Afghanistan-Kommandeur Nicholson "Taliban, die nicht verhandeln, werden getötet"

Mehr Luftschläge, mehr Operationen von Kommandosoldaten - so wollen die USA die afghanischen Taliban besiegen. US-Kommandeur Nicholson spricht über die neue Offensive und die Fehler des Westens am Hindukusch.

AP

Ein Interview von


Die Sicherheitslage in Afghanistan verschlechtert sich dramatisch. Praktisch täglich werden aus der Hauptstadt Kabul verheerende Selbstmordattentate gemeldet. Die von den radikalislamistischen Taliban kontrollierten Gebiete wachsen, mehr als die Hälfte des Lands werden de facto von den Schattengouverneuren der Terrormiliz regiert.

John Nicholson, 60, kennt die Lage wie kaum ein anderer. Der US-Viersternegeneral kommandiert sowohl die Nato-Ausbildungsmission "Resolute Support" als auch die Antiterrormission der USA, die Taliban jagt und afghanische Spezialkommandos unterstützt. SPIEGEL ONLINE traf ihn in seinem Hauptquartier. Im Interview spricht er über die Strategie der Amerikaner am Hindukusch, die schwerwiegenden Folgen des Truppenabzugs und die Verantwortung Pakistans für die Sicherheit der Region.

Zur Person
  • AFP
    In der US-Armee ist John Nicholson auch als "Mr Afghanistan" bekannt. Seit 2006 war der 60-Jährige Soldat mehrmals am Hindukusch eingesetzt. Sogar seine Frau lernte Nicholson in Afghanistan kennen, beide teilen die Faszination für den Krisenstaat. Heute ist der Viersternegeneral in Kabul der oberste Befehlshaber aller internationaler Soldaten im Land.

SPIEGEL ONLINE: General Nicholson, Sie scheinen einer der letzten Optimisten auf diesem Planeten zu sein.

John Nicholson: Als Militär musst du das sein.

SPIEGEL ONLINE: Seit mittlerweile 16 Jahren versucht die Nato, Afghanistan zu stabilisieren. Bisher ohne Erfolg. Sie allerdings wirken recht sicher, dass es zu schaffen ist.

Nicholson: Als Soldat bin ich das letzte Glied in der Kette, setze Politik in die Realität um. Heute glaube ich, dass wir den richtigen Weg eingeschlagen haben. In Warschau hat die Nato entschieden, dass wir Afghanistan weiter unterstützen. Die USA haben eine Strategie für einen entschiedeneren Krieg vorgelegt, sowohl in Afghanistan als auch in der Region. Daher mein Optimismus.

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SPIEGEL ONLINE: Als Präsident Trump die neue Strategie ankündigte, sprach er wörtlich davon, dass die USA siegen werden. Ein kühnes Ziel, oder?

Nicholson: Der Begriff "Sieg" ist für mich an drei Faktoren geknüpft. Zunächst müssen wir die Unterstützung der Taliban aus Pakistan abschneiden. Gleichzeitig erhöhen wir den militärischen Druck, greifen sie häufiger und aggressiver an, treiben sie vor uns her. Am Ende müssen wir 80 Prozent der belebten Gebiete von Afghanistan zurückerobern. Dieses Jahr muss es dann glaubhafte Wahlen geben, das macht noch mal Druck. Erreichen wir diese Ziele, sollte am Ende eine Verhandlungslösung zwischen der Kabuler Regierung und Taliban möglich werden.

SPIEGEL ONLINE: Alle diese Ziele hatte die Nato in den vergangenen Jahren auch, ohne Erfolg. Was ist anders heute?

Nicholson: Aus meiner Sicht macht Präsident Ashraf Ghani den Unterschied. Er ermöglicht, was bisher undenkbar war. Im Mai vergangenen Jahres zum Beispiel, die Taliban hatten da gerade Hunderte Soldaten in Masar-e-Scharif getötet, hat er endlich hochrangige Entscheider für das Militär entlassen. Der Verteidigungsminister, der Generalstabschef und fünf der Korpskommandeure, alle mussten gehen.

