Afghanistan Taliban greifen Rebellen an

Nach einem Bombenanschlag auf den Rebellenführer Ahmed Schah Massud haben Taliban-Kräfte mit massiven Angriffen gegen die Oppositionstruppen begonnen. Unterdessen scheint in den Prozess gegen die acht ausländischen Shelter-Now-Mitarbeiter Bewegung zu kommen.


Ein Soldat der Taliban: Die Truppen der afghanischen Machthaber rücken gegen ihre Feinde vor
REUTERS

Ein Soldat der Taliban: Die Truppen der afghanischen Machthaber rücken gegen ihre Feinde vor

Kabul - Rund 50 Kilometer nördlich von Kabul haben die Taliban-Einheiten mit einem Vormarsch gegen die Truppen des Taliban-Gegners Ahmed Schah Massud begonnen. Die Taliban setzten Bodentruppen und Flugzeuge ein und konnten ihre Gegner nach eigenen Angaben vier Kilometer weit zurückschlagen.

Gegen Massud, der mit seinen Truppen rund zehn Prozent des Landes hält, war am Sonntag ein Anschlag verübt worden. Zwei angeblich arabische Journalisten zündeten während eines fingierten Interviews eine in ihrer Fernsehkamera versteckte Bombe. Über das Schicksal Massuds gab es widersprüchliche Angaben. Einigen Meldungen zufolge soll er nach dem Anschlag seinen Verletzungen erlegen sein. Die Nachrichtenagentur Afghan Islamic Press berichtete jedoch unter Berufung auf verlässliche Oppositionskräfte, Massud sei noch am Leben und erhole sich von seinen Verletzungen.

Nach Ansicht eines afghanischen Diplomaten in Moskau wurde der Anschlag auf Massud vom pakistanischen Geheimdienst organisiert. Dafür habe man zwei als Journalisten getarnte arabische Terroristen ins Umfeld des afghanischen Rebellenführers eingeschleust.

Währenddessen zeichnen sich in Kabul für die acht inhaftierten ausländischen Shelter-Now-Mitarbeiter erste Fortschritte ab. Am Dienstag hatten die Angeklagten - vier Deutsche, zwei Amerikanerinnen, zwei Australier - wieder persönlichen Kontakt zu den Diplomaten ihrer jeweiligen Heimatländer gehabt. Den Gefangenen gehe es den Umständen entsprechend gut.

Letzte Entscheidung fällt das geistige Oberhaupt

Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes sagte, dass sich für die anwaltliche Vertretung der Inhaftierten eine Lösung abzeichne. Offenbar haben sich die Inhaftierten auf einen Anwalt geeinigt. Die Angeklagten waren am Samstag erstmals vor Gericht erschienen. Die Taliban-Justiz wirft ihnen christliche Missionstätigkeit vor. Am nächsten Samstag wird die Verhandlung möglicherweise fortgesetzt.

Der Oberste Richter wollte sich bislang weder zum möglichen Strafmaß noch zur Dauer des Verfahrens äußern. Das letzte Urteil in dem Prozess fällt ohnehin der geistliche Führer der Taliban, Mullah Mohammed Omar. Nach seiner "Edikt 14" genannten Verfügung droht Ausländern bei Missionstätigkeit eine Haftstrafe und die Ausweisung. Afghanische Moslems dagegen müssen mit der Todesstrafe rechnen. Zusammen mit den acht Ausländern waren vor rund fünf Wochen auch 16 afghanische Mitarbeiter von Shelter Now festgenommen worden. Ihnen soll getrennt der Prozess gemacht werden.

Tausch gegen Terroristenführer

Unterdessen versucht die Familie des in den USA inhaftierten Terroristenführers Omar Abderrahman den ägyptischen Scheich gegen zwei amerikanische Shelter-Now-Mitarbeiterinnen in Afghanistan einzutauschen. Abderrahmans Frau will nach Angaben einer ihrer Söhne in den nächsten Tagen nach Kabul reisen, um dort bei den Taliban für ihr Vorhaben zu werben.

Die Familie des Terroristenführers hat nach eigenen Angaben bereits den ehemaligen US-Generalstaatsanwalt Ramsey Clark um Unterstützung für ihren Vorschlag gebeten. Dieser habe jedoch erklärt, für einen solchen Schritt sei es noch zu früh, da die beiden Amerikanerinnen in Kabul möglicherweise freigesprochen werden.



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