Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Afghanistan-Strategie: USA loben Deutsche und fordern mehr Einsatz

Öffentlich gab es viele freundliche Worte, doch hinter den Kulissen wurde hart gerungen. Bei ihrer Tagung in Sevilla stritten die Nato-Verteidigungsminister heftig über die künftige Strategie in Afghanistan: Vor allem die Deutschen widersetzten sich der Forderung, mehr Truppen zu schicken.

Sevilla - Der Streit zwischen den Bündnis-Partnern entzündet sich an einer Fragen: Zeigen alle Verbündeten genügend militärischen Einsatz in der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (Isaf)? Für die geplante Frühjahrsoffensive der Alliierten braucht Nato-Oberkommandeurs Bantz Craddock dringend Verstärkung.

Wo soll es hingehen: Die Verteidigungsminister der Nato streiten über den Kurs in Afghanistan
REUTERS

Wo soll es hingehen: Die Verteidigungsminister der Nato streiten über den Kurs in Afghanistan

Vor allem Amerikaner und Briten fordern mehr Truppen von den Europäern. Unterstützt werden sie neben Craddock und Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer. "Die Zeit ist gekommen, das militärisch Nötige zu tun", befand der neue US-Verteidigungsminister Robert Gates bei seinem ersten Auftritt in einer Nato-Ministerrunde. Und Craddock präzisierte: Wenn schon die USA etwa 3000 zusätzliche Soldaten schaffen (durch Verlängerung der Einsatzdauer), dann sollten auch die Europäer 1500 bis 2000 zusätzliche Soldaten schicken.

"Ich bin optimistisch, dass die Frühjahrsoffensive zu unseren Gunsten ausgeht", sagte Gates nach der ersten Gesprächsrunde am Abend. Alle 26 Bündnispartner hätten übereingestimmt, "dass wir in diesem Jahr zurückschlagen und die Situation voll unter unsere Kontrolle bringen." Das Jahr 2007 sei für Afghanistan entscheidend.

Er lobte das Engagement der Deutschen innerhalb der Afghanistan-Schutztruppe: "Sie machen einen guten Job, und wir begrüßen ihre Zusage von sechs Tornados."

Auch abseits der Konferenz in Sevilla hagelte es heute Kritik am Engagement der Deutschen und Franzosen. Der einflussreiche US-Abgeordnete Tom Lantos kritisierte das Engagement beider Staaten in Afghanistan. "Diese Europäer haben eine Menge Entschuldigungen geliefert, warum sie nicht ausreichend Truppen nach Afghanistan senden, mit diesen Entschuldigungen muss nun Schluss sein", sagte der Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses des Repräsentantenhauses.

Die Bereitschaft der europäischen Verbündeten, den immer drängenderen Rufen aus Brüssel und Washington zu folgen, ist jedoch gering. Italien erwägt sogar einen Abzug seiner rund 2000 Soldaten aus Kabul und dem heftig umkämpften Osten des Landes. Lediglich Großbritannien und Polen hatten zuletzt eine Aufstockung ihrer Truppen angekündigt.

"100.000 russische Soldaten haben dort nicht gewonnen"

Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung sprach sich heute erneut gegen eine Aufstockung aus. "Ich denke, dass es darum geht, nicht immer mehr über militärische Mittel zu sprechen, sondern dass wir Sicherheit und Wiederaufbau miteinander verzahnen." Als Negativ-Beispiel habe er die Russen vor Augen, die 1989 nach einem Jahrzehnt erfolgloser Kämpfe abzogen: "Als die Russen in Afghanistan waren, hatten sie 100.000 Soldaten dort und haben den Prozess nicht gewonnen."

Vorschläge, die schnelle Eingreiftruppe der Nato nach Afghanistan zu schicken, lehnt Jung ab. Sie sei für akute "Krisen- und Konfliktbeseitigung" konzipiert. "Ich denke, dabei sollten wir auch bleiben." Auch Frankreich lehnt den Einsatz der NRF in Afghanistan ab.

Zur Sicherheit der Zivilbevölkerung wie auch der ausländischen Soldaten werde die Bereitstellung von Bundeswehr-Aufklärungsflugzeugen beitragen, betonte Jung. Die Bundesregierung hatte sich gestern dafür ausgesprochen, sechs sogenannte Recce-Tornados und mindestens weitere 300 Soldaten nach Afghanistan zu entsenden. Der Bundestag muss dem allerdings noch zustimmen.

Der dänische Ressortchef Sören Gade warnte dagegen vor einem Scheitern der Isaf-Schutztruppe, wenn diese nicht verstärkt werde. Auch in anderen Nato-Staaten gibt es Überlegungen, die rund 20.000 Mann starke NRF als eine Art Reserve für die Isaf zu nutzen. Die "Nato Response Force" war 2003 gegründet worden und wird alle sechs Monate neu aus unterschiedlichen Einheiten zusammengesetzt.

Die internationale Afghanistan-Schutztruppe ist seit Januar zwar auf rund 35.500 gewachsen, dies aber nur vorübergehend: Die USA haben die Ablösung eines ihrer Bataillone um vier Monate verzögert. US-General Craddock hat sich bereits vor zwei Wochen für eine Frühjahrsoffensive der Isaf ausgesprochen.

ler/dpa/AFP

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: