US-General über zerstörte Klinik in Kunduz "Eine Entscheidung der USA"

22 Menschen sind bei dem US-Angriff auf ein Krankenhaus in Kunduz gestorben. Das Gebäude sei "fälschlicherweise getroffen" worden, sagte nun der Chef der US-Truppen in Afghanistan. Es habe Fehler in der US-Kommandokette gegeben.

John Campbell in Washington: "Eine Entscheidung der USA"
AP

John Campbell in Washington: "Eine Entscheidung der USA"


Deutlicher als zuvor hat der Kommandierende der US- und Nato-Streitkräfte in Afghanistan die Verantwortung für den fatalen Luftangriff auf ein Hospital von Ärzte ohne Grenzen in Kunduz übernommen. Der Beschuss sei ein Fehler gewesen, die Klinik sei "fälschlicherweise getroffen" worden, sagte General John Campbell im Streitkräfteausschuss des US-Senats in Washington.

"Um es klar zu sagen: Die Entscheidung für Luftangriffe war eine Entscheidung der USA, sie ist gefallen innerhalb der Kommandokette der USA", sagte Campbell. Zugleich blieb er bei seiner Einschätzung, dass der Angriff auf Bitten der afghanischen Armee erfolgt sei. "Wir würden niemals absichtlich eine geschützte medizinische Einrichtung anvisieren."

Bei dem Angriff auf das Hospital der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières - MSF) wurden am Samstag 22 Menschen getötet. Die Organisation machte den USA schwere Vorwürfe, sprach von einem Kriegsverbrechen und forderte eine unabhängige Untersuchung des Vorfalls.

In Campbells Ausführungen sieht sie den Versuch, die Schuld auf die afghanischen Sicherheitskräfte zu schieben. "Das US-Militär bleibt verantwortlich für die Ziele, die es bombardiert, auch wenn es Teil einer Koalition ist", zitiert der "Guardian" den MSF-Chef Christopher Stokes.

US-Verteidigungsminister Ashton Carter sagte am Dienstag, er bedaure den Vorfall in Kunduz. Das Pentagon werde die Ermittlungen Afghanistans und der Nato voll unterstützen. "Durch vollständige und transparente Aufklärung tun wir alles, um diesen tragischen Zwischenfall zu verstehen, aus ihm zu lernen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, wo das nötig ist", sagte Carter.

"Afghanistan bleibt eine der gefährlichsten Regionen der Welt"

Kämpfer der radikal-islamischen Taliban hatten weite Teile des ehemaligen Bundeswehr-Einsatzgebietes unter ihre Kontrolle gebracht. Regierungstruppen eroberten bis Montag das Stadtzentrum der Großstadt Kunduz zurück. Angesichts des Taliban-Angriffs sprach sich der Vier-Sterne-General Campbell für einen längeren Truppenverbleib aus: "Afghanistan bleibt eine der gefährlichsten Regionen der Welt", sagte er.

Der anhaltende Druck auf radikale Gruppen und die Ausbildung der afghanischen Armee durch US- und Nato-Streitkräfte hätten Terroranschläge im Ausmaß der Attacken vom 11. September 2001 verhindert. Campbell bezweifelte, dass die US-Botschaft ihren normalen Betrieb in dem Land wie geplant 2017 aufnehmen könne.

Nach dem Willen von US-Präsident Barack Obama sollen die verbleibenden 9800 amerikanischen Soldaten bis Ende 2017 abgezogen werden. Ob die afghanischen Sicherheitskräfte dann ohne Unterstützung der USA auskommen, ist aber fraglich. Bis Ende dieses Jahres hatte die Anzahl der US-Soldaten auf 5500 sinken sollen - im März hatte Obama bereits angekündigt, die Truppen langsamer als geplant abzuziehen.

Auch die Bundeswehr rechnet einer aktuellen Lageanalyse zufolge nicht mit schnellen Erfolgen der afghanischen Regierungstruppen im Kampf gegen die Taliban in Kunduz.

aar/dpa/Reuters

insgesamt 22 Beiträge
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Tharsonius 07.10.2015
1. Spätestens
mit dem Einmarsch der Sowjetunion 1979 in Afghanistan, den militärischen Interventionen der USA ab 2001 und der allgemeinen Einflussnahme der Industrienationen, wurde diese Region bzw das Land in den vergangenen 36 Jahren erst zu einer der gefährlichsten Regionen der Welt GEMACHT! Nur so als Erinnerung....
sucramotto 07.10.2015
2. Extrem tragisch
Extrem tragisch ist dieser Zwischenfall, der niemals hätte passieren dürfen. Ich nehme dem General aber ab, wenn er sagt, dass die USA (oder jedes anderes halbwegs zivilisierte Land) niemals absichtlich eine medizinische Einrichtung bombardieren würden, denn damit würde man gar nichts erreichen, außer dass man sich noch unbeliebter macht. Aber so tragisch und unentschuldbar diese Vorfall ist. Solche furchtbaren Tragödien werden sich leider nie, in keinem kriegerischen Konflikt hundertprozentig ausschließen lassen.
sumfuiesse 07.10.2015
3. Den Haag
In Den Haag gibt es eine Institution, die sich Internationaler Strafgerichtshof nennt. Dort werden auch besonders Kriegsverbrechen verhandelt und vielleicht sollte man sich dort mal mit der Kriegstreiberei und Kollateralschäden der USA beschäftigen. Und bevor wieder dem ach so tollen Russland von den Foristen volle Unterstützung im Syrienkonflikt zugesagt wird. Die sind in Sachen Menschenrechte und ebenso Kriegsverbrechen eine der ersten, die man in Den Haag anklagen sollte.
von111derletzte 07.10.2015
4. Soso,
Zitat von sumfuiesseIn Den Haag gibt es eine Institution, die sich Internationaler Strafgerichtshof nennt. Dort werden auch besonders Kriegsverbrechen verhandelt und vielleicht sollte man sich dort mal mit der Kriegstreiberei und Kollateralschäden der USA beschäftigen. Und bevor wieder dem ach so tollen Russland von den Foristen volle Unterstützung im Syrienkonflikt zugesagt wird. Die sind in Sachen Menschenrechte und ebenso Kriegsverbrechen eine der ersten, die man in Den Haag anklagen sollte.
Russland ist dem IStGH nicht beigtreten, die USA haben nicht mal ratifiziert. Also, vergessen Sie Ihren Wunsch. Afghanistan ist dabei. Die Frage ist doch: was hat die Afghanische Armee mitgeteilt? "Helft uns" oder "bombardiert genau dieses Gebäude". Selbst bei letzterem, hätte man wissen können, gar müssen, dass es sich um ein Krankenhaus handelt. Oder folgt das US-Militär mittlerweile den Befehlen afghanischer Truppeneinheiten? Ein tragischer Fehler der US. Alles andere sind Ausreden.
erni44 07.10.2015
5. Kollateralschaden?
Ich gehe auch davon aus das die USA nicht absichtlich ein Krankenhaus zerstört, in dem die Patienten in ihren Bette verbrennen. In dem Zusammenhang spricht man das fürchterliche Wort"Kollateralschaden" aus, was nichts anderes heißt wie, "kann doch jedem mal passieren". Wenn das so ist, sollte man dieses Kriterium auch auf alle anderen Beteiligten anwenden. Jeder Krieg ist nun einmal psychopatisch, und pervers. Die USA ist meiner Meinung nach nicht in der Lage den Terrorismus mit Erfolg zu bekämpfen.
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