SPIEGEL ONLINE: Der Schritt war überfällig, die Herrschaften waren schlicht inkompetent.

Nicholson: Gut möglich, aber es war trotzdem ein Anfang. Ghani hat jetzt junge Leute in die Armeeführung gehievt, sie sind zehn oder zwanzig Jahre jünger als ihre Vorgänger und viel besser ausgebildet. Zudem gibt es endlich ein Verrentungssystem. Früher blieben die Generäle auf ihrem Posten, bis sie 70 waren. Die neue Regel wird nun zum Ausscheiden von 2500 Generälen führen. Eine neue Generation kommt, das sind unumkehrbare Schritte.

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USA vs. Taliban: Afghanischer Abnutzungskrieg

SPIEGEL ONLINE: Vor allem aber hat der Präsident Ihnen völlige Freiheit für den militärischen Kampf gegen die Taliban gegeben. Anders als sein Vorgänger beschwert er sich auch nicht mehr, selbst wenn mal etwas schiefgeht.

Nicholson: Meine Männer begleiten die afghanischen Kommandos beim Kampf gegen die Taliban. Sie brauchen Unterstützung von unseren Bombern. Bis zum Herbst 2016 konnten wir aber nur zuschlagen, wenn unsere Soldaten in Lebensgefahr waren. Ich habe deswegen darauf gedrängt, dass wir auch Offensiven mit Luftschlägen unterstützen dürfen. Ich kann nicht warten, bis die Afghanen oder wir unter Druck kommen, wir müssen die Front nach vorne schieben. Die Genehmigung hat die Situation auf dem Kampffeld deutlich verändert.

SPIEGEL ONLINE: Wie denn?

Nicholson: Den Taliban ist es nicht mehr gelungen, eine größere Stadt zu überrennen. Wir haben viele von ihren Kämpfern getötet, erfreulicherweise auch viele wichtige Anführer. Genau so wollen wir weitermachen.

SPIEGEL ONLINE: Wie aber soll das zu Verhandlungen führen?

Nicholson: Die Taliban können unserem militärischen Druck auf Dauer nicht standhalten. Sie müssen sich entscheiden: Entweder sie verhandeln über einen Friedenspakt oder ihnen bleibt nur die Option, in einem aussichtslosen Kampf zu sterben. Oder sie können sich irgendwo in Afghanistan verstecken und irrelevant werden.

SPIEGEL ONLINE: Bisher zeigen die Taliban nicht viel Bereitschaft für Gespräche.

Nicholson: Das täuscht, hinter den Kulissen gibt es immer wieder Kontakt. Bisher sind das meist niedrige Kader der Taliban. Eines aber ist klar: Taliban, die nicht verhandeln, werden getötet. Das ist übrigens der Wille aller Afghanen.

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SPIEGEL ONLINE: Das heißt, die USA kehren zurück zu einer Jagd auf die Taliban-Führer wie vor einigen Jahren?

Nicholson: Es ist nicht nur eine Jagd auf die Führer. Wir greifen auch das kriminelle Rückgrat der Taliban an. Dieses Drogenkartell macht mehr Geld mit dem Schmuggel von Opium und Heroin, als es für den Krieg braucht. Mit meinen neuen Rechten kann ich nun Drogenlabore und Lager bombardieren. 2017 haben wir Drogen für rund 80 Millionen Dollar vernichtet. Sobald wir neue Ziele haben, werden wir wieder loslegen.

SPIEGEL ONLINE: Was Sie beschreiben, klingt ziemlich genau wie die Strategie in der Hochphase der Afghanistan-Kriegs rund um das Jahr 2006.

Nicholson: Wir müssen den Druck erhöhen. Wir müssen zurück in die Offensive, anders wird es nicht gehen. Im Unterschied zu 2006 aber, damals hatten wir 145.000 Soldaten am Boden, kämpfen nun die Afghanen. Wir unterstützen sie nur, wir helfen dabei, dass sie noch aggressiver sein können. Wir müssen die Taliban massiv in die Enge treiben, nur dann werden sie verhandeln.

