Afghanistan US-Armee entschuldigt sich für Gräuelfotos

Eine Gruppe von US-Soldaten ist angeklagt, als "Kill Team" in Afghanistan systematisch Unschuldige getötet zu haben. Die Täter prahlten mit grausigen Fotos - der SPIEGEL hat einige davon veröffentlicht. Eine Entschuldigung der US-Armee soll die Gemüter am Hindukusch nun beruhigen.

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Kabul/Islamabad - USA und Nato rechnen mit heftigen Reaktionen in Afghanistan auf die Veröffentlichung von Bildern, die Gräueltaten von US-Soldaten dokumentieren. Drei der Bilder hatte der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe gezeigt.

US-Außenministerin Hillary Clinton telefonierte deswegen bereits mit ihrem afghanischen Amtskollegen, auch der US-Sicherheitsberater konferierte mit seinem afghanischen Counterpart. Der Fall droht das ohnehin schwierige afghanisch-amerikanische Verhältnis zu belasten - und das in einer besonders sensiblen Zeit, da Washington und Kabul über die Bedingungen der Stationierung permanenter militärischer US-Basen im Land verhandeln.

Die US-Armee, die derzeit Militärtribunale gegen insgesamt zwölf mutmaßlich an den Verbrechen Beteiligte vorbereitet, entschuldigte sich am Montag in einer in Washington veröffentlichten Erklärung. Die Bilder seien "abstoßend" und widersprächen "den Standards und Werten der US-Armee", hieß es darin. "Wir entschuldigen uns für das Leid, das diese Fotos verursachen."

Die mutmaßlichen Täter gehören zu einer offenbar aus dem Ruder gelaufenen Gruppe von US-Soldaten, deren Prozesse wegen mehrerer Mordfälle in Kürze beginnen werden. "Das Verfahren vor dem Kriegsgericht spricht für sich selbst", erklärte die Armee weiter. "Die Fotos stehen in starkem Kontrast zur Disziplin, zur Professionalität und zum Respekt, die das Verhalten unserer Soldaten in den fast zehn Jahren des Einsatzes charakterisierten."

Im Nato-Hauptquartier fürchtet man nun schon in den nächsten Tagen wütende Proteste in Afghanistan und mögliche Angriffe auf die Nato-Einheiten. "Die Bilder haben hier in Afghanistan ein enormes Potential", sagte ein Nato-General SPIEGEL ONLINE. "Erfahrungsgemäß wird es ein paar Tage dauern, doch dann kocht der Volkszorn."

Die Nato bereitet sich unter Führung der US-Armee bereits seit einigen Wochen darauf vor. In Dutzenden hochrangigen Gesprächen mit ihren afghanischen Partnern versuchten die Militärs, dieselbe Strategie anzuwenden wie bei den WikiLeaks-Enthüllungen: Sie warnten die Betroffenen und bereiteten sie auf zu erwartende Veröffentlichungen vor. Mit dieser "strategischen Kommunikation" sollen harsche öffentliche Reaktionen verhindert werden.

USA rüsten sich für heftige Proteste in Afghanistan

Schon die Auswahl der Gesprächsführer auf US-Seite dokumentiert, wie ernst Washington die Angelegenheit nimmt. Kein Geringerer als Vizepräsident Joe Biden sprach nach Informationen von SPIEGEL ONLINE am Samstagabend mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai über den Fall. Auch der Chef aller Nato-Soldaten in Afghanistan, General David Petraeus, setzte sich mit Karzai zusammen. Karzai wird sich nach Angaben eines Sprechers der afghanischen Regierung noch zu dem Skandal äußern - wann er das tun wird, mochte der Sprecher nicht sagen.

Mit der Geste einer Entschuldigung und dem Versprechen einer sauberen juristischen Aufklärung versuchten die beiden, Karzai von einem öffentlichen Wutausbruch abzuhalten.

