Afghanistan Vertreter von Trumps Regierung trafen sich mit Taliban

Mit ständigen Luftangriffen wollten die USA die Taliban zu Friedensgesprächen mit der afghanischen Regierung zwingen. Davon sind sie nun offenbar abgerückt - und haben eine neue Strategie.

US-Diplomatin Alice Wells
AP

US-Diplomatin Alice Wells


Mehr Luftschläge und mehr Operationen von Kommandosoldaten in Afghanistan, das sei die Strategie der USA am Hindukusch, hatte Kommandeur John Nicholson erst vor wenigen Monaten in einem Interview mit dem SPIEGEL gesagt. Nun hat die US-Regierung offenbar ihre Taktik geändert - und amerikanische Diplomaten zu einem Treffen mit Vertretern der radikalislamischen Taliban geschickt, um über einen möglichen Friedensprozess zu verhandeln.

Die Gespräche sollen vor einer Woche im Golfemirat Katar stattgefunden haben, berichtet die "New York Times". Alice Wells, die Südasien-Gesandte der USA, und weitere amerikanische Diplomaten sollen dort mehrere Vertreter der Taliban getroffen haben. Das US-Außenministerium dementiere die Gespräche nicht, zwei Vertreter der Taliban hätten diese bestätigt, so die Zeitung.

Reise nach Doha bestätigt

In einem Briefing des US-Außenministeriums diese Woche hieß es, Wells sei nach Katar gereist. Die Taliban unterhalten in Doha ein halboffizielles Büro.

Der stellvertretende Leiter des Hohen Friedensrates in Kabul, Ataullah Salim, sagte der Deutschen Presse-Agentur, ihm lägen keine Informationen über Gespräche der Amerikaner mit den Taliban in Doha vor, aber "wir werden jeden Schritt begrüßen, der zu innerafghanischen Gesprächen führt".

Bereits vor rund zwei Wochen hatte die "New York Times" berichtet, die Trump-Administration habe ihre Topdiplomaten angewiesen, Direktgespräche mit den Taliban zu suchen, um den Krieg in Afghanistan zu beenden.

Dies wäre eine signifikante Änderung der US-Politik. Bisher hatten die USA gesagt, die Taliban sollten direkt mit der afghanischen Regierung verhandeln. Mit ständigen Luftschlägen und Attacken gegen die Anführer sollten die Taliban so lange in die Enge getrieben werden, bis sie sich am Ende auf einen Deal mit der afghanischen Regierung einlassen würden.

Alleinige Verhandlungen mit den Taliban schlossen die USA bislang aus. Ein Friedensprozess müsse unter afghanischer Führung stattfinden. Die Taliban lehnen Gespräche mit der afghanischen Regierung ab und bezeichnen diese als Marionettenregime.

vet/dpa

insgesamt 27 Beiträge
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gandhiforever 28.07.2018
1. Neue Strategie
Die Frage ist, wann die neue Strategie zu einer alten Strategie wird, denn Geduld ist kein Qualitaetsmerkmal der US-Aussenpolitik. Die Taliban werden den Strategiewechsel als Zeichen von Schwaeche auslegen. Und sie haben Geduld, sehr viel Geduld.
hansriedl 28.07.2018
2. Der längste Krieg in der Geschichte,
und kein Ende in Sicht. Um langfristig Frieden in Afghanistan zu sichern, müsse man auch die Taliban mit in den Aufbau von Staat und Gesellschaft einbeziehen, so einige Kritiker. Darüber hinaus gibt es die Forderung, mehr Geld für Schulen, Krankenhäuser, Straßen oder öffentliche Verkehrsmittel auszugeben. Denn dies sei ein wichtiger Beitrag zum Frieden. Das geschieht zwar in Afghanistan, im Vergleich zu den Ausgaben für Militär und Krieg, sind dies aber nur kleine Beträge.
tretertruppe 28.07.2018
3. Nachtigall ick hör dir trapsen
Naaaa? Bemerken die Amis, dass der Einsatz in Afghanistan nicht wirtschaftlich genug ist? Von wegen 'Weltpolizei'. Die arme afghanische Bevölkerung.... ich lehne Krieg grundsätzlich ab, aber mit Ausnahmen. Wir Deutschen dürfen glücklich sein von den Nazis befreit worden zu sein... das gleiche wünsche ich den Afghanen
juba39 28.07.2018
4. Kann man das noch rational erklären?
Seit Monaten bemüht sich Russland, diese Gespräche zwischen Taliban und Kabuler Regierung zu vermitteln. Was tönt, leider assistiert von deutschen Medien, von der selben Regierung der USA seit Monaten durch die Welt? Russland unterstützt die Taliban. Entweder hat man eingesehen (wäre vdL auch ananzuraten), daß mehr Soldaten nicht automatisch Frieden bringen. Oder, was wahrscheinlicher ist, man sieht Russland bei der Vermittlung zwischen Kriegsparteien wieder im Vorteil. Und das geht ja nun gar nicht.
Atheist_Crusader 28.07.2018
5.
Zitat von gandhiforeverDie Frage ist, wann die neue Strategie zu einer alten Strategie wird, denn Geduld ist kein Qualitaetsmerkmal der US-Aussenpolitik. Die Taliban werden den Strategiewechsel als Zeichen von Schwaeche auslegen. Und sie haben Geduld, sehr viel Geduld.
Genau das ist das Problem. Diese Art von Aufstandsbekämpfung braucht lange um zu funktionieren. Es braucht Jahre um die Leute vor Ort zu trainieren, für sich einzunehmen, ihnen zu zeigen dass ihnen unter einer demokratischen Regierung (naja, mehr oder weniger) ein besseres Leben blüht als unter mittelalterlichen Vollzeitpsychospinnern wie den Taliban. Über all diese Jahre muss man präsent sein, Geld ausgeben und Truppen verlieren. Und der Erfolg stellt sich nur langsam ein - es gibt keine großen Schlachten, keine Eroberungen, keine aufsehenerregenden Siege - nur viele kleinen Zahlen die sich ganz langsam verändern. Das erfordert langfristige Konzentration, ist nicht schnell, ist nicht sauber und bietet sehr wenig wofür man sich vor ein Mikrofon stellen, den starken Mann markieren und sich von den Medien feiern lassen kann. Mit anderen Worten: nicht die Art von Krieg die sich gut verkauft. Speziell nicht in den USA. Und ganz besonders nicht für King Donnie.
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