Afghanistan: US-Spezialeinheiten töten Top-Talib bei Kunduz

Von Shoib Najafizada, Kabul

Er starb auf dem Weg zu einer Beerdigung: Bei einem von den USA angeführten Präzisionsluftschlag ist der Taliban-Schattengouverneur der Provinz Kunduz getötet worden. Deutsche Einheiten waren an der Aktion offenbar nicht beteiligt.

US-Soldaten in Afghanistan: Tödlicher Schlag gegen Schatten-Gouverneur Zur Großansicht
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US-Soldaten in Afghanistan: Tödlicher Schlag gegen Schatten-Gouverneur

Kunduz - Mit dem hochrangigen Taliban-Kommandeur kamen mehrere seiner Berater bei dem Präzisionsluftschlag der internationalen Schutztruppe Isaf ums Leben. Sie seien nordöstlich von Kunduz in einem Fahrzeug unterwegs gewesen, heißt es in einer Mitteilung der Isaf.

Bei dem Taliban-Anführer handelt es sich um Mullah Noor Mohammad. Er war vor etwa zwei Monaten aus der südafghanischen Taliban-Hochburg Helmand nach Kunduz gekommen, nachdem Mullah Salam, sein Vorgänger als Schattengouverneur, in Pakistan festgenommen worden war. Noor Mohammad war mit drei anderen Kommandeuren auf dem Weg nach Dascht-i-Archi, wo eine Beerdigung von mehreren am Wochenende getöteten Taliban stattfinden sollte.

Der Taliban-Kommandeur sei "an allen Aspekten der Militäroperation (der Aufständischen) in der Provinz Kunduz" beteiligt gewesen, heißt es in einer Mitteilung der Isaf. Er sei verantwortlich dafür gewesen, Zielprioritäten zu setzen, Waffen zu verteilen und Angriffe gegen ausländische und afghanische Sicherheitskräfte zu leiten.

Mit der Ernennung der sogenannten Schattengouverneure wollen die Taliban ihre Macht im Land verdeutlichen. Da die Zentralregierung von Hamid Karzai außerhalb von Kabul kaum Einfluss hat und weder Polizei- noch der Justizapparat funktionieren, bieten sich die Aufständischen als Parallelregierung an. Von der Klärung bei Familienstreits bis zu Eigentumsfragen erledigen die Schattengouverneure alle Aufgaben, die sonst eine Regierung hätte. Daneben freilich organisieren sie auch den bewaffneten Widerstand gegen die internationalen Truppen.

Bundeswehr und KSK an der Aktion nicht beteiligt

Deutsche Einheiten waren dem Vernehmen nach nicht an der gezielten Tötung des Kommandeurs beteiligt. Für die Bundeswehr, auch für die Eliteeinheit Kommando Spezialkräfte KSK, gilt generell, dass Verdächtige festgenommen und nicht getötet werden sollen. Die US-Spezialeinheiten, die rund um Kunduz mit von ihnen trainierten Afghanen agieren, gehen robuster vor und haben in den letzten Monaten mindestens zwei Dutzend Taliban-Kommandeure rund um Kunduz eliminiert.

Die USA haben ihre militärischen Aktivitäten in der Region in den letzten Monaten massiv verstärkt. Mehr als 5000 zusätzliche US-Soldaten, beinahe so viel wie Deutsche in dem Gebiet, will US-Oberbefehlshaber Stanley McChrystal bis zum Sommer stationieren, neben den Soldaten schickt er auch Dutzende Kampfhubschrauber und geheim agierende Spezialeinheiten. Vor allem die berüchtigte "Task Force 373", die seit dem Sommer in Masar-i-Scharif eingezogen ist, macht Jagd auf die Taliban.