Ob das gelingt, ist ungewiss. Am Dienstag wird sich Karzai an sein Volk wenden und über die Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die Afghanen sprechen. Die Führung der Nato und der US-Botschaft wird neben ihm stehen und zittern. Zwar steht in dem vorbereiteten Redetext nichts von dem "Kill Team". Doch Karzai gilt als unberechenbar.

Darin, dass heftige Reaktionen und Protestkundgebungen bislang noch nicht stattfanden, erkennen Beobachter kein Signal für eine Entwarnung. Es liege am Feiertag Nawroz, dass sich die Reaktionen in Afghanistan zu der Ermordung der Zivilisten noch in Grenzen hielten. Ein hochrangiger Mitarbeiter des Außenministeriums in Kabul und Vertrauter von Präsident Karzai erklärte aber, er rechne mit heftigen Auseinandersetzungen mit den USA. "Ich gehe davon aus, dass diese Angelegenheit ihre volle Wirkung frühestens morgen entfalten wird, wenn die Leute wieder zur Arbeit kommen. Viele haben am heutigen Montag noch frei", sagte er SPIEGEL ONLINE. Die Vorfälle seien "zu ungeheuerlich", als dass sie keine Proteste nach sich ziehen würden. "Dass es die Menschen bewegt, sieht man daran, dass es schon jetzt im Internet diskutiert wird", sagte er.

Im benachbarten Pakistan, dessen Beziehungen zu Amerika seit Wochen belastet sind, hat man den Fall ebenfalls registriert. "Wir nehmen das zur Kenntnis, aber es ist zunächst einmal Sache der afghanischen Regierung, Vorwürfe zu erheben", sagte eine Sprecherin des Außenministeriums in Islamabad. Die Entlassung des CIA-Mitarbeiters Raymond Davis, der Ende Januar zwei Männer erschossen hatte und gegen Zahlung eines Blutgeldes freigelassen wurde, sowie die Zunahme von US-Drohnenangriffen im Westen des Landes hat wütende Proteste in ganz Pakistan ausgelöst.

"Dann haben sie ihn niedergemäht"

Hintergrund der Empörung sind neue Details über eine Mordserie an unschuldigen Afghanen, die eine Gruppe US-Soldaten begangen haben soll. Einer der Angeklagten, der Stabsgefreite Jeremy Morlock, 22, hat mittlerweile drei Morde gestanden. Das Militärtribunal gegen ihn beginnt in dieser Woche. Insgesamt wird zwölf US-Soldaten, die sich in Afghanistan als "Kill Team" bezeichneten, demnächst der Prozess gemacht.

Der SPIEGEL hatte in seiner aktuellen Ausgabe einige der Gräueltaten rekonstruiert und drei bisher unbekannte Bilder gezeigt. Unter anderem ist darauf zu sehen, wie zwei der mutmaßlichen Mörder neben einer Leiche posieren. Bei dem Opfer handelt es sich um den am 15. Januar 2010 in dem Dorf La Mohammed Kalay getöteten Afghanen Gul Mudin. Die drei Bilder, die der SPIEGEL veröffentlicht, sind nur ein verschwindender Teil von Tausenden Fotos, die unter den Soldaten kursierten. Viele Bilder sind der Öffentlichkeit nicht zumutbar. Die US Army hat 4000 Fotos sichergestellt und hält diese unter Verschluss. Viele davon haben die Angeklagten selbst aufgenommen.

Den Männern wird vorgeworfen, die Zivilisten grundlos und aus reiner Mordlust getötet zu haben. Die Morde ließen sie demnach so aussehen, als hätten sie in Notwehr gehandelt. Dazu seien regelrechte Drehbücher entwickelt worden, berichteten Angeklagte.

In einem der anhand der Ermittlungsakten rekonstruierten Fälle fingierte das "Kill Team" etwa einen Angriff durch einen Afghanen, indem die Soldaten selbst eine Handgranate zündeten, um es so aussehen zu lassen, als seien sie attackiert worden, bevor sie den Mann töteten. Einer der Beteiligten, Adam Winfield, 21, hatte sich kurz nach dem Mord über Facebook seinem Vater anvertraut: "Sie haben es so aussehen lassen, als hätte der Junge eine Granate nach ihnen geworfen, und dann haben sie ihn niedergemäht", zitiert der SPIEGEL aus dem Chat.

