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Afghanistan: Taliban richten schwangere Frau hin

Von Shoib Najafizada, Kabul

Taliban haben eine Frau in der afghanischen Provinz Badghis erschossen, offenbar weil sie schwanger war - und Witwe. Es ist die zweite öffentliche Tötung einer Frau, seitdem die Islamisten vor neun Jahren aus der Regierung verjagt wurden.

Taliban in Afghanistan (Archivbild): "Frauen werden bedroht, eingeschüchtert, angegriffen" Zur Großansicht
AFP

Taliban in Afghanistan (Archivbild): "Frauen werden bedroht, eingeschüchtert, angegriffen"

Herat - Drei Schüsse in den Kopf, dann war die Afghanin tot. Die 48-jährige Frau wurde in der afghanischen Provinz Badghis Opfer der grausamen Justiz der Taliban. Sie war offenbar schwanger, ihr Mann war vor längerem verstorben - die Islamisten warfen ihr vor, eine "unerlaubte Affäre" gehabt zu haben.

"Das ist im Islam nicht erlaubt", sagte der Taliban-Kommandeur in der Provinz zu SPIEGEL ONLINE. Mehrere Tage war sie von den Radikalislamisten festgehalten worden, dann folgte ihre Strafe: 200 Peitschenhiebe, dann wurde sie erschossen.

Der Chef der Polizei in Badghis bestätigte das Verbrechen, das sich am Sonntag ereignete. "Sie wurde erschossen, weil sie des angeblichen Ehebruchs bezichtigt wurde", sagte General Abdul Jabar SPIEGEL ONLINE. Der Mann, der eine Affäre mit der Afghanin gehabt haben soll, sei geflohen. Nach der Hinrichtung wurde die Leiche in ein von den Islamisten überwachtes Gebiet geschafft.

Der Vorsitzende der Unabhängigen Afghanischen Menschenrechtskommission in Westafghanistan verurteilte die Hinrichtung als "inakzeptabel". Es ist die zweite öffentliche Tötung einer Frau durch Taliban, seit ihre Regierung vor neun Jahren durch die US-Intervention gestürzt wurde.

Während ihrer Herrschaft von 1996 und 2001 bestraften die Taliban außereheliche Beziehungen mit öffentlichen Steinigungen und Auspeitschungen. Damit wollten sie gewaltsam die strenge Befolgung des islamischen Rechts durchsetzen.

Die Lage der Frauen in Afghanistan wurde in den USA und auch in Deutschland zuletzt kontrovers diskutiert. Das US-Magazin "Time" zeigte auf seinem Titelbild ein afghanisches Mädchen, dessen Gesicht von ihrem Ehemann grausam entstellt wurde - weil sie vor Gewalt und Folter in seiner Familie geflohen war. Der Mann verfolgte sie und schnitt ihr Nase und Ohren ab. "Es fühlte sich an wie kaltes Wasser in meiner Nase, aber als ich die Augen öffnete, konnte ich nichts sehen vor lauter Blut", berichtet sie. Ihr Gesicht wird nun in den USA operiert - doch das Bild ihres Leidens bleibt. Es ist zum Symbol der Grausamkeiten am Hindukusch geworden. Es ist kein Einzelfall.

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Grausame Verstümmelung: Ein Porträt bewegt die USA

In Regionen, in denen Taliban herrschen, werden Frauen laut Human Rights Watch "häufig bedroht, eingeschüchtert und angegriffen, sowie Politikerinnen und Aktivistinnen angegriffen und getötet, ohne rechtliche Konsequenzen".

Für einen umfassenden Bericht, der Mitte Juli veröffentlicht wurde, sprachen die Menschenrechtler mit zahlreichen Frauen im Land. "Unter den Taliban beschränkt sich unser Leben auf die Welt innerhalb der Wände unseres Hauses. Wir dürfen nicht arbeiten, wir dürfen unsere Verwandten nicht ohne unseren Mann besuchen", berichtet eine Frau. "Wie groß sind meine Chancen auf ein normales und friedliches Leben?"

Mädchenschulen werden geschlossen, Lehrerinnen bedroht. Der Taliban-Führer Mullah Abdullah aus der Provinz Ghazni begründete das gegenüber Human Rights Watch damit, dass die Taliban gegen die "unislamische Erziehung" von Frauen vorgingen: "Wir schließen diese Schulen, weil sie Ehebruch, Nacktheit und unislamisches Verhalten lehren."

Zwar wurde auf der Afghanistan-Konferenz in London festgelegt, Frauenrechte sollen mit einem nationalen Aktionsplan gestärkt werden. Doch Menschenrechtsaktivisten befürchten, dass gerade jetzt, wo über eine Annäherung der Kabuler Regierung an die Taliban gesprochen werde, mühsam erworbene Fortschritte geopfert würden.

"Wir haben die große Sorge, dass die Menschenrechte und vor allem auch die Frauenrechte in Afghanistan zur Verhandlungsmasse werden", sagte Monika Lüke, Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland, im Mai zu SPIEGEL ONLINE.

