Afghanistan Spionageverdacht gegen britischen Top-Militärdolmetscher

Eine Spionageaffäre erschüttert die britische Armee und die Nato: Der Dolmetscher des Isaf-Oberkommandierenden in Afghanistan, David Richards, soll geheime Informationen an Iran verraten haben. Der Übersetzer wurde in London festgenommen.


London - Die Geheimniskrämerei der britischen Justiz deutet auf einen Fall von enormer Tragweite hin: Auf keiner offiziellen Tagesordnung des Londoner Magistrates' Court tauchte die Verhandlung auf. Und als der Mann im grünen Anorak und weißen T-Shirt gestern im Gerichtssaal erschien, schickten die Richter die anwesenden Journalisten und Zuhörer schon nach wenigen Minuten nach draußen. "Yes, Sir", waren die einzigen öffentlichen Worte, die Daniel James zuvor zur Bestätigung seines Namens von sich gegeben hatte. Nicht ein weiteres biografisches Detail wurde zunächst bekannt, wohl aber der schwer wiegende Vorwurf: Die Staatsanwaltschaft beschuldigt James, geheime Informationen weitergegeben zu haben, "die direkt oder indirekt dem Feind nützen". Er habe so die nationale Sicherheit gefährdet, heißt es in der Anklageschrift weiter.

Nah dran am Oberkommandierenden: Übersetzer Daniel James mit Isaf-Chef David Richards
REUTERS

Nah dran am Oberkommandierenden: Übersetzer Daniel James mit Isaf-Chef David Richards

"Daily Telegraph" und "The Times" berichten heute, dass es sich bei dem Angeklagten um einen Corporal der britischen Armee handelt, der in Afghanistan als Dolmetscher für den britischen Kommandeur der Nato-geführten internationalen Schutztruppe, David Richards, arbeitete. Der 44-jährige James soll vertrauliche Informationen über die britischen Militäraktivitäten in Afghanistan an Iran verraten haben. Konkret gehe es um einen Vorfall am 2. November dieses Jahres. Die Islamische Republik Iran grenzt im Westen an Afghanistan und hat deswegen ein strategisches Interesse an den Entwicklungen im Nachbarland.

James ist den Berichten zufolge iranischer Abstammung und spricht fließend Paschtu, die Sprache der meisten Afghanen. Diese Fähigkeit mache ihn für die britische Armee besonders wertvoll. In einem Interview mit einem Militärmagazin hatte James zuletzt gesagt: "Neun von zehn Afghanen behandeln mich, als wäre ich einer von ihnen, und helfen mir mit so vielen Informationen wie möglich, wenn ich ihre Sprache spreche."

James wurde nach einer Untersuchung der britischen Spionageabwehr am Dienstag in Großbritannien verhaftet. Die Vorwürfe wiegen offenbar derart schwer, dass ein Verfahren gegen James eingeleitet wurde, ohne die sonst notwendige Erlaubnis durch den Generalstaatsanwalt abzuwarten. Die soll nun nachträglich eingeholt werden.

Sollte sich der Verdacht erhärten, wäre es dem "Daily Telegraph" zufolge seit fast 23 Jahren der erste Spionagefall unter dem sogenannten "Official Secrets Act", nach dem der Verrat von Amtsgeheimnissen mit mindestens drei Jahren Haft bestraft wird. Zuletzt landete demnach 1984 ein Offizier des britischen Geheimdienstes MI5 im Gefängnis, weil er vertrauliche Informationen an die Sowjetunion weitergab.

Das Gericht tagte gestern für etwa eine Stunde unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Im Anschluss verteidigte der Richter die geschlossene Sitzung unter Hinweis auf "die Gefahr für die nationale Sicherheit". James wurde in Untersuchungshaft genommen. Ermittler untersuchen den Berichten zufolge derzeit seine Computer und seinen E-Mail-Verkehr.

Isaf-Chef Richards hat in Afghanistan den Oberbefehl über 32.000 Soldaten aus 37 Ländern und steht in ständigem Kontakt mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai. Dolmetscher hätten zwar keinen offiziellen Zugang zu Dokumenten, dennoch bekämen sie zahlreiche sensible Informationen mit, schrieb der "Telegraph" unter Berufung auf Armeekreise. "Ein Dolmetscher ist in der Lage, streng vertrauliche, verschlüsselte Telefongespräche mitzuhören, und ist natürlich in unheimlich viele Informationen eingeweiht", zitiert das Blatt einen hochrangigen Militär. "Er weiß in vieler Hinsicht wahrscheinlich mehr als die meisten Stabsoffiziere."

phw



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