In einem zweiten Vorfall, am 22. Februar 2010, sollen Mitglieder des "Kill Teams" einem anderen Afghanen, Marach Agha, mutmaßlich eine alte Kalaschnikow untergeschoben haben, bevor sie auch ihn erschossen. Am 2. Mai 2010 gab es einen dritten Fall, in dem offenbar erneut ein Handgranatenangriff fingiert wurde, bevor Mullah Allah Dad ebenfalls durch Schüsse getötet wurde.

Weitere Anklagepunkte, wegen derer sich die zwölf Männer verantworten müssen, sind Leichenschändung, unerlaubter Besitz von Leichenfotos, Drogenmissbrauch und Körperverletzung gegen Kameraden.

Mit Material von AFP/Mitarbeit: Yassin Musharbash, Shoib Najafizada

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insgesamt 218 Beiträge
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Seite 1
Hypotheker, 21.03.2011
1. Sicherlich
Zitat von sysopEine Gruppe von US-Soldaten ist angeklagt,*als "Kill Team" in Afghanistan systematisch Unschuldige getötet*zu haben.*Die Täter prahlten mit grausigen Fotos*- der SPIEGEL hat einige davon*veröffentlicht.*Eine Entschuldigung der US-Armee soll die Gemüter am Hindukusch nun beruhigen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,752272,00.html
Ach wenn eine Entschuldigung reicht, kann das doch garnicht so schlimm gewesen sein. Und mal ehrlich, Demokratie ist eben teuer..
Mersinar 21.03.2011
2. vergewaltigt?
Zitat von sysopEine Gruppe von US-Soldaten ist angeklagt,*als "Kill Team" in Afghanistan systematisch Unschuldige getötet*zu haben.*Die Täter prahlten mit grausigen Fotos*- der SPIEGEL hat einige davon*veröffentlicht.*Eine Entschuldigung der US-Armee soll die Gemüter am Hindukusch nun beruhigen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,752272,00.html
Mich würde interessieren ob der Gul auch vergewaltigt wurde, nachdem sein Geschlechtsteil abgeschossen wurde. Der alte Zusammenhang zwischen Gewalt und Vergewaltigung im Rausch des Tötens würde dies bestätigen... siehe die Soldatin in Abughreib...
Bayerr, 21.03.2011
3. Das läßt ahnen
was auf uns zukommt, wenn die Bundeswehr eine reine Freiwilligenarmee sein wird.
Zweck-Los 21.03.2011
4. Milgram-Experiment
Wenn man in seinen Militäraktionen weiter geht als die politische Vorgaben waren, werden Exzesse umso wahrscheinlicher. So wie in der Un-Resolution gg. Libyen wünsche ich deshalb in AFG keine Bodentruppen von den militärischen Gutmenschen mehr. Abzug jetzt. Dass nur DIE Täter, welche zu dumm waren und ihre Schandtaten dokumentieren, vor Gericht gehören, ist ausser Zweifel. Ebenfalls sollten aber deren Vorgesetzte vor Gericht. Für mich im Zweifel sogar der Präsident. Warum es Kriegsverbrechen überhaupt gibt? Milgram bietet eine knappe Antwort. https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Milgram-Experiment
Die_Sonne 21.03.2011
5. Dummheit
Zitat von sysopEine Gruppe von US-Soldaten ist angeklagt,*als "Kill Team" in Afghanistan systematisch Unschuldige getötet*zu haben.*Die Täter prahlten mit grausigen Fotos*- der SPIEGEL hat einige davon*veröffentlicht.*Eine Entschuldigung der US-Armee soll die Gemüter am Hindukusch nun beruhigen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,752272,00.html
Wie blöd muss man als (US-) Soldat sein um so seine Kameraden zu gefärden??? Indirekt werden diesen Männer nun auch das Leben von anderen US Soldaten auf dem Gewissen haben. Schlimm.
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