Afghanistan Taliban geben sich in Kunduz noch nicht geschlagen

Die afghanische Regierung verkündete bereits die Rückeroberung der Stadt Kunduz von den Taliban. Doch Einwohner berichten von neuen Straßenkämpfen, Raketenbeschuss und einer völlig überforderten Armee.

Von und Shoib Najafizada


Nach ersten Erfolgsmeldungen sind im nordafghanischen Kunduz wieder schwere Gefechte zwischen Taliban-Kämpfern und Regierungstruppen ausgebrochen. Am Nachmittag (Ortszeit) gestanden selbst Regierungsvertreter ein, dass eine nächtliche Operation von Hunderten afghanischen Spezialkräften die Taliban keineswegs aus der Stadt vertreiben konnte. Und das, obwohl die Regierungskräfte von US-Beratern und auch durch Luftschläge der US-Luftwaffe unterstützt wurden.

"Der Norden der Stadt ist noch immer unter Taliban-Kontrolle, den Süden haben wir halbwegs", sagte Amruddin Wali SPIEGEL ONLINE per Telefon. Der stellvertretende Provinzratschef war am Morgen kurz in der Stadt, zu dem Zeitpunkt schienen die Taliban verschwunden. Als die Kämpfe in den Straßen von Kunduz jedoch wieder ausbrachen, zog er sich zum halbwegs sicheren Flughafen im Süden der Provinzmetropole zurück.

In der Hauptstadt Kabul räumte Präsident Mohammad Ashraf Ghani ein, dass die Armee noch nicht die Oberhand gewonnen hat. "In Kunduz wird immer noch gekämpft", sagte Ghani, "doch wir haben jetzt mehr Kontrolle als vorher".

Kurz nach Abzug der Armee kamen die Taliban zurück

Einwohner von Kunduz berichteten, dass die Taliban wieder ins Zentrum vorgerückt seien, nachdem sich die straff organisierten und gut ausgebildeten Spezialkräfte zurückgezogen und der normalen Armee das Feld überlassen hätten. "Als die Special Forces nachts in die Stadt einfielen, haben sich die Taliban nur versteckt, dann tauchten sie wieder auf", sagte ein Bewohner. Wie die meisten Augenzeugen bat er aus Angst, seinen Namen nicht zu veröffentlichen.

Fotostrecke

8  Bilder
Nordafghanistan: Der Kampf um Kunduz
In der vergangenen Nacht stießen mehrere Hundert Spezialkräfte bis zum zentralen Kreisverkehr der Stadt vor, dabei sollen bis zu 150 Taliban getötet worden sein. Kurz darauf verbreitete die Regierung, Kunduz sei befreit, die Taliban geschlagen. Illustriert wurden die Meldungen mit Bildern vom Kreisverkehr: Dort rissen im Morgengrauen Soldaten die weiße Taliban-Flagge herunter und hissten das schwarz-rot-grüne Banner der Regierung. Dann aber zogen sich die Elite-Soldaten zum Flughafen zurück.

Nach dem Abzug sollten normale Soldaten und Polizisten Kunduz absichern. Nur für einen kurzen Moment trauten sich die Menschen aus ihren Wohnungen. Schon gut eine Stunde später gab es wieder schwere Gefechte, selbst nahe gerade erst zurückeroberter Regierungsgebäude wie dem Sitz des Gouverneurs.

"Wir sind verloren zwischen den Fronten"

Die Lage eskalierte in den folgenden Stunden. Teilweise in Polizei- oder Armeeuniformen attackierten Gruppen von Taliban-Kämpfern die afghanische Armee und übernahmen in ganzen Stadtteilen wieder die Kontrolle. Die Armee, so jedenfalls erzählten Einwohner, agierte unkoordiniert, nur durch Angriffe von Kampfhubschraubern sei manchmal Ruhe eingekehrt. "Wir sind in einem Gefängnis, in dem auf allen Gängen geschossen wird", sagte ein Einwohner von Kunduz am Telefon.

Für die Zivilbevölkerung ist die Lage noch gefährlicher geworden. Die Grenze zwischen den von den Taliban oder der Regierung kontrollierten Gebieten sei kaum mehr zu erkennen, berichten die Menschen aus der umkämpften Stadt. "Wir sind verloren zwischen den Fronten", sagte einer von ihnen am Telefon. Er berichtete, dass die Versorgungslage in der Stadt immer schwieriger würde, es gebe kaum noch Brot oder andere Nahrung.