Die traurige Wahrheit sei: Familiäre Gewalt und Zwangsehen gehörten für viele zum Alltag. Die mutigen Frauen, die sich für die Einhaltung ihrer Rechte einsetzten, müssten mit Verfolgung, Gewalt und sogar Mord rechnen. Wie jetzt in der Provinz Badghis.

Mit Material von AFP und Reuters

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Forum - Ist der Afghanistankrieg noch zu gewinnen?
insgesamt 4924 Beiträge
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1. Wie oft soll dieser Krieg
Gandhi, 25.07.2010
Zitat von sysopFast 92.000 US-Dokumente über den Afghanistan-Krieg sind an die Öffentlichkeit gelangt. Sie enthüllen die wahre Dimension des Militäreinsatzes - das Wirken der amerikanischen Task Force 373, die Probleme der Bundeswehr, die Zusammenarbeit pakistanischer Geheimdienstler mit den Taliban. Kann der Westen den Krieg am Hindukusch noch gewinnen?
denn noch gewonnen werden? Wie oft sollen wir uns denn noch anhoeren muessen, dass jetzt die entscheidenden 6 Monate kommen? Dass, wenn "wir" alles richtig machen, der Krieg dann gewonnen ist. Ich kann es schon gar nicht mehr hoeren. Das Einzige, was diesen Krieg beendet, ist ein Ereignis, bei dem eine grosse Menge Soeldner sich aus dieser Welt verabschieden. Dann wird der politische Druck so gross, dass das Gerede davon, dass Freiheit und Demokratie in Afghanistan die Opfer wert sind, untergeht im Protest. Die Afghanen sollen ihren eigenen Weg gehen, ihre eigenen Probleme loesen. Von aussen koennen deren Probleme auch nicht in 10 oder 20 Jahren geloest werden.
2. Titel
ayamo, 25.07.2010
Plain and simple? Ein militärischer Sieg? Auf gar keinen Fall. Irgendein schaler Verhandlungsfrieden mit den Taliban wäre allerdings auch nicht ideal, da diese sich nicht an solche Verträge/Vereinbarungen halten.
3.
kleenermann 25.07.2010
Zitat von sysopFast 92.000 US-Dokumente über den Afghanistan-Krieg sind an die Öffentlichkeit gelangt. Sie enthüllen die wahre Dimension des Militäreinsatzes - das Wirken der amerikanischen Task Force 373, die Probleme der Bundeswehr, die Zusammenarbeit pakistanischer Geheimdienstler mit den Taliban. Kann der Westen den Krieg am Hindukusch noch gewinnen?
Wie oft soll diese Frage noch gestellt werden? Nein, man kann ihn nicht gewinnen.
4. Wo ist der Aha-Effekt?
edgarzander 25.07.2010
Zitat von sysopFast 92.000 US-Dokumente über den Afghanistan-Krieg sind an die Öffentlichkeit gelangt. Sie enthüllen die wahre Dimension des Militäreinsatzes - das Wirken der amerikanischen Task Force 373, die Probleme der Bundeswehr, die Zusammenarbeit pakistanischer Geheimdienstler mit den Taliban. Kann der Westen den Krieg am Hindukusch noch gewinnen?
Enthüllungen? Ich hätte mir da ein bischen mehr erwartet und war nach dem Durchlesen des Artikels irgendwie enttäuscht. Ist doch alles inzwischen mehr oder weniger bekannt...
5. red herring
machorka-muff 25.07.2010
der westen kann und braucht in afghanistan nicht zu gewinnen: abmarsch! die sache mit der enthüllung brisanter kriegsdokumente riecht faul - wahrscheinlich der nächste verarschungs coup der cia.
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Gefechtszone Afghanistan: Bilder eines Krieges

Fläche: 652.864 km²

Bevölkerung: 26,023 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staatsoberhaupt:
Ashraf Ghani Ahmadsai

Regierungschef: Abdullah Abdullah

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Karzai und Afghanistan
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Hamid Karzai
AFP
Hamid Karzai ist der derzeit amtierende Präsident Afghanistans. Nach der ersten Phase des Afghanistan-Kriegs hatten ihn die USA und die Uno auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 als Regierungschef einer afghanischen Interimsregierung durchgesetzt. Die Loya Jirga wählte Karzai 2002 zum Präsidenten einer Übergangsregierung, und nach Verabschiedung einer neuen Verfassung bestimmten ihn die Afghanen 2005 in direkter Wahl zu ihrem Präsidenten. Durch den Einfluss der Warlords blieb Karzais Macht jedoch beschränkt. Zuletzt verlor er auch die Unterstützung der USA.

Hamid Karzai wurde 1957 in Kandahar geboren. Er gehört dem mächtigen Paschtunen-Stamm der Popalzai an, der mehrere afghanische Könige hervorbrachte. Karzai studierte in Indien und hielt sich immer wieder in den USA auf. Zusammen mit den Mudschahidin kämpfte er in den achtziger Jahren gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans . Aus dem Exil in Pakistan unterstützte Karzai die Taliban zunächst, wandte sich dann aber gegen das Regime, dem auch die Ermordung seines Vaters zugeschrieben wird. Nach Beginn der amerikanischen Militäraktion in Afghanistan kehrte Karazi 2001 in seine Heimat zurück und stellte sich an die Spitze der Anti-Taliban-Bewegung in der Region Kandahar.

