Afghanistan: Taliban verkünden offiziell den Sieg

Von Yassin Musharbash

Auch Gotteskrieger achten auf ihr Image: Die afghanischen Taliban wollen ein Verbindungsbüro in Katar eröffnen. Doch damit es nicht aussieht, als würden sie Friedensverhandlungen beginnen, erklärten sie am Sonntag zur Sicherheit offiziell ihren Sieg.

Wir haben gewonnen, verkünden die Taliban - aber nur, um Gespräche vorzubereiten. Zur Großansicht
REUTERS

Wir haben gewonnen, verkünden die Taliban - aber nur, um Gespräche vorzubereiten.

Berlin - Es gibt Verkündigungen von Siegen und Niederlagen, die fester Bestandteil der Weltgeschichte sind: Die Unabhängigkeitserklärung der USA am 4. Juli 1776 etwa. Oder die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht im Mai 1945.

Und es gibt Verkündigungen dieser Art, denen etwas Schales anhaftet. So wie dem berühmten Auftritt George W. Bushs auf dem Flugzeugträger "Abraham Lincoln" am 2. Mai 2003, hinter sich ein Riesenplakat mit der Aufschrift "Mission Accomplished" ("Auftrag ausgeführt").

So ähnlich verhält es sich mit der "Formalen Proklamation des Sieges des Islamischen Emirats", die am Sonntagmorgen von den afghanischen Taliban veröffentlicht wurde. Der Form nach handelt es sich um die Erklärung des Sieges im Konflikt mit den Isaf-Truppen in Afghanistan. De Facto handelt es sich um eine relativ hohle Geste, die nur einen Zweck hat: Den Eindruck zu verhindern, die Taliban würden auf dem Verhandlungswege nach einem Ende der Kampfhandlungen suchen.

An Pathos fehlt es dem knapp zweiseitigen Dokument nicht. "Das Islamische Emirat Afghanistan hat der Welt offen gezeigt, dass es eine gut organisierte politische Kraft ist, abgesehen davon, dass es eine Militärmacht darstellt. Es hat das Land erfolgreich beherrscht und reklamiert für sich das Recht der alleinigen Entscheidungsgewalt. Es kann keine Befehle von außen annehmen… Es hat der Welt bewiesen, dass es tief in der afghanischen Nation verwurzelt ist."

Natürlich gibt es auch Widersprüche. So wird der "militärische Erfolg gegen eine gigantische internationale Allianz" zugleich als "Sinnbild" und "Geheimnis" beschrieben; das erschließt sich nicht ganz.

Polit-Prosa mit Propaganda-Modul

Aber es geht auch nicht um Logik, es geht um das Image: Die Taliban sind kurz davor, ein Verbindungsbüro in Katar zu eröffnen, eine Art Botschaft, die halbformelle Kontakte ermöglichen soll. Auf keinen Fall aber darf dieser Schritt danach aussehen, dass die Taliban aktiv eine Friedenslösung herbeiverhandeln wollen.

Die Erklärung des Sieges soll das verhindern: Sieger verhandeln nicht, Sieger besprechen die Zukunft des Landes. So wollen die Taliban das Büro am Persischen Golf verstanden wissen.

Deshalb schreiben die Taliban auch: "Nun, da die militärische, politische und nationale Effizienz des Islamischen Emirats evident geworden ist, … sollten alle, die es betrifft, einen rationalen und logischen Pfad einschlagen, um die Angelegenheit mit dem Emirat zu lösen."

Es handelt sich also um Polit-Prosa mit Propaganda-Modul. Sollte das Verbindungsbüro zustande kommen, werden die Taliban dort vermutlich etwas geschmeidiger auftreten. Wenn niemand guckt, gewissermaßen. Denn tatsächlich sind sie zwar keineswegs besiegt, von einer Machtübernahme aber ebenfalls weit entfernt. Auch die Taliban haben also in Wahrheit ein Interesse an einem Deal, der ihnen Mitsprache und Macht sichert. Nur dass sie das so nie sagen würden: Kompromisse sieht ihre Ideologie nicht vor.

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