Das taktische Vorgehen illustriert erneut die Schwäche der afghanischen Armee, die seit Jahren von Nato-Truppen trainiert und beraten wird. Statt die zentralen Punkte der Stadt mit Spezialkräften zu sichern, brach schnell Chaos aus. "Nach den ersten Kämpfen spielte sich dasselbe ab wie Montag", berichtete ein Familienvater: "Die Soldaten der Regierung sprangen auf ihre Jeeps und rasten zum sicheren Flughafen."

Nato-Truppen agieren weit über ihr Mandat hinaus

Der Kampf um Kunduz wirft zudem die Frage auf, ob die afghanischen Truppen überhaupt ohne fremde Hilfe agieren können. Mehrmals mussten US-Jets in den vergangenen Tagen aus der Luft zu Hilfe eilen. Die Nato-Truppen agieren damit weit über ihr Mandat hinaus - es sieht eigentlich nur die Beratung der Afghanen und den Schutz der eigenen Einheit vor. Nato-Militärs räumen mittlerweile ein, die Grenzen des Einsatzes bis zum Äußersten zu dehnen.

Hämisch kommentierte der Sprecher der Taliban die Lage. Die Kämpfer hätten sich während der Offensive der Spezialkräfte nachts in die Außenbezirke zurückgezogen oder in der Stadt versteckt. Sie hätten ansonsten zivile Opfer durch Luftschläge der USA befürchtet. Nach dem Verschwinden der Elite-Einheiten, hätten die Männer sofort wieder die Kontrolle übernommen.

Wie lange der Kampf um Kunduz noch gehen wird, ist kaum abzusehen. Am Abend meldeten Anwohner, die Taliban würden in der Stadt wieder ihre Fahnen hissen und sich meist ungestört bewegen. Gleichzeitig kündigte Präsident Ghani in Kabul für alle an der Operation beteiligten Soldaten eine rasche Beförderung an.

insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
worldalert11 01.10.2015
1. Also keine Kontrolle
"Den Süden kontrollieren wir halbwegs". Anders ausgedrückt: Die Armee kontrolliert gar nichts. Kein Wort über eigene Verluste. Reine Propaganda, auf die alle namhaften Medienvertreter reingefallen sind!
jukio 01.10.2015
2. Auch eine Frage der Moral
Für Afganistan zu kämpfen scheint fur die Regierungstruppen zu abstrakt. Da zeigt sich gleich wieder es fehlt einfach an zuverlässigen Verbindeten. Wir sprechen nicht die gleiche Sprache und über kurz oder lang muß Westen das Feld räumen.
realistano 01.10.2015
3. eine
unfähige korrupte Regierung dazu noch in Drogenhandel verwickelt kann doch nicht glauben, dass ihre Soldaten soviel Moral aufbringen, das Land gegen dem Feind zu verteidigen zu können. Ohne die Hilfe der USA und Nato sind diese Regierung auf verlorene Posten. Das einzige , was sie kann , Geldverschwendung , schade um die Milliardenhilfen , die in die Taschen der Dieben gelandet ist.
stefan.mahrdt 01.10.2015
4. Eingriff in andere Kulturen
Wir müssen verstehen lernen, dass unsere Eingriffe in andere Kulturen wirkungslos bleiben. Jede Gesellschaft muss die Entwicklung gehen, die es gehen muss. Unsere Intervention in Religions historisch sich in anderen Entwicklungsphasen befindlichen Volksgruppen bleibt vergeblich. Jedes Volk muss die Entwicklung gehen, die es geht. Der Weg ist das Ziel, das Ziel ist im Weg.
kw16 01.10.2015
5. Für das Geschichtsbuch
DAS ist der Zustand eines Landes, nachdem es von den USA "befreit" wurde. Ich zitiere: "Wir sind in einem Gefängnis, in dem auf allen Gängen geschossen wird", sagte ein Einwohner von Kunduz am Telefon. (drückt den Taliban doch einfach Waffen in die Hand, .. ach das macht ihr ja schon) (gebt einfach jedem Bürger Waffen, mit Flugzeugen abgweworfen, ... ach das macht ihr ja schon) (dann gebt den Leuten Giftgas, irgendwie werden sich die Probleme schon lösen, ... ach das macht ihr ja schon)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.