Bei einem Besuch vergangene Woche hatte McChrystal abseits der offiziellen Termine mehr Operationen gegen die Taliban in ihren Hochburgen rund um Kunduz und Baghlan angekündigt. "Wir haben dort schon viel gemacht, und wir werden dieses Jahr gemeinsam noch mehr machen", sagt er im Gespräch mit wenigen Journalisten. Das Regionalkommando der Deutschen bezeichnet er als "extrem wichtig", vor allem wegen der neuen Nato-Versorgungsroute, eine Schwachstelle der Allianz.

Bei der Bundeswehr gibt es durchaus Sorgen, dass die Amerikaner den Deutschen die Führungsgewalt für den Norden schleichend abnehmen werden. Symbolisch will Guttenberg deshalb möglichst bald einen Zweisterne-General als neuen Regionalkommandeur einsetzen, den Job soll der Generalmajor Hans Werner Fritz machen. Die USA entsenden als Stellvertreter bald einen General der Special Forces nach Masar-i-Scharif, bis dahin soll möglichst auch der 56-Jährige Fritz sein Kommando in Nordafghanistan übernommen haben.

In der Provinz Kunduz waren am Karfreitag drei deutsche Soldaten in einem Hinterhalt der Taliban getötet worden. Bei einer Operation in der Nachbarprovinz Baghlan waren vor knapp zwei Wochen vier Bundeswehrsoldaten bei einem Anschlag und unter Beschuss gestorben.

Seit Jahresbeginn haben die US-Streitkräfte in der afghanisch-pakistanischen Grenzregion mehr als 30 Raketen von Drohnen aus abgefeuert und dabei zahlreiche mutmaßliche Aufständische getötet. Zwar protestiert Pakistan immer wieder gegen den Einsatz der Drohnen über seinem Gebiet, doch sollen pakistanische Militärs die Angriffe insgeheim unterstützen.

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insgesamt 72 Beiträge
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1. .
frubi 26.04.2010
Zitat von sysopEr starb auf dem Weg zu einer Beerdigung: Bei einem von den USA angeführten Präzisionsluftschlag ist der Schattengouverneur der Provinz Kunduz getötet worden. Deutsche Einheiten waren an der Aktion offenbar nicht beteiligt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,691269,00.html
Da man nun keine Menschen mehr in Guantanamo einsperren darf werden die jetzt also direkt vor Ort getötet. Auf dieser Basis lässt sich ein 1A Rechtsstaat aufbauen. Weiter so. Vorbild für die Menschen vor Ort. Wieso sieht man nicht zu, dass man diese Terroristen in Militärgefägnisse vor Ort schafft und diese dann Verurteilt wenn die Afghanen einen eigenen Rechtstaat haben. Oder man traut ihnen eben dieses nicht zu und versucht bis 2011 so viele Talib`s wie möglich zu töten.
2. Es nervt
Pu239 26.04.2010
Zitat von sysopEr starb auf dem Weg zu einer Beerdigung: Bei einem von den USA angeführten Präzisionsluftschlag ist der Schattengouverneur der Provinz Kunduz getötet worden. Deutsche Einheiten waren an der Aktion offenbar nicht beteiligt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,691269,00.html
Tja, man sieht, die Bunzwehr ist dort überflüssig und kann abrücken.
3. ++
saul7 26.04.2010
Zitat von sysopEr starb auf dem Weg zu einer Beerdigung: Bei einem von den USA angeführten Präzisionsluftschlag ist der Schattengouverneur der Provinz Kunduz getötet worden. Deutsche Einheiten waren an der Aktion offenbar nicht beteiligt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,691269,00.html
Für einen getöteten Taliban kommen wahrscheinlich zwei neue nach....
4. sie scheinen ...
Leuchtturm 26.04.2010
Zitat von frubiDa man nun keine Menschen mehr in Guantanamo einsperren darf werden die jetzt also direkt vor Ort getötet. Auf dieser Basis lässt sich ein 1A Rechtsstaat aufbauen. Weiter so. Vorbild für die Menschen vor Ort. Wieso sieht man nicht zu, dass man diese Terroristen in Militärgefägnisse vor Ort schafft und diese dann Verurteilt wenn die Afghanen einen eigenen Rechtstaat haben. Oder man traut ihnen eben dieses nicht zu und versucht bis 2011 so viele Talib`s wie möglich zu töten.
es immer noch nicht begriffen zu haben! Auc wenn völkerrechtlich es sich nicht um Krieg sondern um einen internationalen bewaffneten Konflikt handelt: Die Taliban sind als Feinde der Internationalen Organisationen vor Ort zu betrachten, die gegen die dort stationierten Truppen mit militärischer Gewalt nach Art der Partisanen vorgehen. Auf genau dessen Konto gehen die sieben im April getöteten Bundeswehrsoldaten. Folglich sind die Taliban zu vernichten. Basta!!
5. .
PeteLustig 26.04.2010
Zitat von frubiDa man nun keine Menschen mehr in Guantanamo einsperren darf werden die jetzt also direkt vor Ort getötet. Auf dieser Basis lässt sich ein 1A Rechtsstaat aufbauen. Weiter so. Vorbild für die Menschen vor Ort. Wieso sieht man nicht zu, dass man diese Terroristen in Militärgefägnisse vor Ort schafft und diese dann Verurteilt wenn die Afghanen einen eigenen Rechtstaat haben. Oder man traut ihnen eben dieses nicht zu und versucht bis 2011 so viele Talib`s wie möglich zu töten.
Wie würden Sie denn bis auf die Zähne bewaffnete, mit Sprengstoff und Granaten versorgte und zu allem Überfluss auch noch selbstmordbereite Märtyrer in spe festnehmen? Und jetzt bitte nicht die öde Schreibtisch-Leier: Die Soldaten machen das beruflich und müssen dieses Risiko eingehen.
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Präsident Karzai: "Härtester Job der Welt"

