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Afghanistan: US-Talibanjäger rücken in Bundeswehr-Sektor ein

Verteidigungsminister Jung wurde spät informiert und ist nun verärgert: Die "US Special Forces", für ihr ruppiges Vorgehen bekannt, haben Quartier im deutschen Afghanistan-Stützpunkt Masar-i-Scharif bezogen. Die Bundeswehr selbst steht nach dem Nato-Angriff auf Tankwagen international in der Kritik.

Task-Force-Soldat in Afghanistan: 300 Mann rücken in Masar-i-Scharif ein Zur Großansicht
REUTERS

Task-Force-Soldat in Afghanistan: 300 Mann rücken in Masar-i-Scharif ein

Hamburg - Die "Special Forces" der USA sind berüchtigt für die "Kollateralschäden", die sie bei ihren Einsätzen anrichten. Immer wieder sterben Zivilisten, wenn die amerikanischen Spezialisten im Einsatz sind. Ausgerechnet im deutschen Stützpunkt Masar-i-Scharif rückt nun aber nach SPIEGEL-Informationen deren "Task Force 373" mit etwa 300 Mann ein. Sie sollen im Rahmen der Anti-Terror-Operation "Enduring Freedom" gezielt Jagd auf Taliban und Terroristen machen.

Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) erfuhr davon aber erst vergangene Woche - obwohl die Anfrage der USA schon Anfang August in Berlin eingegangen war und erste "Special Forces" bereits Quartier genommen haben. Jung sei verärgert über Staatssekretär Peter Wichert, hieß es in Berlin, weil eine Vorlage der Militärs in dessen Büro liegengeblieben sei.

Massive Kritik kommt von der Opposition. Die FDP-Abgeordnete Elke Hoff sagte SPIEGEL ONLINE: "Der Minister muss davon gewusst haben." Sie selbst sei Mitte Juni in Kunduz gewesen. "Da sprachen schon alle von den US-Kräften." Dass Jung dies erst spät erfahren haben soll, sei "absolut abenteuerlich". Falls er aber tatsächlich erst spät in Kenntnis gesetzt worden sei, dann sei dies "untragbar".

Derweil müssen sich Jung und die Bundeswehr wachsende internationale Kritik für den von der Bundeswehr angeforderten Angriff auf zwei entführte Tankwagen anhören. Der französische Außenminister Bernard Kouchner hat das Bombardement in Afghanistan als "großen Fehler" kritisiert. Er betonte am Samstag in Stockholm, er wolle keine Schuld zuweisen, forderte aber eine gründliche Untersuchung. Bei dem Nato-Angriff am Freitag wurden nach afghanischen Angaben bis zu 72 Menschen getötet.

Der folgenschwere Luftangriff hat möglicherweise auch juristische Folgen. Die Staatsanwaltschaft Potsdam prüft, ob sie ein Ermittlungsverfahren gegen den verantwortlichen deutschen Offizier einleitet.

Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn sagte, er verstehe nicht, dass Bomben so einfach und so schnell abgeworfen werden könnten. "Es muss doch auch in der Nato Regeln geben. Und darum bin ich natürlich dafür, dass die Sache genau untersucht wird", fügte er hinzu. "Auch wenn nur ein Zivilist dabei war, ist diese Aktion eine Aktion, die nicht hätte stattfinden dürfen." EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner sprach von einer "großen Tragödie".

FDP-Politikerin Hoff sagte dazu: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Entscheidung für den Luftangriff allein vor Ort gefällt wurde. Man muss die politisch Verantwortlichen in Deutschland klar benennen."

Jung: Nur Aufständische getötet / US-General: Aber Zivilisten verletzt

Jung verteidigte den Einsatz dagegen und verwies auf eine "sehr konkrete Gefahrenlage". Die Bundeswehr hatte die Nato-Luftunterstützung nach einem Taliban-Überfall auf zwei ihrer Tanklastzüge angefordert, um einem Selbstmordanschlag auf die Bundeswehr vorzubeugen, wie Verteidigungsstaatssekretär Thomas Kossendey erklärte. Jung zufolge wurden ausschließlich 57 Aufständische getötet. Der US-General Stanley McChrystal, der den Ort des Angriffs besuchte hatte, betonte indes, unter den Verletzten seien auch Zivilisten. Der Oberkommandierende der US- und Nato-Truppen in Afghanistan sprach am Samstag bei Pressekonferenz in Kunduz von einem "ernsten Vorfall", der zeigen werde, ob die Nato zu Transparenz bereit.

Der Gouverneur der betroffenen Region, Mohammed Omar, gab die Zahl der Opfer mit mindestens 72 an. Etwa 30 von ihnen seien als Aufständische identifiziert worden. Nato und Uno haben inzwischen eine Untersuchung eingeleitet. Die Staatsanwaltschaft Potsdam prüft, ob ein Ermittlungsverfahren gegen den verantwortlichen deutschen Offizier eingeleitet werden muss, berichtet die "Bild am Sonntag".

