERS
Der Afghanistan-Krieg der USA und ihrer Verbündeten war die erste große militärische Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 . Er richtete sich sowohl gegen das Terrornetzwerk al-Qaida , das für die Anschläge verantwortlich gemacht wird, als auch gegen das seit Mitte der neunziger Jahre in Afghanistan herrschende islamisch-fundamentalistische Taliban -Regime.

Die Taliban wurden bezichtigt, Osama Bin Laden und andere hochrangige Mitglieder von al-Qaida zu unterstützen und zu beherbergen.

Die erste Kriegsphase endete mit dem Fall der Hauptstadt Kabul und der Provinzhauptstädte Kandahar und Kunduz im November und Dezember 2001. Auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 wurde eine Interimsregierung unter Präsident Hamid Karzai eingesetzt und die Einberufung einer verfassunggebenden Loya Jirga beschlossen. Gleichzeitig erteilte der Uno-Sicherheitsrat den Nato-Staaten und mehreren Partnerländern das Isaf -Mandat zur Unterstützung des Wiederaufbaus.