Präsidentschaftswahlen
dpa
Am 30. August 2009 wählten die Afghanen ihren neuen Präsidenten. Doch es kam zu massiven Fälschungen, insbesondere zugunsten Karzais. Die Auszählungsergebnisse in 210 Wahllokalen wurden anschließend für ungültig erklärt. Karzai, der sich zuvor als Sieger gesehen hatte, verfehlte nach dem um manipulierte Stimmen bereinigten Endergebnis die absolute Mehrheit: Er erreichte nur 49,67 Prozent der Stimmen.

Eine Stichwahl zwischen Karzai und Ex-Außenminister Abdullah Abdullah sollte die Entscheidung bringen. Doch der Herausforderer zog seine Kandidatur zurück mit der Begründung, es könne wie im ersten Durchgang erneut zu Unregelmäßigkeiten kommen. Die afghanische Wahlkommission rief Karzai daraufhin erneut zum Präsidenten aus.

Isaf-Einsatz
DDP
Nach Beginn des Afghanistan-Kriegs 2001 und dem Sturz der radikal-islamischen Taliban beschloss der Uno-Sicherheitsrat , eine internationale Schutztruppe im Land ( Isaf ) einzusetzen. Sie soll den Wiederaufbau Afghanistans zu einer Demokratie absichern, auch indem sie zivile Wiederaufbauteams (PRTs) schützt, von denen derzeit 26 tätig sind.

Der Einsatz war zunächst auf die Hauptstadt Kabul und deren Umgebung beschränkt und wurde bis 2006 auf das ganze Land ausgeweitet. Seit 2003 führt die Nato die Isaf. Derzeit gehören ihr mehr als 119.000 Soldaten aus 46 Nationen an, darunter auch aus Nicht-Nato-Staaten wie Australien und Neuseeland.
Deutschland übernahm 2006 das Isaf-Kommando für den Norden Afghanistans. 2007 bestellte die Bundeswehr sechs Aufklärungsflugzeuge vom Typ Tornado ab, die Luftbilder aus ganz Afghanistan für Isaf liefern. Die Bundesrepublik stellt derzeit mit mehr als 4000 Soldaten die drittgrößte Truppe nach den USA und Großbritannien.

Probleme in Afghanistan
AFP
Da die Taliban inzwischen wieder an Stärke gewonnen haben, nehmen die militärischen Auseinandersetzungen zu. Besonders hart umkämpft ist der Osten des Landes, wo die meisten US-Soldaten stationiert sind. Die schwer kontrollierbaren Stammesgebiete Pakistans gelten als Rückzugsgebiet und Nachschubbasis der Taliban.

Die Stabilisierung Afghanistans wird durch Korruption, die bis in höchste Regierungskreise verbreitet ist, sowie durch Drogenproduktion und -schmuggel erschwert.

Opium-Wirtschaft
REUTERS
Obgleich die afghanische Übergangsregierung unter Karzai im Januar 2002 den Schlafmohnanbau verboten hat, ist der Drogenanbau rasch wieder zum dominierenden Wirtschaftszweig Afghanistans geworden. Das Land ist der weltweit größte Produzent von Rohopium .

Mit Einnahmen aus dem Drogenschmuggel finanzieren die Taliban ihren Kampf gegen Karzais Regierung und die ausländischen Truppen. Die Bekämpfung ist problematisch, weil viele Menschen von dem Handel leben. Isaf -Soldaten sind inzwischen befugt, gegen Drogenhändler vorzugehen und Laboratorien zu zerstören, in denen Schlafmohn zu Opium verarbeitet wird.

Afghanistan-Krieg
REUTERS
Der Afghanistan-Krieg der USA und ihrer Verbündeten war die erste große militärische Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 . Er richtete sich sowohl gegen das Terrornetzwerk al-Qaida , das für die Anschläge verantwortlich gemacht wird, als auch gegen das seit Mitte der neunziger Jahre in Afghanistan herrschende islamisch-fundamentalistische Taliban -Regime.

Die Taliban wurden bezichtigt, Osama Bin Laden und andere hochrangige Mitglieder von al-Qaida zu unterstützen und zu beherbergen.

Die erste Kriegsphase endete mit dem Fall der Hauptstadt Kabul und der Provinzhauptstädte Kandahar und Kunduz im November und Dezember 2001. Auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 wurde eine Interimsregierung unter Präsident Hamid Karzai eingesetzt und die Einberufung einer verfassunggebenden Loya Jirga beschlossen. Gleichzeitig erteilte der Uno-Sicherheitsrat den Nato-Staaten und mehreren Partnerländern das Isaf -Mandat zur Unterstützung des Wiederaufbaus.



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