Explosion in Afghanistan Sprengstoff im Tanklaster - was passierte in Kabul?

Die Detonation war kilometerweit zu spüren: In der Nähe der deutschen Botschaft von Kabul hat eine Bombe mindestens 90 Menschen getötet. Wie lief der Anschlag ab? Was war das Ziel? Der Überblick.

REUTERS

"Es fühlte sich an wie ein Erdbeben", sagt ein 21-jähriger Bankangestellter, der bei der Explosion am Kopf verletzt wurde. Die Wucht der Detonation in der afghanischen Hauptstadt Kabul muss massiv gewesen sein. Sie war bis zum gut fünf Kilometer entfernten Flughafen zu spüren, ließ Fenster bersten und riss Türen aus den Angeln. Augenzeugen sprechen von zehn Meter tiefen Kratern rund um den Ort des Attentats.

Die Zahl der Todesopfer ist auch Stunden nach dem Anschlag noch nicht genau zu beziffern: Zuletzt war von 90 Personen die Rede, die durch die Explosion ums Leben kamen. 400 Menschen wurden verletzt - auch Bedienstete der nahe gelegenen deutschen Botschaft sind betroffen, das Gebäude wurde massiv beschädigt.

Was ist inzwischen bekannt, was noch unklar? Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Was wissen wir über den Ablauf?

Ein mit Sprengstoff präparierter Abwassertanklaster wollte am Mittwochmorgen zur Hauptverkehrszeit im Diplomatenviertel in die Straße einbiegen, in der auch die deutsche Botschaft liegt. Dort befinden sich viele Landesvertretungen und Ministerien. Afghanische Sicherheitskräfte hätten dem Fahrzeug den Zugang zur stark bewachten Grünen Zone verwehrt, teilte die Nato in einer Erklärung mit. Daraufhin wurde die Bombe offenbar gezündet. Zuvor hatte es auch Berichte gegeben, dass es sich um eine Bombe in einem Pkw gehandelt habe.

Galt der Anschlag also der deutschen Botschaft?

Die Straße, in der die Bombe gezündet wurde, führt auch zur US-Botschaft und dem Nato-Hauptquartier. Deswegen tun sich Sicherheitsexperten mit Spekulationen über das Ziel schwer.

Klar ist nur: Bedienstete der Botschaft wurden durch herumfliegende Glassplitter verletzt. Ein afghanischer Wachmann, der das Gelände sichern sollte, starb.

Satellitenaufnahme des Stadtteils Wazir Akbar Khan (rot eingefärbt). Dort liegt auch die deutsche Botschaft
DPA/ Google

Satellitenaufnahme des Stadtteils Wazir Akbar Khan (rot eingefärbt). Dort liegt auch die deutsche Botschaft

Wie stark ist das Botschaftsgebäude beschädigt?

Die gesamte Fassade wurde zerstört, auch die dahinter liegenden Büros der Diplomaten sind betroffen. Im Auswärtigen Amt wird deshalb darüber diskutiert, die Botschaft zumindest zeitweise zu schließen. In dem Gebäude kann nicht mehr gearbeitet werden. Zudem ist die Sicherheit kaum noch zu gewährleisten, da die Außenmauer kaputt ist. Vermutlich werden die Diplomaten zunächst am von der Nato gesicherten Hauptquartier am Flughafen untergebracht, einige von ihnen werden auch noch heute Abend ausgeflogen. Auch über Schäden an den Vertretungen von Frankreich, China und der Türkei gab es Berichte.

Wer steckt hinter dem Attentat?

Das ist noch unklar: Die radikal-islamischen Taliban wiesen die Verantwortung für den Anschlag zurück. Man verurteile derartige Angriffe, die Zivilisten töteten, hieß es in einer Erklärung. Die Taliban haben wie der "Islamische Staat" (IS) zuletzt vermehrt Anschläge in Afghanistan verübt. Dort hat die Gewalt seit dem Abzug der meisten internationalen Soldaten Ende 2014 zugenommen. Die Taliban kontrollieren oder beeinflussen mehr als 40 Prozent des Landes, wie aus Schätzungen der USA hervorgeht.

Fotostrecke

12  Bilder
Afghanistan: Bombenanschlag in Kabul

Was bedeutet der Anschlag für die Nato-Mission in Afghanistan?

In den USA wird seit Monaten über eine Aufstockung der Truppen in Afghanistan debattiert. Präsident Donald Trump soll in Kürze über den Vorschlag entscheiden, die etwas mehr als 10.000 Nato-Ausbilder und Antiterroreinheiten um bis zu 5000 Soldaten zu ergänzen. Die Bundesregierung hatte es jüngst abgelehnt, mehr Soldaten in die Region zu senden. Am Hindukusch sind etwa 900 deutsche Soldaten im Einsatz.

Hat das Attentat Einfluss auf die Abschiebungen von afghanischen Flüchtlingen aus Deutschland?

Ja, zumindest kurzfristig: Die Bundesregierung sagte nach SPIEGEL-Informationen einen geplanten Abschiebeflug nach Afghanistan spontan ab. Innenminister Thomas de Maizière unterrichtete Abgeordnete des Bundestags in einer vertraulichen Sitzung des Innenausschusses über seine Entscheidung. Die Bundesregierung hatte vor allem Großstädte wie Kabul als relativ sichere Zonen definiert, in die abgelehnte Asylbewerber zurückgebracht werden können.

Die Opposition fordert dagegen einen generellen Abschiebestopp. Es sei "unmenschlich", Afghanistan immer noch als sicher einzustufen "und weiterhin dorthin abzuschieben", sagte Linken-Parteichefin Katja Kipping.

mgb/mho/Reuters



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.