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Hamid Karzai
AFP
Hamid Karzai ist der derzeit amtierende Präsident Afghanistans. Nach der ersten Phase des Afghanistan-Kriegs hatten ihn die USA und die Uno auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 als Regierungschef einer afghanischen Interimsregierung durchgesetzt. Die Loya Jirga wählte Karzai 2002 zum Präsidenten einer Übergangsregierung, und nach Verabschiedung einer neuen Verfassung bestimmten ihn die Afghanen 2005 in direkter Wahl zu ihrem Präsidenten. Durch den Einfluss der Warlords blieb Karzais Macht jedoch beschränkt. Zuletzt verlor er auch die Unterstützung der USA.

Hamid Karzai wurde 1957 in Kandahar geboren. Er gehört dem mächtigen Paschtunen-Stamm der Popalzai an, der mehrere afghanische Könige hervorbrachte. Karzai studierte in Indien und hielt sich immer wieder in den USA auf. Zusammen mit den Mudschahidin kämpfte er in den achtziger Jahren gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans . Aus dem Exil in Pakistan unterstützte Karzai die Taliban zunächst, wandte sich dann aber gegen das Regime, dem auch die Ermordung seines Vaters zugeschrieben wird. Nach Beginn der amerikanischen Militäraktion in Afghanistan kehrte Karazi 2001 in seine Heimat zurück und stellte sich an die Spitze der Anti-Taliban-Bewegung in der Region Kandahar.

Präsidentschaftswahlen
dpa
Am 30. August 2009 wählten die Afghanen ihren neuen Präsidenten. Doch es kam zu massiven Fälschungen, insbesondere zugunsten Karzais. Die Auszählungsergebnisse in 210 Wahllokalen wurden anschließend für ungültig erklärt. Karzai, der sich zuvor als Sieger gesehen hatte, verfehlte nach dem um manipulierte Stimmen bereinigten Endergebnis die absolute Mehrheit: Er erreichte nur 49,67 Prozent der Stimmen.

Eine Stichwahl zwischen Karzai und Ex-Außenminister Abdullah Abdullah sollte die Entscheidung bringen. Doch der Herausforderer zog seine Kandidatur zurück mit der Begründung, es könne wie im ersten Durchgang erneut zu Unregelmäßigkeiten kommen. Die afghanische Wahlkommission rief Karzai daraufhin erneut zum Präsidenten aus.

