Afghanistan-Strategie USA suchen Kontakt zu den Taliban

Acht Jahre lang bekämpften die USA die Taliban in Afghanistan - erfolglos. Jetzt suchen sie das Gespräch mit ihnen: Einem arabischen Zeitungsbericht zufolge gab es sogar erste direkte Kontakte. Die Annäherung ist offensichtlich Teil der neuen amerikanischen Strategie am Hindukusch.

Taliban in Afghanistan: Gibt es auch moderate Gotteskrieger?
REUTERS

Taliban in Afghanistan: Gibt es auch moderate Gotteskrieger?

Von , Islamabad


Islamabad - Als Barack Obama im Frühjahr erstmals das Bild vom "guten Taliban" zeichnete, der sich an Gesprächszusagen hält und verlässlich der Gewalt abschwört, wenn man nur mit ihm redet und ihm Zugeständnisse macht, wurde der US-Präsident weltweit kritisiert. Moderate Gotteskrieger? Wie soll man sich die bitteschön vorstellen? Und mit wem genau soll man verhandeln? Doch nicht mit Mullah Omar, dem bislang als Top-Terroristen gejagten Taliban-Chef? Aber wenn nicht mit ihm, mit wem dann?

Aller Kritik zum Trotz hat Obama an seiner Linie festgehalten. Der Westen müsse "Leuten die Hand reichen, die wir als Fundamentalisten einschätzen", lautet seine Lehre aus dem Irak, die er jetzt in Afghanistan anwendet. Der US-Sonderbotschafter für Afghanistan und Pakistan, Richard Holbrooke, bestätigte am Dienstag in Washington, dass Saudi-Arabien einen Dialog mit Vertretern der afghanischen Taliban initiiert habe. Washington werde jede saudische Initiative in diese Richtung unterstützen, erklärte Holbrooke. SPIEGEL ONLINE erfuhr aus US-Diplomatenkreisen, dass auch pakistanische Bemühungen unterstützt werden, mit den Taliban zu reden, um sie in eine künftige Machtstruktur Afghanistans einzubinden.

Die pakistanische Zeitung "Dawn" zitierte US-Außenministerin Hillary Clinton mit den Worten, die USA seien auch offen für Gespräche zwischen der afghanischen Regierung von Hamid Karzai und "Elementen der Taliban". Es sei bekannt, dass Karzai König Abdullah gebeten habe, hier eine stärkere Rolle zu spielen, erklärte nun auch Holbrooke. "Ich war in Riad, ich habe selbst mit den Saudis, mit König Abdullah darüber gesprochen", sagte er. Die USA hätten eine grundsätzlich positive Einstellung gegenüber den saudischen Bemühungen, Kontakte zu den Taliban herzustellen.

Den Taliban die Herrschaft über einige Provinzen angeboten?

Die Zeitung "al-Watan" aus Saudi-Arabien berichtete, dass der US-Botschafter in Afghanistan, Karl Eikenberry, sogar persönlich in Kabul mit dem früheren Taliban-Außenminister Ahmed Mutawakil gesprochen habe. Der erfahrene Ex-US-General und der Enddreißiger hätten sich darüber ausgetauscht, welche Wege aus dem Krieg möglich seien, heißt es in dem Bericht.

Demnach hat Eikenberry angeboten, Washington werde die Herrschaft der Taliban in einigen afghanischen Provinzen - einschließlich den beiden großen Südprovinzen Kandahar und Helmand - anerkennen, wenn die Taliban im Gegenzug ihre Angriffe auf US-Truppen und Kasernen einstellen. Mutawakil werde nun dieses US-Angebot an Taliban-Chef Mullah Omar weiterleiten, der darüber entscheiden müsse. US-Kreise wollten den Bericht auf Anfrage nicht kommentieren. Mutawakil führt derzeit angeblich Gespräche mit allen westlichen Ländern. Mullah Omar hat seinen Standpunkt bereits deutlich gemacht: Er erklärte, man werde den "bewaffneten Aufstand" fortsetzen und keinen Verhandlungen zustimmen, mit denen die Präsenz der ausländischen Truppen in Afghanistan verlängert werde.

Mehrere pakistanische Zeitungen berichteten jedoch, dass es derzeit mehrere vertrauliche Verhandlungen zwischen saudischen, pakistanischen, aber auch britischen Vertretern mit Taliban-Vertretern aus der mittleren Ebene gebe. Die Araber und die Pakistaner verhandelten auch im Auftrag der USA. Die Zeitungen "Daily Times" und "Dawn" schreiben, Mullah Omar habe seinen "Schattenaußenminister" Agha Motasam beauftragt, für die Taliban zu sprechen.