SPIEGEL ONLINE: Die 3800 zusätzlichen Nato-Soldaten kommen nur als Trainer, kämpfen dürfen sie nicht.

Nicholson: Aber sie unterstützen die Offensiv-Fähigkeiten der Afghanen durch ihr Training. Wichtig ist, dass die Nato den Aufbau von Spezialkommandos der Afghanen mit voranbringt, wir brauchen sie für mehr offensive Operationen gegen die Taliban. Entscheidend ist auch der Aufbau einer eigenen Luftwaffe. All das wird den Feind stärker unter Druck setzen.

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SPIEGEL ONLINE: Sie erwähnten Pakistan. Das Land steht seit Jahren in der Kritik, weil es die Taliban unterstützt. Genutzt hat diese Kritik bisher nichts.

Nicholson: Der Druck ist jetzt stärker denn je. Präsident Trump und seine Minister haben Pakistan öffentlich gedroht, seitdem wird viel ernster geredet. Ich habe den Umgang von zwei Regierungen mit Pakistan gesehen, keine war so deutlich wie die jetzige. Bisher haben wir immer geglaubt, Pakistan mit Anreizen auf die richtige Seite zu ziehen. Die neue Strategie benennt nun Strafen. Wir brauchen dieses Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche.

SPIEGEL ONLINE: Was hat die Vorgänger-Regierung noch falsch gemacht?

Nicholson: Der Zeitplan für den Abzug der ausländischen Truppen im Jahr 2014 war ein Fehler, eine völlig falsche Botschaft an den Feind. Im Krieg geht es darum, wer den stärkeren Willen hat. Wir signalisierten damals, dass unser Wille schwach oder sogar verschwunden war.

SPIEGEL ONLINE: Der Zeitplan war eine Idee, um die afghanische Regierung unter Reformdruck zu setzen.

Nicholson: Das mag sein. Am Ende aber haben wir haben uns zu schnell zurückgezogen. Wir kündigten ein Datum an und zogen pünktlich ab. Wir holten unsere Mentoren aus den Einheiten, obwohl wir wussten, dass sie noch nicht allein kämpfen konnten. Was blieb war eine Minimalpräsenz, die nur noch Kontakt zu Generälen hatte.

SPIEGEL ONLINE: Die USA haben nun einen Vierjahresvertrag über die Ausbildung mit den Afghanen geschlossen. Viele glauben, danach zieht sich auch die US-Armee zurück.

Nicholson: Das stimmt nicht. Wir haben den Vertrag abgeschlossen, nachdem die Nato Zusagen für die kommenden vier Jahre beschlossen hatte. Wir und Präsident Ghani haben danach geplant, wie wir diese vier Jahre möglichst effektiv gestalten können. Wir bleiben jedoch bei der Strategie, einen Abzug anhand der Lage am Boden zu planen. Die USA werden so lange wie nötig bleiben.

insgesamt 134 Beiträge
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Seite 1
lafari 15.02.2018
1.
Die amerikaner kriegen nichts gebacken, sie sind schlicht und einfach gescheitert.
vincent-april 15.02.2018
2. Notfalls 30 Jahre dort bleiben
bis die erste Generation in Frieden aufgewachsen ist und es stabile Verhältnisse in der Gesellschaft gibt. Dann erst darf man dort weggehen.
dill 15.02.2018
3. "Die Taliban können unserem Druck auf Dauer nicht standhalten"
Nein, nur seit 17 Jahren und seit 100 Jahren Briten und Russen.
spon-facebook-10000122439 15.02.2018
4.
Ähnlich war auch das Vokabular eines Herrn Westmoreland ,der immer das Licht am Ende des Tunnels sah , obwohl tiefste Finsternis herrschte. Guten Tag.
Hans_Suppengrün 15.02.2018
5.
Hätte ich in den letzten 15 Jahren jedes mal 10 Cent gekriegt, wenn die Amerikaner oder die NATO wieder eine völlig neue, und dieses mal auch ganz bestimmt erfolgreiche Afghanistan-Strategie angekündigt haben, hätte ich in den letzten Jahren mehr Geld gemacht, als mit einem mutigen Bitcoin-Portfolio...
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