Isaf-Einsatz
DDP
Nach Beginn des Afghanistan-Kriegs 2001 und dem Sturz der radikal-islamischen Taliban beschloss der Uno-Sicherheitsrat , eine internationale Schutztruppe im Land ( Isaf ) einzusetzen. Sie soll den Wiederaufbau Afghanistans zu einer Demokratie absichern, auch indem sie zivile Wiederaufbauteams (PRTs) schützt, von denen derzeit 26 tätig sind.

Der Einsatz war zunächst auf die Hauptstadt Kabul und deren Umgebung beschränkt und wurde bis 2006 auf das ganze Land ausgeweitet. Seit 2003 führt die Nato die Isaf. Derzeit gehören ihr mehr als 119.000 Soldaten aus 46 Nationen an, darunter auch aus Nicht-Nato-Staaten wie Australien und Neuseeland.
Deutschland übernahm 2006 das Isaf-Kommando für den Norden Afghanistans. 2007 bestellte die Bundeswehr sechs Aufklärungsflugzeuge vom Typ Tornado ab, die Luftbilder aus ganz Afghanistan für Isaf liefern. Die Bundesrepublik stellt derzeit mit mehr als 4000 Soldaten die drittgrößte Truppe nach den USA und Großbritannien.

Probleme in Afghanistan
AFP
Da die Taliban inzwischen wieder an Stärke gewonnen haben, nehmen die militärischen Auseinandersetzungen zu. Besonders hart umkämpft ist der Osten des Landes, wo die meisten US-Soldaten stationiert sind. Die schwer kontrollierbaren Stammesgebiete Pakistans gelten als Rückzugsgebiet und Nachschubbasis der Taliban.

Die Stabilisierung Afghanistans wird durch Korruption, die bis in höchste Regierungskreise verbreitet ist, sowie durch Drogenproduktion und -schmuggel erschwert.

Opium-Wirtschaft
REUTERS
Obgleich die afghanische Übergangsregierung unter Karzai im Januar 2002 den Schlafmohnanbau verboten hat, ist der Drogenanbau rasch wieder zum dominierenden Wirtschaftszweig Afghanistans geworden. Das Land ist der weltweit größte Produzent von Rohopium .

Mit Einnahmen aus dem Drogenschmuggel finanzieren die Taliban ihren Kampf gegen Karzais Regierung und die ausländischen Truppen. Die Bekämpfung ist problematisch, weil viele Menschen von dem Handel leben. Isaf -Soldaten sind inzwischen befugt, gegen Drogenhändler vorzugehen und Laboratorien zu zerstören, in denen Schlafmohn zu Opium verarbeitet wird.

Afghanistan-Krieg
REUTERS
Der Afghanistan-Krieg der USA und ihrer Verbündeten war die erste große militärische Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 . Er richtete sich sowohl gegen das Terrornetzwerk al-Qaida , das für die Anschläge verantwortlich gemacht wird, als auch gegen das seit Mitte der neunziger Jahre in Afghanistan herrschende islamisch-fundamentalistische Taliban -Regime.

Die Taliban wurden bezichtigt, Osama Bin Laden und andere hochrangige Mitglieder von al-Qaida zu unterstützen und zu beherbergen.

Die erste Kriegsphase endete mit dem Fall der Hauptstadt Kabul und der Provinzhauptstädte Kandahar und Kunduz im November und Dezember 2001. Auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 wurde eine Interimsregierung unter Präsident Hamid Karzai eingesetzt und die Einberufung einer verfassunggebenden Loya Jirga beschlossen. Gleichzeitig erteilte der Uno-Sicherheitsrat den Nato-Staaten und mehreren Partnerländern das Isaf -Mandat zur Unterstützung des Wiederaufbaus.

Fotostrecke
Terrorvideo aus Afghanistan: Propaganda mit angeblichen Attacken