"Man weiß nie so genau, ob jemand mit al-Qaida zu tun hat"

Ein US-Diplomat sagte SPIEGEL ONLINE, das größte Problem bestehe darin, dass man durch die Gespräche auf keinen Fall jene Taliban amnestieren wolle, die in Verbindung zum Terrornetzwerk al-Qaida stünden. "Man weiß nie so genau, inwieweit jemand auch mit al-Qaida zu tun hat", sagte er. Ähnlich hatte sich auch Holbrooke im SPIEGEL geäußert: So habe Clinton schon im Juli klargestellt, "dass die Mehrheit der Taliban die extremen Ansichten von Mullah Omar gar nicht unterstützt. Für diese Mehrheit gibt es Spielraum genug, sich der afghanischen Gesellschaft und der afghanischen Politik wieder anzuschließen, sofern sie al-Qaida abschwören und sich friedlich reintegrieren. Das ist ein wichtiger Teil unserer Politik". Auch Karzai betonte kürzlich, die afghanische Haltung sei es, nur mit jenen Taliban zu reden, die al-Qaida und dem Terrorismus abgeschworen hätten.

Die Annäherung an die Taliban ist verknüpft mit der Hoffnung, dass der inzwischen acht Jahre andauernde erfolglose Krieg in Afghanistan nun durch Kompromisse gelöst werden kann. Saudi-Arabien, seit Jahren finanzieller - und größtenteils auch ideologischer wie religiöser - Unterstützer der Taliban, bemüht sich schon seit Monaten um eine Einbindung der Radikalen in eine künftige afghanische Regierung. So lud im vergangenen Herbst König Abdullah Vertreter der Regierung in Kabul und Abgesandte der Taliban nach Mekka zu Sondierungsgesprächen. Auch damals saß Ahmed Mutawakil mit am Tisch.

Am Ende stand fest: Kabul verlangt von den Taliban ein Ende der Gewalt, und die Taliban fordern einen kompletten Abzug aller ausländischen Truppen aus Afghanistan. Damals stand ein solcher Abzug nicht zur Debatte. Ein Jahr und viele militärische Misserfolge später passt der Wunsch ganz gut in die Exit-Strategie des Westens.