Die radikalislamischen Taliban setzen inzwischen ihre Angriffe fort. Am Samstag verübten sie einen Anschlag auf einen Konvoi der Bundeswehr nahe der afghanischen Stadt Kunduz. Dabei gab es nach jüngsten Angaben fünf verletzte deutsche Soldaten. Es handele sich um leichte Verwundungen, sagte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam. Die Soldaten seien inzwischen wieder im Camp des Regionalen Wiederaufbauteams in Kunduz. Neben den Soldaten wurde auch ein afghanischer Dolmetscher bei dem Anschlag drei Kilometer nordöstlich des Bundeswehr-Camps leicht verletzt.

Der Gouverneur der Provinz Kunduz, Mohammed Omar, sagte SPIEGEL ONLINE, seinen Informationen zufolge sei ein Auto explodiert, als eine Patrouille der Bundeswehr nahe dem Ort Baghie Milie daran vorbeifuhr. Die Taliban bekannten sich zu der Tat.

ler/AP/dpa

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Forum - Welchen Sinn hat der Einsatz in Afghanistan?
insgesamt 5308 Beiträge
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1. Regierungshobby
Rainer Daeschler, 01.08.2009
Der Sinn, bzw. das Ziel, wird immer diffuser. An Afghanistan hat sich die Bundeswehr in Öffentlichkeits verträglicher Weise mit Hacke und Schaufel als Aufbauhelfer angeschlichen, um dann mit Schützenpanzer und Sturmgewehr gegen den mehrheitlichen Willen der Bundesbürger weiterzumachen. Inzwischen ist der Afghanistaneinsatz nur noch ein "Regierungshobby".
2. Welchen Sinn hat der Einsatz in Afghanistan?
Hilfskraft 01.08.2009
Zitat von sysopDie Kämpfe in Afghanistan weiten sich aus. Ein Fortschritt ist von außen schwer zu erkennen. Macht die Anwesenheit der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan noch Sinn? Diskutieren Sie mit!
Seit Anfang an absolut keinen Sinn. Genau genommen sind wir auf Dubbelju´s Geheiss dort als Besatzer einmarschiert und der ist nicht mehr. Resultat: Terrorwarnungen ohne Ende. Davor gab es das nicht. H.
3. Krieg oder Frieden
Palmstroem, 01.08.2009
Zitat von Rainer DaeschlerDer Sinn, bzw. das Ziel, wird immer diffuser. An Afghanistan hat sich die Bundeswehr in Öffentlichkeits verträglicher Weise mit Hacke und Schaufel als Aufbauhelfer angeschlichen, um dann mit Schützenpanzer und Sturmgewehr gegen den mehrheitlichen Willen der Bundesbürger weiterzumachen. Inzwischen ist der Afghanistaneinsatz nur noch ein "Regierungshobby".
Es fehlt dem Volk oft nur der Weitblick. In der Region IRAN, AFGHANISTAN, KAUKASUS, PAKISTAN, IRAK, SAUDI-ARABIEN wird über Krieg oder Frieden in den nächsten 50 Jahren eine Entscheidung fallen. Und sie wird auch uns betreffen, egal ob die Bundesbürger mehrheitlich dafür oder dagegen sind.
4.
tom gardner 01.08.2009
Zitat von HilfskraftSeit Anfang an absolut keinen Sinn. Genau genommen sind wir auf Dubbelju´s Geheiss dort als Besatzer einmarschiert und der ist nicht mehr. Resultat: Terrorwarnungen ohne Ende. Davor gab es das nicht. H.
aber etwas anderes gab es bis zum tag des anschlages, der als grund fuer den einsatz in afghanistan angegeben wird - eine enge mitarbeit des angeblichen terrorfuersten osama bin laden bei den geheimdiensten der usa: "Bombshell: Bin Laden worked for US till 9/11" (http://www.dailykos.com/story/2009/7/31/760117/-Bombshell:-Bin-Laden-worked-for-US-till-9-11)
5.
gg art 5 01.08.2009
Zitat von sysopDie Kämpfe in Afghanistan weiten sich aus. Ein Fortschritt ist von außen schwer zu erkennen. Macht die Anwesenheit der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan noch Sinn? Diskutieren Sie mit!
Ich stimme mit der Mehrheit überein. Überhaupt keinen Sinn. Die hier tun mir nicht Leid, denn die wollten dahin: http://www.dw-world.de/dw/function/0,,12356_cid_4533334,00.html Hingegen diese hier ja, denn sie haben unter der Besatzung nur zu leiden, aber wen in der Westlichen Welt interessiert´s schon? http://www.dw-world.de/dw/function/0,,12356_cid_4532869,00.html?maca=de-de_na-2225-xml-atom Und wie in jedem Krieg, werden die Opfer die durch den eigenen Einsatzt produziert werden bestimmt heruntergespielt. Ist nun mal so mit der Kriegspropaganda.
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