Forum - Was ist die richtige Strategie für Afghanistan?
insgesamt 5467 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
SaT 08.11.2009
1. abziehen oder ewig weiterkämpfen
Wieso siegen? Da keine Kriegsziele existieren kann man im Grunde weder gewinnen oder verlieren sondern nur abziehen oder ewig weiterkämpfen. Vorschlag: wir erklären uns zum moralischen Sieger und ziehen mehr oder weniger geordnet ab. Dem korrupten Karzeiclan, Warlords und die Drogenbarone unserer Wahl geben wir halt soviel Waffen, dass die das Thema Taliban alleine in den Griff bekommen. Wir überlassen Afghanistan den Afghanen und kümmern uns endlich um unsere eigenen Probleme – davon gibt es genug.
Ökopit 08.11.2009
2. Westlich und Islam ...
Zitat von sysopZweifelhafte Präsidentschaftswahlen, ständig neue Angriffe der Taliban, umstrittene Bombardements - mit welcher Strategie können die westlichen Alliierten in Afghanistan siegen?
... schließt sich naturgegeben aus! Die beste Strategie in Afghanistan wäre ein kompletter (und sofortiger) Rückzug des Westens - nicht nur der Truppen, auch aller zivilen "Möchtegern-Helfer" und natürlich der Krämerseelen! Nur, das geht leider "geostrategisch" nicht, denn wer "die Passhöhen des Hindukusch" beherrscht, kann, wenn er will, ganz Asien beherrschen! Die Engländer haben das im 19. Jahrhundert nicht geschafft, die Sowjetunion ab 1980 auch nicht! Die Ami's und ihre Vasallen (leider gehört Deutschland dazu) versuchen das seit 2001! Ich gönn ihnen den Erfolg nicht!
ewspapst 08.11.2009
3. Nur Siegen?
Zitat von sysopZweifelhafte Präsidentschaftswahlen, ständig neue Angriffe der Taliban, umstrittene Bombardements - mit welcher Strategie können die westlichen Alliierten in Afghanistan siegen?
Hier das Ausgangsthema. Ist der Krieg in Afghanistan noch zu gewinnen? Natürlich ist der Krieg zu gewinnen. Haben Sie sich als Forist hier nicht die vielen Militärexperten, Generalsdoppel, Humanisten und göttergleiche Juristen, ja selbst Philosophen, die alle ein ungemein umfassendes und unbedingt richtiges Wissen mitbringen, angeschaut. Ihr Spezialwissen übertrumpft alle, denn das haben sie uns oft genug gesagt. Und warum sollen wir ihnen nicht glauben? Ihre Erkenntnisse erfüllen uns täglich mit staunen, ob der vielen Darbietungen. Sie alle wissen viel besser als die afghanische Bevölkerung, unter welchen Bedingungen dort gelebt werden soll und muss und bringen uns Unwissende alles haarklein nahe. Es ist doch ganz klar, dass die westliche Intelligenz viel klarer definieren kann, was gut und böse ist und was einem Paschtunen natürlich nicht möglich ist. Wie Wahlen zu werten sind, können doch nur die politisch vorgebildeten Nato - Angehörigen. Die westliche Welt hat über lange Zeit nur nach Recht und Gesetz gehandelt, nur um der Menschlichkeit willen und ist deshalb in der Lage, dieses Wissen und Handeln an die dritte Welt weiterzugeben, die dann ebenso handeln soll, ganz besonders die Afghanen. Haben Sie diesen Worten geglaubt? Natürlich, denn sie werden uns doch täglich ohne Unterbrechung frei Haus geliefert. Dann werden „Sie “ diesen Krieg auch gewinnen, „wir “ Ungläubigen dagegen nicht. Übrigens, warum haben die Russen, die Inder, die Pakistani, die Engländer, wieder die Russen und dann auch die Amerikaner die Kämpfe nicht gewonnen? Die genannten EXPERTEN werden es Ihnen mit vielen Worten und rechtsphilosophischen Erläuterungen sagen.
mark anton, 08.11.2009
4. Ist die Haltung der D Feigheit vor dem Feinde?
oder wie wuerde man es bezeichnen koennen? Auch wenn der Ausgang in Afghanistan wegen der vielseitig unguenstigen und unueberbrueckbaren Problemen negativ ist, haette man als Verbuendeter seine Verpflichtungen nachkommen muessen. Was, wenn D einmal Verbuendete braucht - die Nato koennte dann auch sagen, wir erinnern uns an Kunduz und verhalten uns ebenso.
Stahlengel77, 08.11.2009
5.
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,660064,00.html Na prima. Das US-Militär operiert in dem von der Bundeswehr kontrollierten Bereich zusammen mit afghanischer Miliz. Wir können an fünf Fingern abzählen, was das für unsere Soldaten bedeutet: Weitere Destabilisierung, die Taliban werden mehr Zulauf bekommen und wie das bei den Paschtunen so ist, wird die Blutrache ausgerufen und dann wird nicht mehr unterschieden, welches Nationalitätenzeichen auf einer Uniform prangt. Es steht außer Zweifel, das wir mit vermehrten Anschlägen und Angriffen auf unsere Soldaten rechnen müssen nach der Offensive. Und wenn die von der Bundeswehr besetzte Region durch die US-Militärs so richtig aufgemischt wurde, wird eine Aufstockung des Mandats notwendig sein. Ob es dafür eine Mehrheit im Bundestag gibt, wenn auch endlich offiziell von einem Krieg gesprochen wird, ist fraglich. Am Ende werden unsere Soldaten in Afghanistan alleine gelassen, wenn sie das nicht schon sind. Wenn ich von Soldaten, die aus dem Einsatz kommen, hören muss, das sie sich ihre Ausrüstung immer noch selbst kaufen müssen, das sie unter schwierigsten Bedingungen mit unzureichendem Material ihren Aufgaben nachkommen müssen, das die Bevölkerung ihnen weitgehend feindlich gesonnen ist und sie quasi mitanschauen müssen, wie Warlords unbehelligt ihren Opiumanbau vorantreiben und damit enorme Gewinne erzielen (und dagegen nicht vorgegangen wird), da fragt man sich wirklich: Was haben wir dort überhaupt verloren? Die geplante Pipeline der Amerikaner schützen? Abortmücke am Hintern Chinas spielen? (Es ist längst bekannt, das die Taliban einen guten Teil ihrer Waffen aus China gesponsert bekommen) Noch heute bin ich der Meinung, das Struck, Fischer und Schröder juristisch zur Rechenschaft gezogen gehören, da sie deutsche Soldaten in einen Angriffskrieg der USA geschickt haben. In tausenden von Jahren hat niemand es geschafft, diese Region dauerhaft zu besetzen. Nur Wahnsinnige glauben, man könnte dort einen Krieg gewinnen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.